Wettstein Felix · Nationalrat · 2023-06-05
Wettstein Felix · Nationalrat · Solothurn · Grüne Fraktion · 2023-06-05
Wortprotokoll
Sollen ledige Frauen länger arbeiten als verheiratete Frauen? Sollen, umgekehrt, verheiratete Männer länger arbeiten als ledige Männer? Ich gehe in meinem Beitrag auf die Idee ein, dass man das Rentenalter periodisch an die Lebenserwartung anpassen solle, und möchte darlegen, warum ich das keine gute Idee finde.
Wir haben in der Schweiz eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit. Das ist ja eine erfreuliche Feststellung, vor allem dann, wenn man sieht, dass die gesunden Jahre, jene ohne Leiden und Behandlungsbedarf, noch stärker steigen als die Anzahl Lebensjahre insgesamt. Der Anstieg verläuft zwar etwas flacher als auch schon, aber allen Unkenrufen zum Trotz, allen Klagen über ungesunden Lebenswandel zum Trotz, steigt die Lebenserwartung sowohl für Frauen als auch für Männer. Im ersten Corona-Jahr gab es zwar einen Gegentrend, der Männer stärker als Frauen traf, doch inzwischen haben wir den vorherigen Trend wieder erreicht. Die Zahl jener Menschen, die älter als 65 oder 66 Jahre alt sind, ist also im Steigen begriffen. Gleichzeitig sind die Jahrgänge jener, die neu ins Erwerbsleben eintreten, kleiner.
An dieser Stelle passiert vielen ein Denkfehler, und mein Vorredner war gerade wieder ein Beispiel dafür. Sie nehmen die Gesamtzahl der heute 20- bis 65-Jährigen und dividieren diese Zahl durch jene der Über-65-Jährigen. Aus diesem Quotienten schliessen sie, dass die AHV in ein Defizit rutschen würde. Warum ist das ein Denkfehler? Weil für die Finanzierung der AHV nicht die Anzahl der 20- bis 65-Jährigen entscheidend ist, sondern die Lohnsumme aller Werktätigen, und diese Lohnsumme steigt. Sie ist in der Vergangenheit meistens stärker gestiegen als die Zunahme der Menschen im Pensionsalter. Das wird auch künftig so sein.
Wir haben unter den erwerbsfähigen Menschen einen Grad an Erwerbsbeteiligung wie kaum ein anderes Land der Welt. Über das Gesamte hinweg haben wir zudem gute Löhne. Beides wird noch zunehmen. Unter den Erwerbstätigen mit geringen Pensen, mehrheitlich sind es Frauen, wollen die meisten ihr Pensum ausbauen oder früher wieder in den Beruf einsteigen, wenn sie vorübergehend nicht drin waren. Das Lohnniveau wird weiter steigen, weil gut bezahlte Jobs anteilmässig zunehmen. Das tun sie nicht zuletzt, weil auch die durchschnittliche Kaufkraft der Menschen im Alter weiter zunimmt. Darum ist die Panikmache, lieber Herr Kollege Wasserfallen, wonach die AHV bald nicht mehr finanzierbar sei, wonach heute 20-Jährige vielleicht gar keine erste Säule mehr hätten, einfach unberechtigt. Hier ist Aufklärung gefragt - und da können Sie sich beteiligen.
Wenn man das Referenzalter für den Beginn des vollen AHV-Anspruchs an die Lebenserwartung koppeln will, auch mit einem Faktor 0,8, kommt eine zusätzliche Klippe hinzu. Scheren wir alle Leute über einen Kamm? Frauen werden bekanntlich im Durchschnitt rund vier Jahre älter als Männer. Soll also ihr Rentenanspruch vier Jahre später beginnen? Noch grösser ist der Unterschied der Lebenserwartung nach Bildungsabschluss: Menschen mit geringerer Schulbildung haben rund sechs Jahre weniger lang zu leben als Menschen mit Hochschulabschluss. Sollen sie also früher in Rente gehen dürfen, wenn ihre statistische Lebenserwartung sowieso tief ist, und sollen Gutgebildete entsprechend länger arbeiten? Damit würden wir die sozialen Unterschiede im Alter noch mehr erhöhen. Oder machen wir einen Unterschied nach Zivilstand? Ledige Frauen haben eine höhere Lebenserwartung als verheiratete Frauen, und bei den Männern ist es genau umgekehrt. Wollen wir das berücksichtigen, wenn wir das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln? Es liessen sich weitere Beispiele finden, warum diese Kopplung einfach keine gute Idee ist und zudem von falschen Überlegungen zur Entwicklung der Einnahmen der AHV ausgeht.
Ich bitte Sie, die Initiative zur Ablehnung zu empfehlen und die Gegenvorschläge abzulehnen.