Binder-Keller Marianne · Nationalrat · 2023-06-13
Binder-Keller Marianne · Nationalrat · Aargau · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2023-06-13
Wortprotokoll
Ich spreche hier zu einem Vorstoss, der in ähnlicher Form auch anlässlich der morgigen Gleichstellungsdebatte traktandiert ist. Es geht mir um die Aufwertung der Familienarbeit.
Die Debatte zur Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit richtet sich in der Regel vornehmlich darauf, wie und in welcher Form Strukturen geschaffen werden können, damit unsere gut ausgebildeten Mütter und Väter in möglichst hohen Pensen einer Erwerbsarbeit nachgehen können. Familienergänzende Betreuungsstrukturen sind dafür unumgänglich. Meines Erachtens braucht es jedoch bei diesem Thema einmal verstärkt einen Fokus auf das Potenzial der Familienarbeit selbst. Die dabei erworbenen Kompetenzen und Fähigkeiten sollten Teil der Arbeitsbiografie und als Wiedereinstiegskriterium anrechenbar sein.
Dass der gesellschaftliche Nutzen der Familienarbeit hoch ist, ist wohl unwidersprochen. Man stelle sich vor, sie würde fehlen. Wer sich einmal in der Situation befindet, jemanden dafür einstellen zu müssen, weiss, wovon ich spreche. In die Familienarbeit werden jährlich 6,5 Milliarden Arbeitsstunden investiert. Sie ist also auch volkswirtschaftlich gesehen unersetzlich. Angesichts der Tatsache, dass sich heutzutage 85 Prozent aller Paare Familienarbeit und Erwerbsarbeit aufteilen, sind es eben mehr und mehr auch die Männer, welche darin involviert sind.
2010 hat das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) die Aufwertung und Anerkennung der Familienarbeit gefordert. Es sei eine Verschwendung der Ressourcen, wenn Familienarbeit vorwiegend als Biografielücke fungiere und die dabei erworbenen Schlüsselkompetenzen wie Belastbarkeit, Flexibilität, Kommunikations- und Organisationsfähigkeit keine Rolle spielten. Diese Kompetenzen sind grundsätzlich auf dem Arbeitsmarkt gefragt, und ihre Bedeutung für die Wirtschaft hat signifikant zugenommen.
Es braucht Rahmenbedingungen, um Lücken im CV zu schliessen und um beiden Elternteilen bessere Chancen auf Teilhabe an der Erwerbstätigkeit zu ermöglichen; aktuelle Studien bestätigen dies auch. Der Arbeitsmarkt erleidet durch die mangelnde Anerkennung der Familienarbeit einen Kompetenz- und Fachkräfteverlust von etwa 50 Prozent. Die vom EBG verwendete Formulierung "Verschwendung von Ressourcen" kann klar adressiert und belegt werden. Die Anerkennung der informell in der Familie erworbenen Kompetenzen im Sinne einer allgemeingültigen und breit anerkannten Zertifizierung ist daher in einer Gesamtstrategie zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit zu berücksichtigen. Damit meine ich selbstverständlich nicht, dass jemand zuhause kontrolliert, ob man die Pasta versalzt. Es geht darum, dass die Kompetenzen einmal grundsätzlich analysiert werden, beispielsweise von einer Fachhochschule, und dann in die Arbeits- und Bewertungsprozesse integriert werden.
Die Aufwertung der Familienarbeit stärkt die Gleichstellung, da in der Familienarbeit Kompetenzen unabhängig vom [PAGE 1290] Geschlecht erworben werden. Sie erhöht die Chancen von Eltern beim Wiedereinstieg in den Beruf oder für eine Aufstockung des Pensums. Sie steigert somit mittel- und langfristig die Beschäftigungsquote vor allem von Frauen.
Der Bundesrat ist also gebeten, den volkswirtschaftlichen Nutzen der Familienarbeit aufzuzeigen und mittels Zertifizierung oder anderer geeigneter Massnahmen der Familienarbeit die notwendige Anerkennung zukommen zu lassen, dies gerade unter dem Aspekt der besseren Vereinbarkeit von Familienarbeit und Erwerbsarbeit und unter dem Aspekt der Gleichstellung.
Ich bitte Sie also, meinen Vorstoss zu unterstützen.