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Funiciello Tamara · Nationalrat · 2023-06-14

Funiciello Tamara · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2023-06-14

Wortprotokoll

Die Frage, die wir uns hier heute stellen müssen, ist: Sollen wir leben, um zu arbeiten, oder arbeiten, um zu leben? Unsere Gesellschaft wird immer produktiver. Denken wir nur daran, dass wir heute alle einen kleinen Computer in unserer Hosentasche haben, der uns ständig Post aushändigen kann, der dafür sorgt, dass wir andauernd erreichbar sind, und so unsere Produktivität massiv erhöht hat. Digitalisierung nennen wir das, die grösste Revolution auf dem Arbeitsmarkt seit der Industrialisierung. Vor hundert Jahren haben wir noch 90 Stunden pro Woche gearbeitet, ohne Sozialversicherungen, meist ohne Rente, mit mickrigen Löhnen. So war eine der grossen Errungenschaften der Industrialisierung bzw. der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, dass Arbeiter und Arbeiterinnen weniger Arbeitsstunden leisten mussten, und das bei höheren Löhnen. Dies war möglich, weil die gestiegenen Erträge verteilt wurden. Wir haben dafür gekämpft, dass alle ein "Stückli" des Kuchens erhalten, wenn auch nicht alle ein gleich grosses - allzu fest romantisieren müssen wir das Ding dann doch nicht.

Nun, es ist dringend an der Zeit, wieder über die Verteilung dieses Kuchens zu reden. Ich höre Sie schon jetzt, wie Sie schreien: Wer soll dann die Senkung der Arbeitszeit bezahlen? Nun, die Gleichen, die sich letztes Jahr zum Beispiel Dividenden von über 44,2 Milliarden US-Dollar ausbezahlt haben. Und wir finanzieren es auch, indem wir die Kosten von Burn-outs reduzieren. Diese kosten uns nach konservativen Schätzungen nämlich jährlich mindestens 6 Milliarden Franken. Die Beispiele aus dem Ausland, aber auch von hiesigen Firmen wie zum Beispiel der Elektro Oberland GmbH, einer Zürcher KMU, haben gezeigt, dass die Viertagewoche nicht nur machbar ist, sondern gut, und zwar für alle, gerade auch aus einer gleichstellungspolitischen Sicht.

Frauen und Männer arbeiten heute in der Schweiz gleich viele Stunden. Der Unterschied ist lediglich, dass Frauen 40 Prozent bezahlte und 60 Prozent unbezahlte Arbeit leisten. Bei Männern ist das Verhältnis genau umgekehrt. Das ist mit ein Grund dafür, dass Frauen übers Leben verteilt ganze 43 Prozent weniger Einkommen haben als Männer. Nun einfach zu sagen, Frauen sollen mehr Erwerbsarbeit leisten bzw. Männer sollen mehr unbezahlte Arbeit leisten, ist eine Forderung, die bei einer durchschnittlichen Arbeitsbelastung von 68 Stunden pro Woche bei Eltern schlicht und einfach nicht umsetzbar ist. Es wäre auch nicht gesund und entspräche auch nicht der Gesellschaft, die wir wollen.

Einzig auf Teilzeit zu setzen, um das Problem zu lösen, ist auch problematisch. Zum einen stellt sich die Frage, ob man es sich überhaupt leisten kann, Teilzeit zu arbeiten - Gleichstellung sollte nicht nur Personen vorbehalten sein, die es sich leisten können -, zum andern führt eben genau die Teilzeiterwerbsarbeit von Frauen zur finanziellen Abhängigkeit. Oder anders formuliert: Weil Frauen unsere Kinder betreuen und grossziehen, sind zwei Drittel der Mütter in diesem Land von ihrem Partner abhängig und im Alter arm.

Ich will keine solche Gesellschaft. Ich will eine Gesellschaft, in der jede Arbeit zählt und sich auszahlt, eine Gesellschaft, in der Gleichstellung Realität ist, und zwar jetzt, eine Gesellschaft, in der Arbeit nicht krank macht. Die SP, um auf die Eingangsfrage einzugehen, will eine Gesellschaft, in der wir arbeiten, um zu leben, und nicht leben, um zu arbeiten.

Stimmen Sie doch bitte dieser Motion zu!