Studer Lilian · Nationalrat · 2023-09-25
Studer Lilian · Nationalrat · Aargau · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP. · 2023-09-25
Wortprotokoll
Es geht heute bei diesem Geschäft nicht darum, wie Sie oder ich Prostitution moralisch bewerten. Es geht heute auch nicht um Frauen und Männer, die Sexarbeit freiwillig ausüben. Es geht heute ausschliesslich um diejenigen Menschen, meist Frauen, die sich aus einer wirtschaftlichen Notlage heraus oder wegen anderer Zwänge prostituieren müssen. Es geht um Frauen, die ohne jegliche Perspektiven in der Prostitution feststecken, weil sie keine andere Alternative haben, um sich und ihre Familie durchzubringen. Es geht um Frauen, die Tag für Tag mehrere Sexualakte über sich ergehen lassen müssen, die ihre seelische Situation und ihre körperlichen Schmerzen meist nur noch mit Medikamenten, Alkohol und Drogen ertragen. Es geht um Frauen, die jeden Tag ein Stück mehr an Körper und Seele kaputtgehen.
Es sind nicht wenige in der Prostitution, etwa 89 Prozent, also neun von zehn Frauen, die sofort aussteigen würden, wenn sie eine Alternative dazu hätten. Doch genau daran, an der fehlenden Alternative, scheitert der gewollte Ausstieg in den allermeisten Fällen. Es ist die pure wirtschaftliche Alternativlosigkeit, die diese Menschen in der Prostitution festhält. Sie ist oft noch verschärft durch einen unsicheren Rechtsstatus, eine geringe Berufsausbildung, mangelnde Sprachkenntnisse, ein zerstörtes Selbstwertgefühl oder einen psychisch oft labilen, dramatischen Zustand.
Konkrete Hilfe kann für die Betroffenen mit einem Job geleistet werden, denn sie brauchen eine reale Alternative zur Prostitution, eine unabhängige Einnahmequelle, um ihren Lebensunterhalt selbstbestimmt und in Würde zu finanzieren. Doch ein Ausstiegsprozess aus jahrelanger Prostitution ist komplex. Er dauert meist ebenfalls Jahre und ist höchst individuell. Eine Prostituierte, die aussteigen will, braucht eine sichere und bezahlbare Wohnung. Ihr finanzieller Totalausfall muss aufgefangen werden. Schulden müssen saniert werden, ihre gesundheitlichen Beschwerden müssen behandelt, ihre psychischen Schäden therapiert, ihr zerbrochenes Selbstwertgefühl muss wiederaufgebaut werden. Ihre berufliche Neuorientierung ist beratungs-, begleitungs- und zeitintensiv. Sie braucht eine alternative Berufsausbildung oder eine niederschwellige, oft sprachunsensible Arbeitsstelle.
Ein derart komplexer Ausstiegsprozess, ob in der Schweiz oder ob im Heimatland, muss auch durch ein erfahrenes Case-Management begleitet werden, das im Alltag, bei den[NB]Behörden, bei Fragen der Finanzen oder der Bürokratie zur Seite steht und alle notwendigen Schritte koordiniert. Kurzum, es braucht schweizweit bedarfsgerechte Ausstiegsangebote und eine bedarfsgerechte Ausstiegsbegleitung und nicht wie bisher nur punktuelle, meist finanziell kurzatmige, [PAGE 1927] stiefmütterlich behandelte oder schwer auffindbare Einzelinitiativen in den Kantonen. Hierfür braucht es effektive, langfristig angelegte Programme. Sie müssen konkrete alternative Ausbildungs- und Arbeitsangebote zur beruflichen Neuorientierung und zur Reintegration beinhalten, ausserdem ein koordiniertes Case-Management sowie kooperative Strukturen und Prozesse zwischen den beteiligten Behörden, Institutionen und Akteuren.
Mit dieser Motion bitte ich den Bundesrat darum, hierfür die gesetzlichen Grundlagen und ein Massnahmenkonzept zu erarbeiten. Ich bitte Sie um Ihre Unterstützung, um den betroffenen Frauen Alternativen zu bieten und eine selbstbestimmte Zukunft in Würde zu ermöglichen.