Munz Martina · Nationalrat · 2024-02-28
Munz Martina · Nationalrat · Schaffhausen · Sozialdemokratische Fraktion · 2024-02-28
Wortprotokoll
Jeder fünfte Lehrvertrag wird vorzeitig aufgelöst. Die Versagerquote bei Lehrabschlussprüfungen ist in gewissen Berufen sehr hoch. Lehrabbrüche und tiefe Erfolgsquoten bei Abschlussprüfungen haben wirtschaftliche Folgen. Sie verursachen Betrieben mehr Aufwand und höhere Kosten. Für die Jugendlichen ist es meist ein Drama, ein massiver Knick zu Beginn ihrer Berufskarriere, der an ihrem Selbstvertrauen nagt.
Allein wegen des Fachkräftemangels wäre es sinnvoll, Lehrabbruch und Lehrabschlussversagen systematischer zu erfassen und einschlägigen Stellen zugänglich zu machen. Das Risiko, von Sozialhilfe abhängig zu werden, ist bei Jugendlichen ohne Ausbildung massiv erhöht. Schon deshalb fordert die EDK bei der Sekundarstufe II eine Abschlussquote von 95 Prozent.
Es gibt Problemberufe, in denen regelmässig über 20 Prozent der Jugendlichen durch die Abschlussprüfung fallen. Gewisse Berufsverbände arbeiten am Problem, andere nehmen diese Ausfallquote hin, ohne sichtbare Massnahmen zu ergreifen. Maturitätsschulen lassen maximal 1 oder 2 Prozent durch die Maturitätsprüfung fallen. Das ist eine strukturelle Ungerechtigkeit. Langfristig leidet das Image der Berufsbildung wegen der hohen Ausfallquoten.
Mit meinem Postulat geht es mir darum, Problemberufe, Problemregionen, Problembranchen und auch Betriebe mit Problemen frühzeitig zu erkennen und ihnen Massnahmen in Form von Beratung und Ausbildung zukommen zu lassen. Die Lehraufsicht spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie muss eng mit den regionalen Berufsverbänden zusammenarbeiten. Sie kennt die Unternehmen und Verhältnisse vor Ort, verfügt über persönliche Kontakte und kann gezielt nach passenden Lösungen suchen. Die Lehraufsicht muss aber auch über Instrumente verfügen, um Probleme sichtbar zu machen.
Es gibt auch systematische Probleme ganzer Branchen, die erkannt und angegangen werden müssen, und dies in enger Zusammenarbeit mit den Kommissionen für Berufsentwicklung und Qualität (Kommissionen B&Q) der Berufsverbände. Für ein regionales, feinmaschiges Monitoring sollte der Bund den kantonalen Lehraufsichten und den Kommissionen B&Q bessere Instrumente zur Verfügung stellen. Darauf können die Massnahmen dann aufbauen. Ein verfeinertes Monitoring soll nicht Selbstzweck sein, sondern Interventionen möglich machen.
Das Bundesamt für Statistik erhebt heute bereits Daten zu Lehrabbrüchen. Dabei werden aber fast nur Mängel der Lernenden erhoben, Mängel der Betriebe werden nicht erfasst. Da muss man ansetzen: Daten müssen umfassender und regional differenziert erhoben und anschliessend transparent zugänglich gemacht werden. Selbstverständlich darf dabei der Datenschutz nicht verletzt werden. Aufgrund des Datenschutzarguments aber einfach nichts zu tun, ist eine Ignoranz der Problematik durch den Bund.
Bereits 2014 reichte ich das Postulat 14.3731 zu diesem Thema ein. Trotz der beängstigend hohen Durchfall- und Abbruchquoten hat sich die Situation in den letzten zehn Jahren nicht verbessert. Jetzt muss im Sinne der Chancengerechtigkeit der Berufsbildung gehandelt werden. Der Bund muss Instrumente zur frühzeitigen Erkennung von Problembranchen und Problembetrieben zur Verfügung stellen. Davon profitieren Lernende, Betriebe und das Ansehen der Berufsbildung.
Ich danke Ihnen für die Unterstützung des Postulates.