Lexipedia

Wettstein Felix · Nationalrat · 2024-06-03

Wettstein Felix · Nationalrat · Solothurn · Grüne Fraktion · 2024-06-03

Wortprotokoll

Ganz egal, wie man zur Volksinitiative steht, ob man sie begrüsst oder ablehnt, die Jungen Grünen geben uns mit ihrer erfolgreich eingereichten Initiative Gelegenheit, das Konzept der planetaren Grenzen genauer anzuschauen. Der Kern der Initiative ist: In zehn Jahren muss das wirtschaftliche Handeln der Schweiz so ausgestaltet sein, dass unser Land die planetaren Grenzen nicht mehr überschreitet.

Wir hatten meines Wissens hier im Rat vor dem heutigen Nachmittag noch nie Gelegenheit, vertieft zu diskutieren, was es mit dem Konzept der planetaren Grenzen auf sich hat. Es wurde erstmals 2009 am Stockholm Resilience Centre in Schweden unter Federführung der Professoren Johan Rockström und Will Steffen publiziert. Seither wurde es mehrmals überarbeitet und aktualisiert. Die neueste Version stammt aus dem Jahr 2023. Johan Rockström erhielt vor wenigen Wochen den Tyler Prize for Environmental Achievement, der auch als Nobelpreis für Umwelt bezeichnet wird.

Das Konzept der planetaren Grenzen beschreibt neun ökologische Grenzen, innerhalb derer ein sicherer Handlungsraum für den Menschen besteht und gleichzeitig die Stabilität des Erdsystems gewahrt werden kann. Diese neun planetaren Grenzen sind erstens der Klimawandel, also der Ausstoss von Treibhausgasen, zweitens die Überladung der Umwelt mit neuartigen Stoffen, drittens der Abbau der Ozonschicht in der Stratosphäre, viertens die Aerosolbelastung der Atmosphäre, fünftens die Versauerung der Ozeane, sechstens die Störung der biogeochemischen Kreisläufe, siebtens die Veränderung in Süsswassersystemen, achtens die Veränderung der Landnutzung, neuntens die Veränderung der Biosphäre. Dagegen anzugehen ist unser Programm.

Mit der jüngsten Überarbeitung im Jahr 2023 wurden zum ersten Mal alle neun planetaren Grenzen auf Weltebene quantifiziert. Mir macht das Ergebnis Angst. Weltweit sind derzeit sechs der neun Grenzen überschritten. Drei davon befinden sich im Hochrisikobereich: der Klimawandel, die Veränderung der biogeochemischen Kreisläufe und die Abnahme der Biodiversität.

Und wie steht die Schweiz da? 2015 hat eine Forschungsgruppe der Universität Genf im Auftrag des BAFU die Messmöglichkeiten zu den planetaren Grenzen auf die nationale Ebene der Schweiz übertragen. Sie kam bereits vor bald zehn Jahren zum Schluss, dass die Schweiz sieben von neun Belastungsgrenzen überschreitet. Besonders krass sind die Grenzüberschreitungen in drei Dimensionen: beim Klimawandel, also beim Ausstoss von Treibhausgasen; bei unserem Beitrag zur Versauerung der Ozeane; beim Verlust der Biodiversität. Zudem schneidet die Schweiz im globalen Vergleich bei den Stickstoffverlusten und der Landnutzung schlechter ab als der Durchschnitt. Bei der Landübernutzung haben wir zwar den Schwellenwert noch nicht ganz erreicht, aber der Trend zeigt, dass wir uns dieser Grenze sehr schnell nähern. Viele der Umweltauswirkungen, welche die Schweiz verantwortet - darauf wurde zu Recht verwiesen -, fallen im Ausland an. Aber, das zeigen diese Studien, die neun Dimensionen sind messbar, anders als es heute Nachmittag auch schon behauptet wurde.

Vor wenigen Jahren hat eine weitere Studie im Auftrag des BAFU die Fussabdrücke der Schweiz in fünf Bereichen untersucht: Gesamtumweltbelastung, Treibhausgase, Biodiversitätsverlust durch Landnutzung, Ozeanversauerung und Wasserstress. Die Untersuchung ergab, dass alle Indikatoren weit über den planetaren Belastungsgrenzen liegen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: In vier der fünf Dimensionen zeigt der Trend sanft in Richtung einer Verbesserung. Leider weiterhin in die falsche Richtung bewegen wir uns punkto Verlust an Biodiversität.

Die letztgenannte Studie zeigt also: Verbesserungen sind möglich, bloss müssen wir das Tempo gewaltig beschleunigen. Ganz besonders tun wir gut daran, wenn wir die Erkenntnisse der Wissenschaft zu all diesen planetaren Grenzen ernst nehmen. Alle Studien haben in ihren Erkenntnissen eine hohe Übereinstimmung: Wir dürfen von gefestigten Ergebnissen sprechen.

Sie lassen eigentlich nur einen Schluss zu: Ja zu dieser Initiative, Ja zum Ehrgeiz, das Steuer herumzureissen, Ja zu [PAGE 1010] Suffizienz, zur Genügsamkeit in unserer Art des Lebens und Wirtschaftens - nicht nur aus Rücksicht auf die Umwelt, sondern auch zum Vorteil für die menschliche Lebensqualität und Gesundheit. Ja zur Umweltverantwortungs-Initiative der Jungen Grünen!