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Teuscher Franziska · Nationalrat · 2003-06-02

Teuscher Franziska · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2003-06-02

Wortprotokoll

Der "böse Wolf" hat uns wohl alle in der Kindheit begleitet und tut dies immer noch! Wer hat die Grossmutter gefressen? Der böse Wolf! Wohin sind die sieben Geisslein verschwunden? In den Magen des bösen Wolfes!

In diesen Wolfshass ist nun auch Ständerat Maissen verfallen, und, was noch viel schlimmer ist, die Mehrheit der Ständeherren und Ständedamen ist ihm gefolgt. Dem Wolf soll es erneut an den Kragen gehen. Wölfe kümmern sich nicht darum, ob sie geschützt sind oder nicht. Sie wandern in die [PAGE 742] Schweiz ein, wann es ihnen passt. Wölfe müssen auch fressen und jagen daher manchmal auch Schafe. Wie heisst es doch im Kinderlied - nun halt etwas auf Berndeutsch: "Der Wolf, wo isch i ds Wallis cho, het ghület: Isch das schön. Und wenn i chalti Ohre ha, de wärmt mer se der Föhn. U d'Schäfli, wo tüe blöke, vom Morge bis am Abe, sie tüe mi gäbig löke, zum Znacht gang i ga jage!" In diesem Kinderlied wird uns der Wolf so vermittelt, wie er eben ist: Er ist ein Raubtier, das jagen muss, aber sicher keine Bestie. Wenn der Schutzstatus des Wolfes aufgehoben wird, wie das die Motion Maissen verlangt, dann hat das vor allem für die Schafhalter negative Auswirkungen. Für gerissene Tiere gibt es keine Entschädigung mehr, und die Beiträge für Präventionsmassnahmen wie Hirten, Hunde und Elektrozäune entfallen. Damit leistet die Motion den Schafhaltern einen Bärendienst - oder in diesem Fall eben einen "Wolfsdienst".

Wer hat Angst vor dem Wolf? Sicher nicht die Natur! Denn für sie ist der Wolf ein Gewinn. Grossraubtiere stehen an der Spitze der Nahrungskette und spielen daher eine wichtige Rolle im Kreislauf der Natur. Um eine Art zu erhalten, braucht es die genetische Vielfalt. In Westeuropa gibt es nur noch in Italien und Frankreich grössere Wolfsbestände. Die Schweiz trägt mit ihrer zentralen Lage im Alpenraum eine grosse Verantwortung, eine Wolfspopulation im gesamten Alpenraum langfristig überleben zu lassen.

Wer hat Angst vor dem Wolf? Sicher auch nicht die Schweizer Bevölkerung! In einer repräsentativen Umfrage haben sich 70 Prozent der Befragten für die natürliche Rückkehr des Wolfes ausgesprochen. Ebenso haben sich 70 Prozent der befragten Leute bereit erklärt, für den Schutz der Schafe zusätzliche Subventionen zu zahlen.

Wenn wir die Motion Maissen überwiesen, wäre dies eine internationale Peinlichkeit. Von Indien, einem der ärmsten und dichtestbesiedelten Länder der Welt, verlangen wir nach wie vor, dass es den viel grösseren und viel gefährlicheren Tiger schützt. Kein afrikanisches Land hat das Recht, überhand nehmende Elefanten zu schiessen, die einen ungleich viel grösseren Schaden anrichten als alle unsere Wölfe zusammen. Würden wir den Wolf zum Abschuss freigeben, müsste die Schweiz die Berner Konvention künden, und wir könnten dann zu Recht fragen: Warum trägt diese Konvention dann überhaupt noch diesen Namen?

Zum Glück gibt es in der Mythologie nicht nur den bösen Wolf. Romulus und Remus wurden von einer Wölfin grossgezogen, und seitdem gilt die Wölfin als Symbol für Fruchtbarkeit und mütterliche Aufopferung. Wie heisst die letzte Strophe in einem Kinderlied? "Es Schaf, das brucht en Mueter, wo em Wärmi git und Wöhli. En Wolf, dä brucht en Brueder, wo em d'Wunde schläckt ir Höhli." Mit diesem Bild im Kopf kommt man doch zum Schluss: Der Wolf ist für unsere Natur und für unsere Kultur eine Bereicherung. Von daher muss es heissen: "Erlebnis Natur. Mit Wölfen", und nicht, wie die Motion Maissen sagt, "Erlebnis Natur. Ohne Wölfe".

Ich bitte Sie daher im Namen der grünen Fraktion, dem Wolf in der Schweiz eine Chance zu geben. Lehnen Sie daher die Motion Maissen ab.