Müller Damian · Ständerat · 2025-03-06
Müller Damian · Ständerat · Luzern · FDP-Liberale Fraktion · 2025-03-06
Wortprotokoll
Angesichts der Faktenlage und der Bedeutung der Freiwilligen- und Milizarbeit der Angehörigen ist es schwer nachvollziehbar, dass die Stellungnahme des Bundesrates auf meine Interpellation zur Bedeutung der Freiwilligenarbeit von Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen derart unspezifisch ausgefallen ist. Allein schon die Tatsache, dass praktisch nicht zwischen Angehörigen generell und den in der Interpellation eigentlich angesprochenen Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen differenziert wird, hinterlässt bei mir den Eindruck mangelnden Interesses und fehlender Wertschätzung. Gerade Letzteres können wir uns in unserem Land nicht leisten.
Die Herausforderungen, Probleme und Notlagen der Angehörigen sind im Bereich der psychischen Erkrankungen spezifisch, enorm fordernd und werden im Versorgungssystem nicht hinreichend berücksichtigt. Fakt ist, dass sich im Moment rund zwei Millionen Menschen in der einen oder anderen Form um Angehörige kümmern, die psychisch in Not sind. Es ist beeindruckend, was diese Angehörigen tagtäglich leisten und wie sie immer wieder Wege finden, um den Betroffenen beizustehen - und das ist systemrelevant. Denn [PAGE 99] die Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen entlasten dank ihrer Familienarbeit unser Gesundheitssystem jährlich um Milliarden Franken. Sie tun dies meist ohne oder nur mit sehr marginaler Unterstützung durch das Versorgungssystem.
Für mich ist klar, und wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Als Gesellschaft werden wir es in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren mit noch viel grösseren Herausforderungen im Umgang mit psychischen Erkrankungen zu tun bekommen als heute. Steigende Fallzahlen, Fachkräftemangel und Kostenexplosion im Gesundheitswesen bringen uns immer mehr in Bedrängnis. Das Versorgungssystem mit seinen Profistrukturen, sprich Kliniken, ambulanten Angeboten, Psychiatern, Psychologen, Sozialarbeitern und Pflegefachkräften, wird die Herausforderung nicht alleine meistern können. Wir werden weder die Gelder noch die Fachkräfte haben, um die steigenden Fallzahlen mit zusätzlichen Investitionen in die Versorgung auffangen zu können. Wir sind auf die Angehörigen angewiesen. Der Beitrag der Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen wird noch grösser werden müssen, um die gesellschaftlichen Herausforderungen meistern zu können. Wir müssen die Milizarbeit der Angehörigenbewegungen stärken und stützen, um die Gesundheitskosten nicht ins Unermessliche steigen zu lassen.
Mit der bundesrätlichen Stellungnahme bin ich, wie es auch der Präsident bereits gesagt hat, nicht wirklich zufrieden. Ich würde es begrüssen, wenn der Bundesrat seine Haltung zu diesem Thema noch etwas mehr schärfen und konkrete Möglichkeiten aufzeigen könnte, wie die Freiwilligenarbeit der Organisationen von Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen besser und gezielter unterstützt werden kann. Ich bin mir bewusst, Frau Bundesrätin, dass dies nicht ganz so einfach ist. Aber im Hinblick auf die künftigen Herausforderungen und angesichts der aktuellen Lage - sehr viele psychiatrische Dienstleistungen sind über Wochen und Monate ausgebucht - denke ich, dass wir gut beraten sind, dieses Thema ganz genau anzuschauen. Denn wenn ein Familienmitglied beispielsweise für das eigene Kind zuhause bleibt und nicht mehr arbeitet, sind das mitunter massive Veränderungen in einer Familie. Ich bitte Sie, dies einfach noch gezielter auf den Radar zu nehmen.