Mühlemann Benjamin · Ständerat · 2025-09-08
Mühlemann Benjamin · Ständerat · Glarus · FDP-Liberale Fraktion · 2025-09-08
Wortprotokoll
Ich bitte Sie, hier der Minderheit II (Mühlemann) zu folgen und damit auf die Einführung der neuen Titelzusätze ganz zu verzichten. Der Ursprung dieser Idee, die Titelzusätze "Professional Bachelor" und "Professional Master" einzuführen, liegt bekanntermassen in sehr weit zurückliegenden Impulsen und Vorstössen, die vor gut einem Jahrzehnt eingereicht worden waren. Ich kann mich sehr gut erinnern, dass der damalige Vorsteher des WBF davon sehr angetan war. Dementsprechend hat er dies dann auch gepusht. Ich selbst war zu jener Zeit Mitglied der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK). Ich war Mitglied eines Fachhochschulrates und Präsident einer höheren Fachschule. Ich habe mich also sehr intensiv - man könnte sogar sagen: aus beiden Optiken - mit der Materie befasst.
Ich muss Ihnen sagen, dass ich von Anfang an skeptisch war, und ich stellte mich auch innerhalb der EDK gegen dieses Vorhaben. An dieser Skepsis hat sich bis heute nichts geändert; das hat nichts mit meinem heutigen Engagement im Hochschulrat der Ostschweizer Fachhochschule zu tun - und damit ist auch meine Interessenbindung offengelegt.
Wenn heute davon gesprochen wird, dass mit der Einführung der neuen Titelzusätze "Professional Bachelor" und "Professional Master" die Stärkung der höheren Berufsbildung beabsichtigt ist, ja, dann stimmt das sicher. Es war immer das Ziel, zum Beispiel die Einordnung der Abschlüsse im internationalen Kontext zu verbessern. Ich habe einfach den Eindruck - und die jüngste Kommunikation der vielen Akteure im Berufsbildungsbereich, der Berufsverbände, bestärkt mich darin -, dass das Ganze einzig und allein noch Marketing ist, Marketing in Reinform. Diese Titelzusätze tönen sicher gut, sie tönen modern, und das ist marketingmässig hübsch gemacht. Aber wenn man nur um des Marketings willen damit gleichzeitig den Kerngehalt des Produkts schwächt, dann ist das einfach kontraproduktiv. Ich finde, genau das passiert hier: Der Kerngehalt des Produkts, also der Berufsbildung, leidet, und so bewirken wir als Gesetzgeber genau das Gegenteil dessen, was eben einmal erklärtes Ziel war.
Erstens verliert die höhere Berufsbildung ihre Eigenständigkeit. Sie zeichnet sich ja gerade durch ihre Praxisnähe aus. Durch die Anlehnung an die Hochschultitel wird das Profil der höheren Berufsbildung verwässert, statt dass ihre Stärken hervorgehoben werden. So besteht die Gefahr, dass die höhere Berufsbildung - ich sage das etwas plakativ - zum Abklatsch der akademischen Bildung wird, und das ist die höhere Berufsbildung ja wirklich nicht. Man sollte eben die ureigenen Qualitäten auch selbstbewusst herausstreichen: Praxisbezug, Nähe zur Wirtschaft, Durchlässigkeit und so weiter und so fort.
Zweitens ist es eine Abwertung der traditionellen Titel aus der höheren Berufsbildung. Diese neuen zusätzlichen, quasi-akademischen Titel - ich bezeichne sie einmal so - überlagern das Renommee der heute bekannten Abschlüsse, und das sind ja Abschlüsse, welche die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bestens kennen. Ich meine, die Einführung dieser neuen Titel verwirrt eigentlich nur.
Drittens ist es fraglich, ob dann die internationale Anerkennung mit den neuen Titeln wirklich so greift, wie das gesagt wird. Man muss das bezweifeln, denn "Professional Bachelor" und "Professional Master" passen, wenn man es ganz ehrlich betrachtet, international halt doch nicht ganz genau in die Systematik der Bologna-Titel; sie haben nichts mit diesen Credits zu tun. Stellen Sie sich einmal vor, wie enttäuscht jemand ist, der mit viel Fleiss einen solchen Titel erwirbt und nachher ernüchtert feststellen muss, dass die internationale Mobilität trotz aller Versprechungen eben doch nicht so gewährleistet ist.
Übrigens darf man auch den Aufwand der ganzen Umstellung nicht vergessen: Es geht um Kommunikation, Anerkennungsverfahren, weitere Verfahren, Gesetzesänderungen usw. Da wird also auch viel Aufwand und Bürokratie verursacht - das nur als Randnotiz.
Worauf ich auch hinweisen möchte: Bitte führen Sie sich einmal die heutige sehr stringente Systematik unseres Bildungssystems vor Augen. Das schweizerische Bildungssystem basiert auf einem starken und durchlässigen Zusammenspiel. Wir haben die berufsbezogene Aus- und Weiterbildung, Tertiär B, auf der einen Seite, und wir haben das wissenschaftlich fundierte Hochschulsystem, Tertiär A, auf der anderen Seite. Dieses Zusammenspiel ist über klare Profile voneinander abgegrenzt, gleichzeitig ist es auch über definierte Passerellen verbunden. Mit dem vorliegenden Projekt gerät das ein Stück weit durcheinander, weil ein Ungleichgewicht zu Fachhochschulen und Universitäten entsteht. Ja, diese Fachhochschulen und Universitäten erachten diese neuen Bezeichnungen als Konkurrenz, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Das führt zu Spannungen in einem System, das bewusst dual aufgebaut ist. Dieses Konkurrenzdenken ist aber überhaupt nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass genau dieses Duale die immanente Stärke des Systems ist. Es gibt eine starke Berufsbildung und die Hochschulen auf einer Ebene. Es gibt nicht eine Berufsbildung und dann die Hochschulen, die Berufsbildung ist Letzteren nicht irgendwie untergeordnet. Das Nebeneinander ist eben das grosse Plus.
Ich kann Ihnen auch noch zwei Beispiele auf der technischen Ebene aufzeigen. Der Bundesrat schlägt vor, dass für die Berufsprüfungen und für die höheren Fachschulen der gleiche Titelzusatz verwendet werden soll. Das sind aber zwei Bildungswege, die grosse Unterschiede aufweisen. Bei den Berufsprüfungen sind nur die Prüfungen geregelt, und bei der höheren Fachschule muss jeweils der gesamte Bildungsgang anerkannt werden. Für die Berufsprüfung sind zum Beispiel 600 Lehrstunden und bei den höheren Fachschulen 3600 bis zum Teil über 5000 Lernstunden notwendig. Trotzdem sollen diese zwei Bildungswege jetzt die gleichen Titelzusätze erhalten. Klar, wir haben es gehört: Je nachdem, ob man jetzt der Mehrheit oder der Minderheit I folgen würde, wäre das noch etwas differenziert; aber das macht es nach meiner Beurteilung auch nicht besser. Ich finde diese Verwässerung einigermassen "unprofessional". [PAGE 743]
Noch ein zweites technisches Beispiel: Es ist ja auch vorgesehen, dass ein "Professional Bachelor" und ein "Professional Master" ausschliesslich als ergänzender Titelzusatz oder in Verbindung mit der englischen Titelübersetzung geführt werden dürfen. Das macht die Verwirrung dann wahrscheinlich noch komplett. Was viele vielleicht auch nicht wissen: Man hört bereits Rufe aus der Gesundheitsbranche. Für die Gesundheitsberufe sind offenbar Ausnahmen notwendig. Dazu auch noch zwei, drei Worte: Seit den 1990er-Jahren - ich nehme jetzt die Pflegeausbildungen als Beispiel - wurde mehrfach umstrukturiert. Da war die Rede von DN I und II - Sie kennen diese Abkürzungen -, AG, HF, FH, NDS, Berufsprüfungen und so weiter und so fort. Das System gerade in der Pflege ist heute also schon sehr schwer durchschaubar für die Bevölkerung, für die Institutionen und für die Fachpersonen selber. Jetzt kommt der "Professional Bachelor" hinzu und verschärft diese Unübersichtlichkeit noch, gerade weil der Begriff "Bachelor" dann noch stark mit einem akademischen Hochschulabschluss verbunden ist. Der Titel, dieses Wort "Bachelor", vermittelt den Eindruck, dass Absolventinnen und Absolventen über wissenschaftliche Kompetenzen verfügen, wie sie eigentlich nur für den "Bachelor of Science in Pflege" an der Fachhochschule vermittelt werden. In der HF-Ausbildung wird das nicht vermittelt. Also führt das in Pflegeinstitutionen am Schluss zu Erwartungen, die nicht realistisch sind. Es führt unter Umständen zur Überforderung von Fachpersonen und im schlimmsten Fall - ich möchte nicht schwarzmalen, aber man darf das doch erwähnen - zu Risiken für die Patientinnen und Patienten. Deshalb, ich habe es gesagt, kommt hier bereits jetzt der Ruf nach Ausnahmen. Das mag zwar ein Detail sein, aber für mich tönt das nach einem Murks.
Ich fordere Sie daher auf: Investieren wir unsere Energie nicht in Marketing und nicht in eine Verwässerung, sondern vielmehr in konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Die Berufsverbände zeigen unglaublich viel Engagement. Das ist wirklich toll. Sie wollen das Handwerk stärken, sie stärken die Lehrberufe, die Berufsbilder und ihr Image. Es ist toll, dass das so angepackt wird. Wir haben in den Anhörungen in der Kommission auch seitens der Kantonsvertreter gehört, genau das sei viel wichtiger als diese Bachelor-Diskussion.
Deshalb bitte ich Sie, diese Titelzusätze aus dem Gesetz zu streichen.