Wasserfallen Flavia · Ständerat · 2025-12-03
Wasserfallen Flavia · Ständerat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2025-12-03
Wortprotokoll
Mein geschätzter Berner Kollege möchte mit der Forderung seiner Motion, die Taschenmunition sei wieder nachhause abzugeben, die Bevölkerung schützen. Er möchte die Schweiz sicherer machen. Wenn wir diese Forderung annehmen, erreichen wir genau das Gegenteil. Das sage ich nicht einfach aus einem mulmigen Gefühl heraus, ich behaupte es nicht einfach, sondern es sind harte Fakten: Es gibt zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen Waffentoten, Suiziden durch Schusswaffen und der Heimabgabe der Waffenmunition glasklar aufzeigen.
Mit der Annahme dieser Motion nehmen wir noch mehr Femizide, nehmen wir noch mehr Suizide in Kauf. Wir nehmen in Kauf, dass wir mehr Leid und Trauer verursachen, und wir machen sehr viel kaputt in der Suizidprävention, die in den letzten Jahren erfolgreich gewirkt hat. Das ist auch der Grund, warum Sie und ich von vielen Fachpersonen aus der Medizin äusserst besorgt kontaktiert wurden; es ist auch der Grund, warum viele Briefe von Organisationen auf unseren Tischen liegen, etwa von der FMH, dem Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband, von den katholischen und den protestantischen Frauenverbänden und von Pro Juventute, um nur einige zu nennen.
Warum bewegt diese Frage gerade bei uns in der Schweiz so stark? In keinem anderen europäischen Land suizidieren sich so viele Menschen mit Schusswaffen wie in der Schweiz. Bei Männern sind Schusswaffen mitunter die häufigste Methode, Selbstmord zu begehen, das können wir dem Bulletin des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums entnehmen. Schusswaffen spielen also keine marginale, sondern eine wichtige Rolle.
Zum Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Waffen und der Anzahl Selbstmorde haben wir vom Redner der Minderheit eindrückliche Beispiele gehört. Es gibt aber eben auch viel Evidenz. Zahlreiche Studien haben in der Schweiz untersucht, wie sich die Reform der Armee XXI im Jahr 2004, mit der die Zahl der Dienstwaffen in Schweizer Haushalten reduziert wurde, und die Abschaffung der Heimabgabe der Taschenmunition 2007 ausgewirkt haben. Ich zitiere hier aus einer Studie von Thomas Reisch und weiteren, die 2018 im Fachblatt "Swiss Medical Weekly" erschienen ist. Diese Studie hat den Zeitraum 2000-2009 untersucht, und die Resultate sind deutlich. Zwischen 2000 und 2010 wurde in der Schweiz bei 39,1 Prozent der Selbstmorde mit Schusswaffen eine Armeewaffe verwendet. Nach der Armee-XXI-Reform gab es bei Männern im Alter von 18 bis 43 Jahren einen signifikanten Rückgang der Selbstmorde mit einer Armeewaffe. Gleichzeitig gab es keine Veränderung der Selbstmordrate von Männern in derselben Altersgruppe, die eine Nichtarmeewaffe verwendeten. Der Rückgang der Suizide steht also statistisch in Zusammenhang mit einer Verringerung der Selbstmorde mit Armeewaffen. Es kann also mit Sicherheit gesagt werden: Je grösser die Anzahl verfügbarer Schusswaffen, desto höher das Suizidrisiko.
Es ist Bestandteil einer wirksamen Suizidprävention, den Zugang zu Schusswaffen einzuschränken. Impulsive Taten wie ein Suizid oder häusliche Gewalt, wir haben es gehört, können ein viel schlimmeres Ende nehmen und ein grösseres Ausmass annehmen, wenn eine Schusswaffe zur Hand ist. Deshalb möchte ich auch noch erwähnen, dass es nicht nur um Suizidprävention geht. Die Einschränkung von lethalen Methoden schützt auch Dritte. Es gibt den sogenannten erweiterten Selbstmord, bei dem auch Kinder und/oder Partnerinnen ermordet werden.
Wir schreiben in diesem Jahr, 2025, einen traurigen Rekord an verübten Femiziden. Zum Einfluss von Schusswaffen in Haushalten auf häusliche Gewalt und auf Femizide möchte ich die Studie der Universität St.[NB]Gallen erwähnen, die im Februar im Auftrag des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann veröffentlicht wurde. Sie zeigt nämlich auf, dass der Anteil der Täter mit Schweizer Staatsangehörigkeit bei häuslichen Schusswaffentötungen doppelt so hoch ist wie bei häuslichen Tötungen ohne Schusswaffeneinsatz. Die Studie sieht einen möglichen Grund darin, dass Schweizer Männer aufgrund des Militärdienstes häufiger eine Schusswaffe besitzen als Männer ohne Schweizer Staatsangehörigkeit.
Wollen wir nun wirklich Millionen von Patronen an über 100[NB]000 Armeeangehörige abgeben und damit das Suizidrisiko, das Risiko für erweiterten Suizid und das Risiko für Femizide erhöhen? Ich bitte Sie, das nicht zu tun und die Motion zur Wiederabgabe der Taschenmunition abzulehnen.