Balmer Bettina · Nationalrat · 2026-03-17
Balmer Bettina · Nationalrat · Zürich · FDP-Liberale Fraktion · 2026-03-17
Wortprotokoll
Die medizinische Versorgung von Transjugendlichen steht immer wieder im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das ist auch jetzt der Fall. Aus der [PAGE 481] Reihe der SVP-Fraktion wurde eine Motion eingereicht, die im Titel ein Verbot von Operationen bei Transjugendlichen einfordert und im Text eine starke Einschränkung dieser Operationen erwartet.
Das finde ich einen recht radikalen Ansatz. Wie kann man etwas einfordern, ohne die Grundlagen für diese Entscheidung zu kennen? Ohne eine landesweite Übersicht über die Entwicklung der Fallzahlen, die Wartefristen, die Qualitätssicherung und die Rechtslage zu haben, sollen wir entscheiden, ob wir Ärzten in der Schweiz die Behandlung einer kleinen Minderheit von Minderjährigen verbieten wollen.
Ich habe deshalb ein Postulat eingereicht, welches genau diese Entscheidungsgrundlagen liefern soll. Ehrlich gesagt, überrascht es mich ziemlich, dass ausgerechnet die SVP-Fraktion nicht an solchen Grundlagen interessiert ist. Als Nationalrätin und Medizinerin mit einem wissenschaftlichen Hintergrund fällt es mir wirklich schwer, zu verstehen, wie man politische Entscheide fällen will, ohne sich dabei auf Fakten abzustützen. Es müsste für uns alle, gerade auch für diejenigen, die bei diesem Thema Bedenken, Sorgen und Fragen haben, von grossem Interesse sein, was Expertengremien zur Behandlung von Transjugendlichen sagen, wo sie Verbesserungspotenzial sehen, welche Zugangsbeschränkungen schon heute bestehen, welche Auswirkungen ein nationales Verbot auf die kantonale Umsetzung hätte, welche Folgen das für Betroffene hätte und wie wir im internationalen Vergleich dastehen. Meiner Meinung nach liefern die Antworten auf diese Fragen eine bessere Grundlage, um über die Zukunft der Gesundheitsversorgung von Transjugendlichen zu entscheiden. Diese Antworten erhalten Sie, wenn Sie mein Postulat annehmen, was der Bundesrat übrigens auch beantragt.
Als Kinderchirurgin erlebe ich Transjugendliche im Spitalalltag auf der Notfallstation. Ich kann Ihnen sagen: Es ist stossend, wenn ausgerechnet in diesen komplexen Fällen die ethische Expertise und interdisziplinäre Boards nicht finanziert werden, wenn sich kinderpsychiatrische Stellen nur schwer besetzen lassen und darum wichtige Abklärungen oder Behandlungen mit sehr langen Wartezeiten verbunden sind. Dadurch wird die Versorgung nicht verbessert.
Selbstverständlich finde auch ich, dass man nicht oder nur äusserst schwierig reversible Geschlechtsumwandlungen mit allergrösster Zurückhaltung durchführen muss, gerade bei Minderjährigen. Dabei geht es übrigens um Eingriffe am Oberkörper, nicht um Genitaloperationen, was allenfalls nicht allen klar ist. Umso wichtiger ist es, dass wir uns auf Fachexpertise statt auf Schlagzeilen berufen. Es muss eine lange, gründliche Abklärung vorausgehen, und wird der Schritt wirklich gemacht, muss das Einverständnis der Eltern vorhanden sein.
Im Kanton Zürich wurden 2024 nach ausführlichen Abklärungen vier minderjährige Personen operiert. Das waren halb so viele Patienten wie 2020. Es werden anteilsmässig tatsächlich schon seit Jahren immer weniger junge Personen operiert, und der Einbezug der Eltern ist dabei Routine. Es ist klar, dass man Verbesserungen und Möglichkeiten für eine zurückhaltende operative Behandlung suchen soll und muss. Der Kanton Zürich hat mit einer vertieften Analyse und der Einführung von Qualitätsstandards, insbesondere von interdisziplinären Indikationsboards, Vorarbeit geleistet. Deren Effekte können auch ins Postulat einfliessen und sich positiv auf das Wohl und den Behandlungserfolg der Patienten auswirken. Die Operationsindikation und die Abgabe von Medikamenten sollten aber nicht durch das Parlament vorgegeben oder administrativ verkompliziert werden, sodass sie letztlich den Experten völlig aus den Händen genommen werden, ohne dass die Grundlagen dafür umfassend geklärt sind.
Unaufgeregte Sachpolitik ist gefragt, gerade auf nationaler Ebene. Darum finde ich: Es ist das Mindeste, dass wir als Gesetzgeber bei diesem sensiblen Thema abklären, wo wir aktuell stehen, bevor ein konkreter Auftrag in Form einer Motion gegeben wird.
Vielen Dank, wenn Sie mein Postulat unterstützen.