Weichelt Manuela · Nationalrat · 2026-04-28
Weichelt Manuela · Nationalrat · Zug · Grüne Fraktion · 2026-04-28
Wortprotokoll
Geschätzte Pflegende auf der Tribüne, herzlichen Dank dafür, dass Sie gekommen sind.
Heute schreiben wir kein neues Kapitel, wir verlängern eine Farce. Die attraktive Pflege liegt nicht im Dornröschenschlaf, sie wird von diesem Parlament bewusst sediert.
Il était une fois une initiative sur les soins infirmiers abandonnée dans un sommeil éternel après son adoption par le peuple.
Seither wurde die Initiative politisch ausgebremst, verwässert und verschleppt. Ich spreche als Pflegefachfrau und als eine der 46 Prozent der Pflegefachpersonen, die diesen Beruf frühzeitig verlassen haben. Das Pflegepersonal steigt nicht aus, weil es will, sondern weil es nicht mehr kann. Deshalb ist diese Debatte unerträglich. Wir diskutieren hier nicht über Theorie, sondern über ein System, das sehenden Auges an die Wand gefahren wird.
Über 60 Prozent der Bevölkerung haben Ja zur Pflege-Initiative gesagt - ein klarer Auftrag. Klatschen reicht nicht, das Parlament selber klopft sich auf die Schultern und liefert eine Umsetzung, die diesen Namen nicht verdient. Bereits die erste Etappe der Umsetzung der Pflege-Initiative war ein Lehrstück über politisches Versagen. Für die Ausbildungsförderung wurden, Wissensstand 1.[NB]Januar 2026, gerade einmal 3,6 Prozent des Gesamtkredits ausgegeben. Wer Pflege lernt, lebt oft am Existenzminimum und verdient je nach Kanton 1200 bis 2000 Franken pro Monat. Versuchen Sie einmal, damit in unserem Land zu leben - Miete, Krankenkasse, Kinderbetreuung -: Das geht schlicht nicht.
Gleichzeitig zahlen wir für die Ausbildung in anderen Berufen ein Vielfaches und fragen uns dann ernsthaft, warum niemand mehr in der Pflege arbeiten will. Wenn sich die gleiche Person zur Polizistin umschulen würde, würde sie bereits im ersten Ausbildungsjahr mindestens 5500 Franken pro Monat verdienen. Ein Gericht im Kanton Zürich urteilt, Polizei und Pflege seien bezüglich Arbeitsplatzbewertung vergleichbar, was einen vergleichbaren Lohn zur Folge hätte. Aber nein, von der Pflege erwartet man im Tiefsten immer noch, dass sie für Gotteslohn arbeitet, weil es ein Beruf mit Herz ist. Wissen Sie, was? Von Herz allein kann niemand die Miete bezahlen.
Bis zu 40 Prozent unseres Pflegepersonals kommen aus dem Ausland. Wir zapfen systematisch die Ressourcen anderer Länder an. Das ist nichts anderes als organisierte Verantwortungslosigkeit. Unsere Nachbarländer wachen auf, verbessern ihre Bedingungen, und wir? Die Lobby der Pflege in Bundesbern ist schwach, verglichen mit jener der Pharma- und Krankenversicherungen. Die Pflege tritt nicht mit Drohgebärden auf, in die USA abzuwandern.
Nach fast fünf Jahren kommen wir jetzt zur zweiten Etappe, zum Kern. Selbst eine Schnecke wäre schneller gewesen. Nun will eine Minderheit aus der FDP- und der SVP-Fraktion die Vorlage zurückweisen - die Begründung: steigende [PAGE 703] Prämien. Gleichzeitig verschweigt diese Minderheit, was es kostet, wenn wir nichts tun. Schlechte Arbeitsbedingungen führen zu Fluktuationen, sie kosten Milliarden; Fehler und Komplikationen nehmen zu; Menschen sterben früher. Studien zeigen klar: Mit genügend qualifiziertem Personal sparen wir mindestens 1,5 Milliarden Franken pro Jahr. Aber diese Wahrheit passt eben nicht ins Narrativ.
Heute verlässt fast ein Viertel der Ausgebildeten den Beruf innerhalb von fünf Jahren. Jeder einzelne Abgang ist ein Verlust, menschlich und finanziell. Könnten wir sie halten, könnten wir Hunderte Millionen sparen. Wer also von Kostenexplosion spricht und gleichzeitig die grössten Einsparpotenziale blockiert, handelt nicht verantwortungsvoll, sondern fahrlässig. Hören wir endlich auf mit Ausreden bei der Finanzierung! Die Kantone haben Spielraum: 20 von 26 Kantonen schreiben Überschüsse. Es ist eine Frage des politischen Willens, nicht der Möglichkeiten.
Zurück zum Wesentlichen. Diese Initiative verlangt das Minimum: genügend Personal, anständige Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung, Patientensicherheit - nicht Luxus, schlicht Anstand.
Das heisst, ich bitte Sie, der Rückweisung nicht zuzustimmen und die Pflege nicht weiter ausbluten zu lassen. Beginnen Sie endlich zu handeln, damit Sie mit Stolz in den Spiegel schauen können.