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Suter Gabriela · Nationalrat · 2026-06-09

Suter Gabriela · Nationalrat · Aargau · Sozialdemokratische Fraktion · 2026-06-09

Wortprotokoll

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 hat mich politisiert. Vier Tage nach der Explosion erreichte der radioaktive Fall-out die Schweiz. Plötzlich war die unsichtbare Gefahr der Atomenergie Teil des Alltags, am Familientisch, im Radio, beim Einkaufen. Die Empfehlungen des Bundes waren konkret und machten uns Kindern Angst: das Gemüse wirklich ausgiebig waschen; ja keine Pilze essen; Warnungen an Schwangere, die keine Milch trinken sollten. Die Strahlung war zwar unsichtbar, aber sie war bei uns allen hier in der Schweiz am Esstisch angekommen.

Wer heute behauptet, Atomkraft sei sicher, sauber und vollständig kontrollierbar, blendet diese Realität aus. Die Initianten der Blackout-Initiative tun so, als könne sich eine solche Katastrophe nicht wiederholen, schon gar nicht in der Schweiz. Doch die sehr kurze Geschichte der zivilen Atomenergie kennt schwere Unfälle. Drei davon sind Three Mile Island 1979, Tschernobyl 1986, Fukushima 2011. Sie alle zeigen: Die theoretische Eintrittswahrscheinlichkeit mag zwar tief sein, aber die konkreten Folgen sind im Schadenfall verheerend, langfristig und irreversibel.

Neben diesen Risiken sehe ich vier zentrale Gründe, weshalb sowohl die Initiative als auch der Gegenvorschlag abzulehnen sind:

1.[NB]Die Schweiz hat die energiepolitische Richtung mit der Energiestrategie 2017, dem Klima- und Innovationsgesetz 2023 und dem Stromversorgungsgesetz 2024 demokratisch festgelegt. Dreimal haben die Schweizer Stimmberechtigten entschieden. Wer heute neue Atomkraftwerke ermöglichen will, stellt diese Entscheide faktisch infrage. Der eingeschlagene Weg ist klar: Ausbau der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz. Ein modernes Energiesystem basiert auf dezentraler Produktion, Flexibilität, intelligenten Netzen und Speichern und nicht auf grossen zentralen Kraftwerken mit langen Planungszeiten. Allein die Stromproduktion aus Fotovoltaik ist in den letzten Jahren im Schnitt um rund 1,5 Terawattstunden pro Jahr gewachsen. Bei diesem Tempo kann innert fünf Jahren die Jahresproduktion eines AKW Gösgen zugebaut werden.

2.[NB]Weder Initiative noch Gegenvorschlag leisten einen Beitrag zur Versorgungssicherheit in den nächsten Jahren. Neue AKW wären, wenn überhaupt, erst nach Jahrzehnten realisierbar. Die eigentliche Herausforderung liegt aber nicht erst in den Jahren nach 2050, sondern in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren. Diese Initiative löst kein einziges aktuelles Problem, sie verschiebt einfach die Debatte in die ferne Zukunft.

3.[NB]Schon die Möglichkeit, neue AKW zu bauen, schafft Unsicherheit. Investitionen in Fotovoltaik, Wind- und Wasserkraft brauchen stabile politische Rahmenbedingungen. Wird die Tür zur Atomkraft wieder geöffnet, schwächt dies die Planungssicherheit. Es entsteht ein Investitionskonflikt. Warum heute in etwas investieren, wenn morgen ein völlig anderes System möglich sein soll, welches die geplante Investition dann konkurrenzieren wird? Diese Unsicherheit bremst den Ausbau der erneuerbaren Energien, und das wollen wir alle nicht.

4.[NB]Die Finanzierung ist völlig ungeklärt. AKW gehören zu den kapitalintensivsten Infrastrukturen überhaupt. Weder Initiative noch Gegenvorschlag beantworten die Frage, wer die Kosten trägt und wer für Verzögerungen und Mehrkosten aufkommen würde. Die internationale Erfahrung zeigt, dass neue AKW nur mit massiver staatlicher Unterstützung realisiert werden können.

Also: Die Bevölkerung hat sich bewusst für die Energiewende entschieden, für den Ausbau erneuerbarer Energien, für mehr Effizienz und für Versorgungssicherheit ohne neue atomare Risiken. Das Energiesystem der Zukunft produziert dezentral, ist flexibel, verfügt über intelligente Netze und nutzt Kurz- und Langfristspeicher. Grosse AKW, die unflexibel Strom produzieren, passen dazu nicht. Der Wiedereinstieg in die Atomkraft würde diese Strategie torpedieren und neue Abhängigkeiten sowie Risiken schaffen.

Empfehlen Sie die Initiative zur Ablehnung, und lehnen Sie den Gegenvorschlag ab.