Vietze Kris · Nationalrat · 2026-06-09
Vietze Kris · Nationalrat · Thurgau · FDP-Liberale Fraktion · 2026-06-09
Wortprotokoll
Es gehört zu den Eigenheiten wohlhabender Gesellschaften, dass sie irgendwann beginnen, die Grundlagen ihres Wohlstandes für ein Naturgesetz zu halten. Strom kommt aus der Steckdose, Wärme aus der Heizung, Lebensmittel hat es im Regal, Sicherheit ist einfach da. Und die Wirtschaft? Ja, die braucht es vielleicht auch ein bisschen. Das geht, bis die Realität freundlich, aber bestimmt daran erinnert, dass hinter all diesen Selbstverständlichkeiten Menschen, Infrastruktur, Technologie und manchmal auch unbequeme Entscheidungen stehen.
In den letzten Jahren ist uns das mehrfach passiert; wir haben gelernt, dass eine Fähigkeit oft erst dann wirklich wertvoll wird, wenn man sie braucht und nicht mehr hat. Vielleicht ist das die eigentliche Frage dieser Debatte: Welche Fähigkeit oder Kompetenz wollen wir als Land bewahren? Seit Fukushima hat sich vieles verändert, nicht nur das Klima, sondern vor allem auch das Politische. Damals herrschte in weiten Teilen des Westens die Vorstellung, die grossen geopolitischen Fragen würden allmählich verschwinden, Energie sei vor allem eine Frage der Nachhaltigkeit, wirtschaftliche Verflechtung würde Frieden schaffen. Abhängigkeiten schienen beherrschbar, die Welt schien berechenbar.
Heute sehen wir dieselbe Welt etwas nüchterner, und wir beginnen, langsam zu verstehen, dass sich in dieser Welt auch die etwas altmodische Frage stellt, ob ein Land in der Lage ist, die Dinge herzustellen, die es zum Funktionieren braucht. Das gilt ganz besonders für die langfristige Stromversorgung; wir brauchen mehr Strom, nicht weniger. Wer das bestreitet, verwechselt Hoffnung mit Planung. Aber die entscheidende Frage lautet nicht, ob das Problem existiert, die entscheidende Frage lautet, wie man darauf reagiert.
Natürlich müssen wir die erneuerbaren Energien ausbauen, natürlich müssen wir Wasserkraft, Solarenergie und Innovation fördern, aber verantwortungsvolle Politik zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sie auf das beste Szenario setzt, zumal die Zukunft die unangenehme Eigenschaft hat, unsere Gewissheiten regelmässig zu widerlegen. Verantwortungsvolle Politik zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch einen Plan hat, falls das beste Szenario nicht eintritt, und genau deshalb dürfen wir die Kernenergie in der Schweiz nicht weiter ausschliessen - nicht weil sie risikolos wäre, sondern weil sich dadurch eine einfache Realität nicht verändert.
Wenn wir künftig mehr Strom benötigen, dann gibt es letztlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir produzieren ihn selbst, oder andere produzieren ihn für uns. Manchmal führen wir diese Debatte, als gäbe es noch eine dritte Möglichkeit, aber diese gibt es nicht. Wer Kernenergie in der Schweiz ausschliesst, schliesst Kernenergie deshalb nicht ganz aus, er verlagert sie nur. Das Kraftwerk steht dann einfach nur nicht in der Schweiz, es steht irgendwo anders, der Strom fliesst trotzdem zu uns, und falls eines Tages etwas schiefgehen sollte, würde auch die Radioaktivität nicht an der Landesgrenze haltmachen. Wir verzichten also nicht auf die Risiken, wir verzichten lediglich auf einen Teil der Kontrolle, und genau deshalb sollten wir technologische Denkverbote aufheben, nicht weil jede Technologie gut wäre, sondern weil man Möglichkeiten, die man aufgegeben hat, meist erst vermisst, wenn man sie braucht.
Deshalb unterstütze ich den indirekten Gegenvorschlag, denn er gibt uns etwas zurück, das in unsicheren Zeiten besonders wertvoll ist: Handlungsfähigkeit. Denn am Ende zählt nicht, wie überzeugend unsere Energiepolitik klingt, am Ende zählt, ob das Licht brennt.
Deswegen bitte ich Sie, den indirekten Gegenvorschlag gemäss Ständerat zu unterstützen.