Wasserfallen Flavia · Ständerat · 2026-06-09
Wasserfallen Flavia · Ständerat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2026-06-09
Wortprotokoll
Auch ich möchte Sie bitten, dieser Standesinitiative nicht Folge zu geben.
Nach den auch historisch sehr interessanten Ausführungen und persönlichen Erlebnissen meiner Vorrednerinnen und Vorredner möchte ich noch zwei, drei Argumente in die Diskussion einbringen und komme zu den Zahlen.
Erstens würden wir mit der Annahme dieser Standesinitiative die bereits sehr bescheidenen Löhne im Detailhandel erheblich nach unten drücken. Aktuell sprechen wir im Detailhandel bei Angestellten ohne Kaderfunktion von einem Medianlohn von 4990 Franken. Er liegt damit deutlich unter dem Median der Angestellten ohne Kaderfunktion allgemein, die nämlich 6370 Franken pro Monat zur Verfügung haben. Warum drücken wir mit der Annahme die Löhne noch einmal wesentlich nach unten? Die Bestimmung in Artikel 19 Absatz 3 des Arbeitsgesetzes besagt: "Vorübergehende Sonntagsarbeit wird bewilligt, sofern ein dringendes Bedürfnis nachgewiesen wird. Dem Arbeitnehmer ist ein Lohnzuschlag von 50 Prozent zu bezahlen." In der Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz wird in Artikel 32a Absatz 1 präzisiert: "Vorübergehende Sonntagsarbeit leistet ein Arbeitnehmer oder eine Arbeitnehmerin, der oder die in einem Kalenderjahr an höchstens sechs Sonntagen, gesetzliche Feiertage inbegriffen, zum Einsatz gelangt." Wenn Arbeitnehmende nun mehr als sechsmal pro Jahr an einem Sonntag arbeiten - diese Wahrscheinlichkeit erhöhen wir mit der Standesinitiative wesentlich -, dann haben sie keinen Anspruch auf Zuschläge von 50 Prozent auf ihren Lohn mehr.
Zweitens - es wurde von Vorrednerinnen und Vorrednern schon angesprochen - ist die Ausdehnung der Sonntagsarbeit falsch, weil wir hier von bereits erschöpften Arbeitnehmenden sprechen. Eine Auswertung der Berner Fachhochschule zeigt, dass in keiner anderen Branche die Erschöpfung ausgeprägter ist als im Detailhandel. Die Gründe dafür: schlechte Vereinbarkeit, mangelnde Erholungszeit, häufiger Stress, überlange Arbeitstage, Pausen, die nicht eingehalten werden können. Sie betreffen in den verschiedenen Kombinationen Frauen viel stärker als Männer. Im Detailhandel arbeiten doppelt so viele Frauen wie Männer, und wir wissen, dass Frauen zusätzlich zur bezahlten Erwerbsarbeit mehr unbezahlte Care-Arbeit übernehmen. Im Detailhandel ist der arbeitsfreie Sonntag für die Erholung und die Zeit mit der Familie absolut zentral.
In vielen Debatten hören wir immer wieder, die Welt drehe sich immer schneller, viele Menschen kämen mit dem hohen Tempo und der Fülle an Anforderungen nicht mehr zurecht. Wir sehen, dass die psychische Belastung zunimmt, die Anzahl Krankheitstage und Langzeitausfälle in den Betrieben steigt, dies in der Arbeitswelt, aber auch bei Kindern und Jugendlichen. Wir beklagen die Zunahme von Psychotherapiestunden, reparieren mehr schlecht als recht am psychiatrischen Versorgungssystem, das grosse Lücken hat.
Mit dieser Standesinitiative beschleunigen wir diese unerwünschte Entwicklung. Wir beschleunigen die Entwicklung in Richtung mehr Stress und Belastung und weniger Erholung für Arbeitnehmende, und wir nehmen Kindern wichtige gemeinsame Familienzeit weg; dies alles, das wurde von der Vorrednerin, Kollegin Gmür-Schönenberger, sehr schön ausgeführt, ohne ökonomischen Grund. Die Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten auf zwölf Sonntage ist nicht etwa moderat, wie sie von der Kommissionssprecherin viermal bezeichnet wurde - moderat ist eine Verdreifachung, mit Verlaub, wirklich nicht -, und sie bringt nicht mehr Wachstum. Wir haben es gehört, sie erfordert nur mehr Arbeitsstunden bei gleichem Umsatz.
Ich bitte Sie, der Initiative des Kantons Zürich keine Folge zu geben.