Graber Michael · Nationalrat · 2026-06-09
Graber Michael · Nationalrat · Wallis · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2026-06-09
Wortprotokoll
Beim indirekten Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative sprechen wir über Versorgungssicherheit, Winterstrom und Technologieoffenheit. Das ist grundsätzlich richtig. Aber wir müssen auch über eine Folge des Kernenergieausstiegs sprechen, die oft unterschätzt wird: den Verlust an nuklearer Forschungsinfrastruktur und Fachkompetenz.
Nach Annahme der sogenannten Energiestrategie war das politische Signal klar: Die Schweiz steigt aus der Kernenergie aus. Neue Kraftwerke wurden verboten. Dieses Technologieverbot hatte aber nicht nur Auswirkungen auf mögliche Kraftwerkprojekte. Es hatte auch Auswirkungen auf Forschung, Ausbildung und den Nachwuchs. Denn junge Menschen, Hochschulen, Unternehmen und Forschungsinstitutionen orientieren sich klarerweise an den politischen Rahmenbedingungen. Wenn der Staat signalisiert, dass eine Technologie politisch keine Zukunft hat, dann leidet auch das ganze Umfeld dieser Technologie. Forschungsprogramme werden kleiner; es wird schwieriger, Nachwuchs zu gewinnen; Infrastruktur wird nicht erneuert; Kompetenzen gehen schrittweise verloren.
Genau das sehen wir bei der nuklearen Forschung in der Schweiz. Die Schweiz hatte früher eine deutlich breitere nukleare Forschungsinfrastruktur. Am Paul-Scherrer-Institut in Würenlingen gab es beispielsweise die Forschungsreaktoren Saphir und Diorit. Auch an der Universität Basel gab es einen solchen Forschungsreaktor. Diese Anlagen sind heute leider stillgelegt. An der EPFL gibt es weiterhin eine nukleare Forschungs- und Ausbildungsanlage, aber insgesamt ist die Schweizer Infrastruktur deutlich kleiner geworden.
Wohlgemerkt: Es geht hier nicht nur um die Stromversorgung. Forschungsreaktoren sind auch für andere Bereiche enorm wichtig. Als Beispiel möchte ich die Medizin nennen. In der Nuklearmedizin werden radioaktive Stoffe für die Diagnose und die Therapie eingesetzt, insbesondere bei zahlreichen Krebsarten. Ein Teil dieser Stoffe und ihrer Ausgangsprodukte wird weltweit in solchen Forschungsreaktoren hergestellt. Die Produktion ist international auf wenige Standorte konzentriert. Wenn Anlagen ausfallen oder Lieferketten unter Druck geraten, kann das direkte Folgen für Spitäler sowie Patientinnen und Patienten haben. Hier machen wir uns also vom Ausland abhängig. Genau deshalb ist der Rückgang nuklearer Forschungsinfrastruktur auch gesundheitspolitisch relevant, insbesondere bei der Krebsdiagnostik oder modernen Therapien.
Wer Kernenergie politisch verbietet, schwächt nicht nur eine Form der Stromproduktion. Er schwächt auch die Forschung, die Ausbildung, die Sicherheitskompetenz und die Fähigkeit, neue Entwicklungen überhaupt beurteilen zu können. Denn Forschung ist nicht etwas Abstraktes. Sie ist die konkrete Grundlage dafür, dass Fachleute ausgebildet werden, dass Behörden kompetent regulieren können und dass die Schweiz international ernst genommen wird. Wenn wir über moderne Reaktorkonzepte, kleine modulare Reaktoren oder neue Sicherheitsansätze sprechen, brauchen wir Menschen, die diese Technologien verstehen. Und dieses Wissen entsteht nicht von selbst. Es geht darum, ob die Schweiz auch in Zukunft ein Land bleiben will, das Technologien versteht, beurteilt und weiterentwickelt. Es geht darum, ob die Schweiz innovationsfähig bleibt.
Die Blackout-Initiative wie auch der indirekte Gegenvorschlag korrigieren ein politisches Signal, das der Schweiz gerade in der Wissenschaft geschadet hat. Sie machen deutlich, dass wir unsere technologischen Optionen nicht durch Verbote verbauen werden. Wenn Sie diesen Schritt weiterdenken, dann kommen Sie zum Schluss, dass wir uns die Option der Kernenergie für die Zukunft offenhalten müssen. Dafür brauchen wir die dazugehörigen Kompetenzen bei Forschung, Ausbildung, Infrastruktur und Nachwuchs.
Technologieoffenheit ist kein Schlagwort und darf auch keines bleiben. Ein Technologieverbot bei der Kernkraft hat sehr wohl Auswirkungen auf Forschung und Innovation. Wenn wir diese Auswirkungen korrigieren wollen, müssen wir nicht nur über Kernkraftwerke sprechen, sondern auch über Kompetenzerhalt, Ausbildung und Forschungsinfrastruktur. Das ist im Interesse der Stromversorgung, das ist im Interesse der Forschung, und das ist im Interesse der Innovationsfähigkeit der Schweiz.