Schlüer Ulrich · Nationalrat · 2000-06-05
Schlüer Ulrich · Nationalrat · Zürich · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2000-06-05
Wortprotokoll
Ich persönlich habe in den Achtzigerjahren einen Pressedienst betrieben, der das Geschehen im südlichen Afrika genau verfolgt und beschrieben hat; es war ein rein schweizerisches Unternehmen, das aus Interesse am Geschehen dazu Stellung genommen hat.
Ich habe die Begründung zur Interpellation genau gelesen und bin der Auffassung, dass noch einige zusätzliche Fragen zu beantworten wären, vor allem auch durch die Interpellanten selbst. Es geht ja nicht um die Zahlen - wie viel wurde, wie viel wurde nicht investiert, wie viel haben andere investiert? Es geht um die Tatsache, dass die Schweiz Südafrika nicht boykottiert hat, andere Länder - England, Deutschland usw. - übrigens auch nicht, weil die von der Schweiz aus tätigen Industrieunternehmen Südafrika anders beurteilen als gewisse andere Länder.
Wenn Sie diese Haltung von damals kritisieren, dann ist auch an gewisse Aktivitäten zu erinnern, die damals entfaltet wurden. Auch aus der Schweiz erschallte damals - von linken Kreisen unterstützt - der Ruf nach Südafrika: "Liberation before education." Damit wurden insbesondere die Schüler zu Streiks aufgefordert und dazu veranlasst, das Leben teilweise zum Stillstand zu bringen.
Dazu sind hier einmal Tatsachen auf den Tisch zu legen: Etwa zwei Millionen Schüler Südafrikas sind aufgrund dieser Boykotte - von der Linken auch aus der Schweiz unterstützten Boykotte - ohne Schulausbildung geblieben!
Die Schüler haben gestreikt; damit haben sie keine Ausbildung erfahren und stehen in Südafrika heute auf der Strasse, ohne Job, ohne Möglichkeit, den Lebensunterhalt für eine Familie zu bestreiten. Wer ist für diese Arbeitslosen, diese aus dem Leben Geworfenen eigentlich zuständig, wer übernimmt die Verantwortung für sie?
Jene, die damals Boykotte nicht unterstützten, waren der Auffassung, auch in Südafrika seien - als sich dieses Land in einer schwierigen Übergangsphase befand - wirtschaftliche Grundlagen, wirtschaftliches Wachstum, wirtschaftliche Möglichkeiten für den Einzelnen notwendig, um sich in diesem Land ein Einkommen zu erwerben. Damals haben Schweizer Betriebe z. B. Lehrwerkstätten geschaffen. Diese waren nie rassengetrennt, Schwarze und Farbige konnten ihre Ausbildung dort zusammen mit Weissen erhalten. Diese Ausgebildeten stehen heute in der Verantwortung, verfügen über Fähigkeiten, das Land fortzuentwickeln.
Weshalb werden jene kritisiert, die diese Möglichkeiten geschaffen haben, weshalb übernimmt andererseits niemand die Verantwortung für jene, die heute ohne Ausbildung im Elend stehen? Weil die damaligen Streikenden heute, da ihre Aktionen und Aktivitäten der Vergangenheit angehören, nicht mehr interessant sind. Niemand kümmert sich mehr um jene zwei Millionen Ungebildeten, die heute in Südafrika auf der Strasse stehen. Diese Frage müsste von jenen, die noch immer die Boykottpolitik befürworten - die damals vor allem die Schwarzen geschädigt hat, dies muss man hier ganz klar sagen -, endlich einmal beantwortet werden.
Dies, bevor weitere Forderungen an die Schweiz gestellt werden gegenüber Industrieunternehmen - die meines Erachtens verantwortungsvoll gehandelt haben, ohne sich mit dem Regime zu verbinden. Sie haben damit eine Basis für die Zukunft geschaffen. Es muss daran nichts korrigiert werden.