Bäumle Martin · Nationalrat · 2004-03-18
Bäumle Martin · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2004-03-18
Wortprotokoll
Es spricht überhaupt nichts dagegen, eine Ressourcenpolitik Holz zu betreiben, Holzfeuerungen zu fördern, eine nachhaltige Holzbewirtschaftung vorzunehmen. Aber dies hat überhaupt nichts, aber auch rein gar nichts mit CO2-Senken zu tun. Das ist wissenschaftlicher Unsinn. Es ist auch richtig, Grundlagenforschung zu CO2-Senken zu machen, sich Wissen zu erarbeiten. Auch dagegen spricht nichts. Dann können wir vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren, wenn wissenschaftliche Daten vorliegen, über dieses Thema ernsthaft diskutieren. Das könnte durchaus auch zu einer CO2-Quelle führen, wir wissen es nicht. Dann müssen Sie aber heute ehrlich sein und dazu einen Vorstoss machen - einen Vorstoss für die Forschung - und nicht allenfalls CO2-Quellen anrechnen, die als solche noch gar nicht bekannt sind.
Der vorliegende Vorstoss ist klar eine Mogelpackung und ein Ablenkungsmanöver. Das Potenzial der CO2-Senken, insbesondere in der Schweiz, ist heute absolut unbekannt. Wissenschaftler sind sehr skeptisch, ob solche Senken überhaupt berechenbar oder messbar sind. Wachstum von Holz im Wald als CO2-Senke zu bezeichnen ist grundsätzlich nicht nachhaltig. Denn der Wald wird ja bewirtschaftet, und das führt wieder zur CO2-Quelle. Waldbrände oder Stürme sind ebenfalls CO2-Quellen und müssten berechnet werden. Es stellt sich die Frage, wie eine solche Berechnung und Gewichtung vorgenommen werden soll. Aber eine ganz simple Betrachtung über eine Generation von zwanzig bis vierzig Jahren würde wohl schon heute einigermassen klar zeigen, ohne lange wissenschaftliche Studien, dass in der Schweiz ungefähr ein Gleichgewicht zwischen CO2-Senken und CO2-Quellen bestünde und dass in diesem Bereich keine Massnahmen irgendetwas bringen würden.
Auch die Zunahme der Waldflächen kann nicht ernsthaft als CO2-Senke eingebracht werden. Denn eine solche CO2-Senke ist maximal für einige Jahre, vielleicht für einige Jahrzehnte, wirksam. Aber der Klimaeffekt entwickelt sich über Jahrzehnte, über Jahrhunderte. In diesen Zeiträumen ist eben eine solche kurzfristige Zunahme der Waldfläche, wie sie in den letzten zehn, fünfzehn Jahren geschehen ist, nicht relevant, um damit Klimapolitik zu machen und letztlich das Problem der CO2-Belastung der Atmosphäre zu lösen.
Eine weitere Frage von Interesse wäre, wieweit der Klimaeffekt selber eine CO2-Mehr- oder -Minderbelastung mit sich bringt. Hier sind zurzeit Wissenschaftler daran - ich habe selber in einem Projekt mitgearbeitet -, dies zu untersuchen. Ich kann Ihnen sagen, dass das schwierige Fragen sind, und ob überhaupt je vernünftige Messdaten vorliegen, die eine qualitativ und quantitativ genügende Aussage erlauben, ist heute offen. Aber klar ist auch da: In welche Richtung es geht, ist offen. Gibt es durch eine höhere Erwärmung eine positive oder eine negative Rückkoppelung? Heute weiss das niemand.
Aber ein Vorstoss, wie er heute eingereicht wird, mit einer kurzfristigen Senkenberechnung, ist ein Missbrauch. Es ist ein Missbrauch, um eben Massnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses durch anthropogene Quellen - also Quellen, die wir verursachen, wie Auto fahren, Heizen usw. - umgehen und unterlassen zu können. Der wissenschaftliche Beweis dazu, ob dies funktioniert oder nicht, wird wohl nie genau erbracht werden können.
Faktum ist, dass wir sehr viel Geld und Verwaltungsaufwand für irgendwelche buchhalterischen Berechnungen in die Hand nehmen. Dieses Geld setzen wir besser ein, um effektiv anthropogene CO2-Quellen zu reduzieren und weniger CO2 zu emittieren.