Lexipedia

Galladé Chantal · Nationalrat · 2004-06-01

Galladé Chantal · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2004-06-01

Wortprotokoll

Ich spreche zur Lehrstellensituation und anerkenne, dass der Bund in Bezug auf die Lehrstellenförderung letztes Jahr einiges getan hat. Gerade im Rahmen des Lehrstellenbeschlusses II und im Rahmen von Verbundlösungen ist er wirklich nicht untätig geblieben - Kompliment! Aber das genügt nicht. Letztes Jahr hatten wir den Druck der Lehrstellen-Initiative - der Lipa -, und da ist einiges über die Lehrstellensituation gesprochen und geschrieben worden, einiges mehr gehandelt worden, als es jetzt der Fall ist. Wir werden auch diesen Sommer Jugendliche haben, die nach der obligatorischen Schulzeit ohne Anschlusslösung dastehen werden. In ein, zwei Monaten wird die Politik, wird die Wirtschaft wieder vor diesem Problem stehen. Im Moment spricht noch kaum jemand darüber.

Ich möchte Sie vor dieser Situation warnen, die auf uns zukommt - und sie wird kommen! Ich möchte nicht, dass dann auf dem Niveau des letzten Jahres diskutiert und die Schuld für das Ganze den Jugendlichen in die Schuhe geschoben wird, indem gesagt wird: Es hat schon Lehrstellen, wenn man sich bemüht. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wir müssen die Tatsachen und die Fakten anschauen, und aufgrund dieser Tatsachen und Fakten müsste eben noch mehr getan werden. Landesweit wurden zwischen den Jahren 1985 und 2001 insgesamt 31 000, also 15 Prozent aller Lehrstellen abgebaut. Nur noch 17 Prozent aller Betriebe bilden heute Lehrlinge aus. Es ist eben nicht einfach ein Konjunkturproblem. Ich kann Ihnen die "entgegengesetzte" Zahl dazu nennen, die Sie vielleicht erstaunen wird: Im gleichen Zeitraum hat die Gesamtbeschäftigung um 6,5 Prozent zugenommen. Das heisst, diese Kurven laufen längst nicht mehr parallel. Das ist ein Problem.

Wir müssen uns etwas einfallen lassen, wenn wir das duale Berufsbildungssystem noch retten wollen, wenn wir hier etwas tun und die Jugendlichen nicht einfach ihrem Schicksal überlassen wollen. Die Milchbüchleinrechnung "ein Jugendlicher gleich eine Lehrstelle" geht eben nicht auf, weil vielleicht im Kanton Wallis noch einige Stellen offen sind, aber im Kanton Zürich dieses Jahr viele Jugendliche noch ohne Lehrstelle dastehen. Die örtlichen Gegebenheiten müssen also berücksichtigt werden. Dann geht es auch um die Berufsfelder: Wenn man eine KV-Lehre machen möchte und dazu vielleicht auch geeignet ist, kann man nicht - ich sage jetzt einmal, je nachdem: - eine Metzger- oder eine Maurerlehre machen: Es gibt irgendwo natürlich gesetzte Grenzen. Das Spektrum enthält etwa zehn Berufe, die ein Jugendlicher oder eine Jugendliche machen kann, dann ist irgendwo einmal die Grenze gesetzt - und es kommt zu Lehrvertragsauflösungen, wenn auf zu breiter Basis gewechselt wird.

Die Jugend ist nicht so schlimm wie ihr Ruf oder wie die Politik sie manchmal darstellen möchte. Natürlich gibt es auch bei den Jugendlichen schwarze Schafe, aber die gibt es in der Politik auch. Aber es stimmt nicht, dass alle Jugendlichen an ihrem Traumberuf hängen und nicht flexibel sind. Sehr viele Jugendliche sind sehr flexibel und sagen: Hauptsache, ich habe eine Lehrstelle. Es geht zum Beispiel auch um die Chancengleichheit. Es gibt eine neuere Studie, die beweist, dass Jugendliche, deren Eltern ein breites Beziehungsnetz haben, einfach eine Lehrstelle finden und dass es immer die anderen sind, die keine Lehrstelle finden; vielleicht müssten wir das auch einmal mit einigen Massnahmen angehen.

Ich komme noch zu einer weiteren interessanten neuen Studie. Es geht um die ausländischen Firmen in der Schweiz oder um die Firmen mit ausländischem Management: Gerade im tertiären Sektor, wo es an Lehrstellen fehlt, sind sehr viele ausländische Manager in einer Führungsposition. Diese kennen oft unser duales System nicht. Sie wissen nicht, dass die Lehrlingsausbildung in der Schweiz hochwertige Qualität hat, und denken, das sei dasselbe wie in ihrem Land, oder sie interessieren sich gar nicht dafür. Das führt dazu, dass sie gar keine Lehrlinge ausbilden oder sogar Lehrstellen abbauen. Die Studie zeigt auf, dass die Kantone hier etwas unternehmen würden, wenn der Bund die Ressourcen bereitstellen würde. Das heisst: Wenn der Bund Infoblätter, wenn das Seco zum Beispiel Informationen bereitstellen würde, würden die Kantone auch aktiv werden. Aber im Moment sagt der Bund - auch auf meinen Vorstoss hin -, die Kantone seien zuständig, und die Kantone sagen, der Bund sei zuständig. Wichtig ist mir einfach Folgendes: Klären wir doch einmal, wer zuständig ist, und machen wir dann etwas; es geht hier um die Jugendlichen!

Es darf nicht sein, dass die Politik und die Wirtschaft angesichts der lehrstellenlosen Jugendlichen diesen Sommer wieder so ein Trauerspiel bieten wie letztes Jahr. Ich bitte jetzt deshalb die ganze Politik, alle Parteien, den Bundesrat und die ganze Wirtschaft, sich an einen Tisch zu setzen, dieses Problem zu diskutieren, hier nicht aufzugeben, hier dranzubleiben und wirklich! - wirklich - die Grabenkämpfe aufzugeben. Das ist einmal ein Punkt, wo wir den Reformstau überwinden, wo wir alle gemeinsam an einem Strick ziehen können. Ich bin überzeugt: Sie wollen alle, dass die Jugendlichen Lehrstellen haben. Schauen wir doch, wo wir Gemeinsamkeiten haben, statt zu schauen, wo wir uns unterscheiden, wo wir Differenzen haben. Ich bin überzeugt: In dieser Frage schaffen wir es, denn eine Jugend ohne Perspektiven dürfen, können, sollen wir uns nicht leisten.