Noser Ruedi · Nationalrat · 2004-09-28
Noser Ruedi · Nationalrat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2004-09-28
Wortprotokoll
Gestatten Sie auch mir, zuerst meine Interessenbindung aufzudecken: Erstens habe ich selbst diesen Weg gemacht, zweitens beschäftigt meine Firma ungefähr 220 Ingenieure, die alle entweder von der Hochschule oder von der Fachhochschule herkommen.
Wir führen hier anscheinend eine Grundsatzdiskussion, und wie immer, wenn man eine Grundsatzdiskussion führt, tut jeder Nationalrat gut daran, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ich kann verstehen, dass die stark gewerblich orientierten Berufe verlangen - sie tun dies durchaus zu Recht -, dass der Weg in die Fachhochschule über die Lehre führt und nicht über die Matura. Es gibt in der FDP-Fraktion auch eine starke Minderheit - angeführt von diesen gewerblichen Ausbildern -, die hier einen ganz wichtigen Schwerpunkt setzt und die im Rat dann vermutlich auch für die Kommissionsmehrheit stimmen wird.
Ich möchte aber betonen - lesen Sie Artikel 5 noch einmal durch -, dass der Weg über die Lehre dort auch der normale Weg ist. Was Herr Randegger und Frau Simoneschi-Cortesi wollen, sind Ausnahmen, das heisst, es muss ein Grund vorhanden sein, warum der Standardweg ausnahmsweise nicht der richtige Weg ist. Ich möchte auch noch darauf aufmerksam machen, dass Sie unter Absatz 3 Buchstabe c neu die Lernziele für diese einjährige Arbeitswelterfahrung finden. Diese Lernziele werden neu vom BBT festgelegt. Es ist also nicht mehr so wie früher, dass man einfach irgendein Praktikum machen und sich das irgendwie bestätigen lassen kann.
Ich möchte Ihnen einige Aspekte aus der Realität zu bedenken geben. Es ist wirklich gut, wenn Sie überlegen, ob man hier diese Türe hundertprozentig schliessen soll - denn das wird gemacht, wenn man der Mehrheit zustimmt - oder ob man hier dem Antrag der Minderheit Randegger zustimmen soll. Als ich vor zwanzig Jahren meine Berufsmatura gemacht habe - und ich gehöre zu einem der ersten Jahrgänge, die eine Berufsmatura gemacht haben -, da gab es im Kanton Zürich 8 Prozent Maturanden. Heute liegt die Quote bei fast 20 Prozent. Das ist eine Tatsache, eine Realität. Man kann es gut oder schlecht finden; es ist eine Realität. Die Leute, die dafür kämpfen wollen, dass der Königsweg Berufslehre auch wirklich ein Königsweg bleibt, müssten sich in erster Linie einmal in den Kantonen dafür einsetzen, dass die hoch qualifizierten Berufe auch wieder erlernt werden können und dass die Eltern nicht gezwungen sind, ihre Kinder die Matura machen zu lassen. Ich frage mich nämlich, ob die Quote von Maturanden wirklich so hoch wäre, wenn es mehr Möglichkeiten gäbe, hoch qualifizierte Berufe zu erlernen. Das sind die Berufe, die zur Fachhochschule führen.
Wenn Sie das Praktikum während der Fachhochschule machen - damit möchte ich Chantal Galladé antworten -, dann ist eben ein Praktikumsplatz einfach zu bekommen, weil die Wirtschaft mit den Fachhochschulen zusammenarbeitet. Wir machen Diplomarbeiten mit den Fachhochschulen, wir machen Forschungsaufträge mit den Fachhochschulen, sprich: Wir kennen die Fachhochschulen, und wir sind daran interessiert, von den Professoren Praktikumsleute zu übernehmen. Das stärkt die Beziehungen zwischen der Wirtschaft und den Fachhochschulen. Wenn mich irgendein Vater anruft und sagt, sein Sohn möchte vielleicht Elektrotechnik studieren und dazu ein Praktikum bei mir machen, dann hat das mal grundsätzlich eine viel tiefere Glaubwürdigkeit, als wenn die Fachhochschule sich bei mir meldet und diesen Platz will.
Weiter möchte ich darauf aufmerksam machen - ich habe es in meinem Eintretensvotum schon getan -, dass wir in einem internationalen Wettbewerb sind. Ich beschäftige heute nebst 16 Lehrlingen, die eine Informatiklehre machen, vier Praktikanten: einen aus China, einen aus Vietnam, einen aus Russland und einen aus Holland, aber keinen aus der Schweiz. Warum? Diese Praktikanten machen ein einjähriges Praktikum bei mir, und zwar bevor sie die Bachelor-Prüfung machen. Das heisst, es sind hoch qualifizierte Leute, die Internationalität in meine Firma hineinbringen und mir die Möglichkeit geben, hier eine sehr gute Ausbildung und einen Austausch mit diesen Ländern aufzubauen.
Wenn Sie davon ausgehen, dass Sie diesen Praxisbezug wirklich so hoch einschätzen, möchte ich Ihnen noch einen weiteren Punkt zu bedenken geben. Man kann eine Informatikerlehre heute an einer Schule machen. Es ist nicht automatisch gesetzt, dass jeder, der einen Informatikerlehrausweis hat, wirklich in der Praxis war. Sie selbst haben vor den Sommerferien vermutlich mitbekommen, was für Exzesse in unserer Branche vorkommen, dass man von den Eltern sogar 50 000 Franken verlangen will, damit jemand eine Lehre machen kann. Vergleichen Sie das mit gewissen Berufen mit sehr wenig Praxis. Ich möchte hier auf das KV hinweisen, das man auch an einer Schule machen kann. Man kann also mit sehr wenig Praxis einen prüfungsfreien Übertritt an eine Fachhochschule hinkriegen. Ich möchte Sie darauf hinweisen: Wenn jemand eine Fachmatura hat, zum Beispiel mit einem Maturafach Richtung Mathematik, mit sehr viel Informatik drin, ist es vielleicht durchaus eine Möglichkeit, dass man dort ausnahmsweise einen Übergang zulässt, wo das Praktikum während des Studiums gemacht wird.
Ich möchte Sie also bitten, hier diesen jungen Menschen, die doch 20 Prozent eines Jahrgangs ausmachen, nicht einfach leichtfertig die Türe zuzuschlagen und der Minderheit I (Randegger) oder notfalls der Minderheit II (Simoneschi-Cortesi) zuzustimmen.