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Marty Kälin Barbara · Nationalrat · 2004-10-07

Marty Kälin Barbara · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2004-10-07

Wortprotokoll

Ich rede zuerst zur ersten Motion; der Motionär Aeschbacher hat zwei verschiedene Anliegen: Er will einerseits, dass Tierarten, die in der Schweiz oder in Europa als gefährdet eingestuft werden, nicht mehr gejagt werden dürfen; er will andererseits die Schonzeiten [PAGE 1715] der jagdbaren Tiere ausdehnen, um den Tieren eine ungestörte Fortpflanzung zu ermöglichen, nicht zuletzt deshalb, damit man sie anschliessend wieder in genügender Anzahl jagen kann.

Die Jäger - bzw. Jagd Schweiz, der Dachverband Schweizerischer Jagdverbände - lehnen beide Vorstösse ab, allerdings eher aus formalen Gründen denn aus Überzeugung. Sie machen geltend, die Anliegen der Motionäre seien ohne Änderung des Jagdgesetzes durchsetzbar, zumindest betreffend die Motion Aeschbacher. Das mag sein. Das ist auch mit ein Grund dafür, warum dieser Vorstoss mit dem Einverständnis des Urhebers in ein Postulat umgewandelt werden kann. Der Bundesrat ist bereit, die Anliegen aufzunehmen. Eigentlich könnten wir zum nächsten Geschäft übergehen, wenn da eben nicht die Jäger wären. Denn die machen weiter geltend, der Bund solle nicht in die Kompetenz der Kantone eingreifen und über den Schutz der jagdbaren Tiere dürfe nicht aufgrund der bestehenden Gesetzgebung, sondern müsse aufgrund der Sachkenntnis an Ort und Stelle entschieden werden. Die Jäger stellen also ihren Sachverstand über die gesetzlichen Grundlagen. Das ist - um es sehr höflich auszudrücken - eine ziemlich eigenartige Rechtsauffassung.

Es geht nicht darum, den Kantonen die Eigenverantwortung zu entziehen, und es geht schon gar nicht darum, die Sachkenntnis der Kantone gegen diejenige des Bundes abzuwägen, sondern es geht darum, dass gefährdete Tiere im ganzen Land den gleichen Schutz geniessen. Das war nämlich eine der Absichten im heute geltenden Jagdgesetz, dass eben der Schutzteil, also wer gejagt werden darf, national und der Vollzugsteil, wie die Jagd im Einzelnen geregelt ist, kantonal festgelegt ist.

Es ist ja geradezu absurd, wenn der Bund Artenschutzprogramme für gefährdete Tier- und Vogelarten durchführt - beispielsweise für das Birkhuhn und die Waldschnepfe - und diese Tiere dann kantonal gejagt werden. Allerdings eben nicht überall: Solange der Birkhahn im Kanton Schwyz bleibt, ist er sicher, weil er dort geschützt ist. Die grenzüberschreitende Suche nach einer ausserkantonalen Birkhenne kann ihm dann allerdings schnell zum Verhängnis werden.

Der Feldhase steht seit zehn Jahren auf der Roten Liste. Ich gebe zu, dass die grösste Gefährdung der Feldhasen nicht von den Jägern kommt, sondern dass sie primär dem Strassenverkehr zum Opfer fallen, dass also nicht einmal mehr viele Hunde des Hasen Tod sind, sondern viele Autos. Umso unverständlicher ist, dass die wenigen Exemplare, die den Autos entkommen, anschliessend den Jägern vor die Flinte laufen und erschossen werden dürfen.

Ich gehe mit dem Jagdverband auch einig, dass Umweltbelastung, Verlust der Lebensräume sowie Freizeitverhalten für die Wildtiere grössere Belastungen und Störungen darstellen. Aber die Argumentationsebene "Ich nicht, die anderen auch" haben wir doch irgendwann im Sandkastenalter hinter uns gelassen. Jagd Schweiz macht es sich etwas gar einfach, wenn für Biodiversität und Nachhaltigkeit einfach "die anderen" zuständig sein sollen.

Jagd Schweiz will sich zwar für die Natur und den Schutz der Biotope einsetzen, aber offenbar nicht genau dort, wo man in Ruhe jagen möchte. Jagd Schweiz lehnt deshalb sowohl die Motion Donzé als auch die Motion Aeschbacher ab, auch in der Postulatsform. Jagd Schweiz spricht sich damit gegen Biodiversität und Nachhaltigkeit aus, was sich langfristig auch auf die jagdbaren Tierbestände auswirken dürfte und irgendwann vermutlich auch für die Jäger und deren Verband nachteilig würde.

Ich bitte Sie deshalb namens der SP-Fraktion, die Motionen Aeschbacher und Donzé zumindest als Postulate zu überweisen, damit unsere Kinder Feldhasen, Birkhähne und Waldschnepfen dereinst nicht nur aus Broschüren von früher kennen.