Widmer Hans · Nationalrat · 2005-06-08
Widmer Hans · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2005-06-08
Wortprotokoll
Ein Kollege, der nicht genannt sein will, hat mich herausgefordert und gesagt: Was willst jetzt du noch zu diesem Thema sagen? Darauf darf ich antworten: Auch die Diskussion über den philosophischen Hintergrund dieser Auseinandersetzung um die Initiative und um das Gesetz muss explizit geführt werden. Ich möchte eigentlich das Gemeinsame zwischen der Initiative und dem Gesetz hervorheben, komme aber am Schluss, wie die SP-Fraktion auch, zur Ablehnung der Initiative und zur Befürwortung des Gesetzes.
Was ist denn der philosophische Hintergrund? Wir machen Gesetze, und oft kennen wir die tiefere Begründung nicht ganz genau. Die meisten von uns sind grosse Praktikerinnen und Praktiker - das ist gut so -, und einige sind halt noch etwas grüblerischer veranlagt, und sie bohren manchmal mehr in die Tiefe. Nun also zu einem Grundgedanken, der hinter dem Thema des Gesetzes und der Initiative steckt; das sind die Gemeinsamkeiten: Mensch, Tier und Pflanze teilen sich den Lebensraum Erde. Das ist doch eine einfache [PAGE 714] Feststellung. Dabei zeigt sich das folgende, absolut erstaunliche Verhältnis zwischen Tier und Mensch: Der Mensch ist für sein Leben und Überleben zwingend auf Tier und Pflanze angewiesen, aber ausser im Fall der Haustiere gilt nicht das Umgekehrte. Das müssen wir uns einfach einmal vor Augen halten. Seit je nimmt der Mensch das Tier als ein Mitgeschöpf wahr, weil ihm mehr oder weniger deutlich bewusst ist, dass er zur gleichen Natur, zur gleichen Physis - wie die Griechen gesagt haben - oder, wie es dann im Christentum, anders interpretiert, aber ein Ähnliches meinend, genannt wurde, zur gleichen Schöpfung gehört.
Wer z. B. archäologische Spuren, Funde der Ethnologie, kunst- und religionsgeschichtliche Produkte unter dem Gesichtspunkt der Beziehung zwischen Mensch und Tier unter die Lupe nimmt, dem fällt auf, wie innig und tief diese Beziehungen sind. Wenn Geri Müller sich ein bisschen verunstaltet und sich eine Tiermaske überstülpt, dann muss ich sagen: Das kommt an der Fasnacht ja überall vor. Das Gleiche zeigt sich auch in den Gräbern der alten Ägypter: Der Mensch wird zum Tier, das Tier wird zum Menschen - auch in der Märchenwelt, Sie alle kennen das. Mensch und Tier haben also eine absolut innige Beziehung, das ist nichts Neues.
Nun möchte ich noch zwei grosse Figuren aus dem europäischen Kulturkreis nennen, die dieses innige Verhältnis vorgelebt, die es aktiv realisiert haben: Da ist einerseits der auch von Protestanten sehr verehrte Franziskus von Assisi. Das war ein Mensch, der gesagt hat: Die Tiere sind meine Schwestern und Brüder. Er redete mit ihnen und musste deswegen nicht in die Irrenanstalt; zudem war er den Mitmenschen gegenüber absolut sozial und karitativ.
Ich komme zeitlich etwas näher, in das 20. Jahrhundert, und nehme einen Menschen, der wirklich ein Aushängeschild ist, das Protestanten, Katholiken, Atheisten, Agnostiker und was es da so alles gibt wiederum gerne in Beschlag nehmen, nämlich den berühmten Albert Schweitzer. Dieser hat auf eine vielversprechende Karriere verzichtet: Er hat gesagt, er gehe jetzt nach Afrika, und gleichzeitig hat er Soziales und Tierschützerisches miteinander verbunden.
Ich wollte damit nur sagen: Aus der Mitgeschöpflichkeit kann durchaus auch soziales Verhalten resultieren. Ich bitte alle Kolleginnen und Kollegen: Spielen Sie die verschiedenen Dimensionen - Kinder- und Tierrechte - nicht gegeneinander aus.
Unterstützen Sie das Gesetz, und lehnen Sie die Initiative ab.