Hollenstein Pia · Nationalrat · 2005-06-14
Hollenstein Pia · Nationalrat · St. Gallen · Grüne Fraktion · 2005-06-14
Wortprotokoll
Was wir auch immer heute beschliessen, ich bin zuversichtlich, dass die Initiative bei der Volksabstimmung grosse Zustimmung finden wird. Quer durch Europa wachsen gentechfreie Zonen, d. h. Gemeinden, Regionen, die sich zu gentechfreien Zonen bekennen. Unter anderen haben sich in Italien 26 Provinzen zu gentechfreien Gebieten erklärt, in Frankreich sind es 1250 gentechfreie Gemeinden. In Österreich sind acht von neun Bundesländern gentechfrei, das heisst, ganz Österreich ist de facto gentechfrei; aber es geht um das Bekenntnis zur gentechfreien Landwirtschaft. In Deutschland wächst der Widerstand gegen Gentech-Aussaat, besonders auch von bäuerlicher Seite. Der Widerstand gegen Agro-Gentechnik kennt keine Grenzen.
Noch wurden wenige Gründe angeführt, weshalb es sinnvoll ist, auf Gentech-Aussaat überhaupt zu verzichten. Jedenfalls zeigen Erfahrungen im Ausland die Auswirkungen von Gentechnik in der Landwirtschaft auf das Ökosystem deutlich: Pollenflug, Resistenzen und Abhängigkeiten von Multis sind bekannt. Noch immer aber gibt es keine Langzeitstudien. Das Fehlen von Langzeitstudien ist ein sehr ernstzunehmendes Problem.
Wieso ist Agro-Gentechnik gefährlich, wieso birgt sie Gefahren, die wir mit einer gentechfreien Landwirtschaft möglichst verhindern sollten? Die spezielle Risikoqualität der Gentechnologie beruht darauf, dass die Risikoquelle lebt, sie sich selbst vermehren kann, sie sich auf andere Organismen übertragen kann, sie über mehrere Jahre unbemerkt bleiben kann und - etwas ganz Wichtiges - sie im Schadenfall nicht zurückgeholt werden kann.
In der kleinräumigen Schweiz findet eine vielfältige Nutzung von Ackerflächen statt. Die Bauern halten Fruchtfolgen ein: Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben, Mais, Raps und Gras wechseln im Anbau ab. Die Grösse der Äcker ist im internationalen Vergleich klein. Insgesamt existiert eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, was auch für die Natur vorteilhaft ist. In unserem kleinräumigen Umfeld ist ein Nebeneinander von Gentech-Landwirtschaft und gentechfreier Landwirtschaft kaum möglich. Untersuchungen auf Biobetrieben haben gezeigt, dass jeder Biobauer, jede Biobäuerin bis zu 25 Nachbarn hat, deren Felder direkt an seine oder ihre Grundstücke grenzen. Die Felder der biologisch und integriert produzierenden Bauern könnten durch Pollenflug von gentechnisch veränderten Pflanzen entscheidend verunreinigt werden. Nicht nur für Bio- und IP-Swiss-Betriebe, sondern auch für unsere einheimische Flora und Fauna könnten sich einschneidende Auswirkungen ergeben. Eine vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau gemachte Studie kommt zum Schluss, dass in einem Gebiet wie der Schweiz ein Nebeneinander nicht praktizierbar ist: Gentechfreie und GVO-veränderte Landwirtschaft können nur mit riesigem Aufwand koexistieren. In der Praxis würde das bedeuten, einen Abstand von bis zu 2 Kilometern einzuhalten - in der Schweiz ein Unding.
Die Natur lässt sich nach dem heutigen Wissensstand durch Agro-Gentechnik auch nicht verbessern. Die Agro-Gentechnik bringt die Natur höchstens noch mehr durcheinander, mit unabsehbaren Folgen für die fein aufeinander abgestimmten natürlichen Prozesse.
Aus all diesen Gründen empfehle ich Ihnen, der Mehrheit zu folgen und die Volksinitiative zur Annahme zu empfehlen.