Lexipedia

Widmer Hans · Nationalrat · 2005-06-16

Widmer Hans · Nationalrat · Luzern · Sozialdemokratische Fraktion · 2005-06-16

Wortprotokoll

Ich spreche für eine Mehrheit der SP-Fraktion, die sowohl die parlamentarische Initiative Gutzwiller als auch die WBK-Motion ablehnt. Mit der Präimplantationsdiagnostik begeben wir uns moralisch auf eine sehr rutschige schiefe Ebene, den berühmten Slippery Slope, und da sagen wir: Halt, sichern!

Schon mit der Pränataldiagnose, mit der In-vitro-Fertilisation und auch mit der Stammzellenforschung sind wir in ein ethisch heikles Gebiet vorgestossen. Wir haben uns nämlich schrittweise an das Tabu der Instrumentalisierung von werdendem menschlichem Leben herangemacht, sei es für die Realisierung des Wunsches nach einem Kind - nach einem gesunden Kind -, sei es für sogenannt hochrangige Forschungsziele.

Mit der Präimplantationsdiagnostik wird nun dieser Tabubruch perfekt. Menschliches Leben wird unter Vorbehalt erzeugt und einer vorsätzlichen Qualitätskontrolle unterzogen. Die Tatsache, dass diese Qualitätskontrolle im Reagenzglas [PAGE 913] und nicht mehr im Mutterleib vorgenommen wird, macht den qualitativen Unterschied zur Pränataldiagnostik aus - einen Unterschied, den die Befürworterinnen und Befürworter geflissentlich und systematisch übersehen. In der Laborsituation fällt nicht nur die Diagnose leichter, sondern auch die Selektion, eine Selektion, die sich anmasst, die Frage beantworten zu können, was denn nun lebenswertes bzw. lebensunwertes Leben sein soll. Bei diesem Selektionsprozess geht es, wenn man genau hinschaut, nicht mehr allein um die Verhinderung von Krankheit, sondern zusätzlich um die Verhinderung von als krank definierten Menschen. Und genau an dieser Stelle befinden wir uns vor dem "rutschigen Abhang" der Eugenik, auf den wir uns aus Respekt vor der Unverfügbarkeit der menschlichen Natur nicht hinauswagen wollen.

Es kommt noch dazu, dass die Folgen für das Selbstverständnis von Schwerbehinderten nicht absehbar sind, genauso wenig wie der zukünftige Umgang von Gesellschaft und Staat mit ebendiesen Behinderungen, die man ja durch eine solche Diagnostik sozusagen schmerzlos hätte verhindern können. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen hat die Mehrheit der SP-Fraktion vor Monaten gesagt, sie würde diese Motion ablehnen. Ich persönlich tue das aus vollster Überzeugung.

Ich erwähne zum Schluss noch einen sehr bekannten, weiss Gott nicht rechtsstehenden Philosophen, nämlich Jürgen Habermas, der immer mehr auch Bedenken gegenüber den Folgen dieser Technologien für die gesamte Gesellschaft hat.

Widmer Hans · Nationalrat · 2005-06-16 | Lexipedia | Lexipedia