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Vermot-Mangold Ruth-Gaby · Nationalrat · 2005-10-07

Vermot-Mangold Ruth-Gaby · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2005-10-07

Wortprotokoll

Viele Eltern sind bemüht, ihre Scheidung so zu gestalten, dass die Kinder auch in schwierigen Zeiten auf die Sorgfalt beider Eltern zählen können. Allerdings gibt es vor allem das Gegenteil, wo unüberbrückbare Konflikte bestehen und den Kindern eine besonders schwierige Rolle zugedacht wird. Das zeigt sich meist in der Auseinandersetzung um das Sorgerecht.

Heute hat ein Elternteil das Sorgerecht, oder die Eltern haben die Möglichkeit - das ist ein wesentlicher Fortschritt seit dem Inkrafttreten des neuen Scheidungsrechtes -, bei der Scheidung das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen. Das ist eine gute, eltern- und meist auch kinderfreundliche Lösung, setzt jedoch einen bewussten Entscheid der Eltern voraus. Nun soll jedoch nach dem Postulat Wehrli das gemeinsame Sorgerecht zum Regelfall werden, also nicht mehr per Antrag erfolgen, was ja heute schon möglich ist. Herr Wehrli führt aus, dass die alleinige Sorge für die Kinder durch einen Elternteil zu Konflikten und zu schlechter Kommunikation zwischen den Eltern führe. Ausserdem sollen Studien zeigen, dass Eltern mehr Verantwortung übernehmen, wenn sie per richterlichen Entscheid das Sorgerecht für ihre Kinder haben.

Ich unterstütze das Postulat Wehrli nicht, weil ich weiss, dass richterliche Entscheide zerstrittene Eltern nicht zur Vernunft bringen. Eltern sollen sich vielmehr mit dem gemeinsamen Sorgerecht auseinander setzen müssen, es gemeinsam gestalten und weiterhin beantragen können. Das gemeinsame Sorgerecht wird dadurch zu einem bewussten Akt. Das richterlich verordnete gemeinsame Sorgerecht macht keine besseren Eltern, und es ist nicht zu erwarten, dass dadurch alte Verhaltensmuster abgeworfen werden. Im Gegenteil: Wo unüberbrückbare Konflikte bestehen, sind die Kinder die Leidtragenden.

Sorgerecht müsste auch Betreuungspflicht heissen. Im Regelfall leben die Kinder - mit Ausnahmen - jedoch bei den Müttern, die oft ihre Arbeitszeit reduzieren und ihren Lebensstil anpassen müssen. Leider sind heute nur verschwindend wenige Väter bereit, dies auch zu leisten und berufliche Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Wo sich Eltern nicht auf ein gemeinsames Sorgerecht einigen können, sollen die Erziehungsentscheide dort getroffen werden, wo die Erziehungs- und Betreuungsarbeit faktisch geleistet wird, das heisst bei den Müttern.

Im Postulat Wehrli werden Studien erwähnt, die das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall positiv darstellen. Studien aus Deutschland belegen jedoch Nachteile und Gefahren. So haben seit der Einführung des gemeinsamen Sorgerechtes als Regelfall die Streitverfahren um die Zuteilung der elterlichen Sorge und damit auch die Gewalt und massive psychische Beeinträchtigungen zugenommen. Bevor vom gemeinsamen Sorgerecht auf Antrag zum gemeinsamen Sorgerecht als Regelfall gewechselt wird, sollten diese Fakten ausführlich auf den Tisch kommen.

Die nicht sorgeberechtigten Elternteile fürchten beim heutigen System um ihre Beziehungen zu den Kindern. Sorgeberechtigte Elternteile dürfen jedoch ihre nicht sorgeberechtigten ehemaligen Partnerinnern oder Partner nicht von der Erziehungsarbeit ausschliessen. Diese haben Besuchsrechte und Unterhaltspflichten, sie haben aber auch ein Mitspracherecht bei der Entscheidfindung, und sie haben das Recht, die Entwicklung ihrer Kinder zu begleiten. Wir haben es jedoch gehört: Viele Väter verzichten freiwillig und unter oft fadenscheinigen Ausreden auf diese Begleit- und Erziehungsarbeit. Hauptpunkt der Erziehungsarbeit kann nicht das Sorgerecht-Haben oder -Nichthaben sein, sondern das Wohl des Kindes, das trotz Scheidung ein Recht auf gute Beziehungen zu beiden Elternteilen hat. Kinder sollen auch nach der Scheidung nicht dauernd als Waffe gegen den anderen Elternteil eingesetzt werden.

Hinter dem Postulat stehen auch militante Männerorganisationen, die für das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall kämpfen. Sie kämpfen jedoch nicht für den Elternurlaub, sie kämpfen vor allem um Macht über die Kinder und über die Frauen. Es sind nicht immer die fiesen Mütter, muss man dazu sagen, die den armen Vätern das Sorgerecht streitig machen. Mir scheint wesentlicher zu sein, dass die alten traditionellen Familienmuster, wo die Mutter betreut und der Vater ernährt, endlich entrümpelt werden. Männer sind dann gezwungen, ihre Rolle als Väter neu zu gestalten. Erst dann ist die Zeit reif, über die gemeinsame Sorge als Regelfall zu diskutieren.