Galladé Chantal · Nationalrat · 2005-10-07
Galladé Chantal · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2005-10-07
Wortprotokoll
Macht der Zivilstand bessere Eltern, konkret: Ist man, wenn man verheiratet ist, einfach per se ein besserer Elternteil, nimmt man automatisch mehr Verantwortung für sein Kind wahr, als wenn man ledig oder geschieden ist? Ich komme nicht um den Verdacht herum, dass die heutige Regelung eine Zivilstandpropaganda ist, eine Zivilstandpropaganda für Verheiratete als Regelfall für Eltern. Wir dürfen aber nicht davon ausgehen, sondern wir müssen vom Kind ausgehen, und ein Kind hat, sofern seine beiden Elternteile noch leben, ein Leben lang zwei Elternteile. So soll es auch nach der Scheidung oder bei einer Nichtheirat sein. Ob die Eltern miteinander auskommen oder nicht, ob die Eltern zusammenleben oder nicht, ob die Eltern geschieden sind oder nicht - daran hat das Kind keinen Anteil.
Heute ist der Regelfall der folgende: Wenn man nicht einverstanden ist, dass der andere Elternteil das Sorgerecht auch bekommt, dass man es also gemeinsam hat, dann muss dieser Teil sich das vor Gericht erkämpfen. Das finde ich nicht in Ordnung. Da vergehen Jahre, es kostet viel Geld, die Anwälte verdienen, und man verliert Jahre mit seinem Kind. Diese Jahre, die Sie mit Ihrem Kind verloren haben, gibt Ihnen niemand zurück. Die gibt Ihnen der Staat nicht zurück, die gibt auch dem Kind niemand zurück. Die sind einfach weg. Das können Sie mit nichts auf der Welt wiedergutmachen. Und es geht eben auch um gemeinsame Zeit. Denn wenn heute ein Vater sagt: Okay, ich arbeite 60 oder 80 Prozent, ich möchte gerne mein Kind während zwei oder drei Tagen pro Woche betreuen, dann kann er dies nicht einfach so durchsetzen, wenn die Frau das nicht will. Es ist übrigens auch umgekehrt so, nur ist der Normalfall meistens eher anders. Ich finde das nicht in Ordnung, und wir müssen es deshalb ändern. Übrigens kann man die Beispiele von vorhin auch umdrehen: Wenn das Sorgerecht Verhandlungssache wird, kann man sich das Sorgerecht auch erkaufen. Man kann bei einer Scheidung sagen: Gut, du gibst mir 1000 Franken mehr Alimente, und ich gebe dir dafür das gemeinsame Sorgerecht. Das ist nicht in Ordnung, das ist nicht im Sinne der Kinder, das ist nicht im Sinne eines Elternbildes, wie wir - die meisten hier drin - es haben.
Deshalb plädiere ich wie schon einige vor mir dafür, dass Eltern ein Leben lang Eltern bleiben, dass Eltern gemeinsam Verantwortung übernehmen müssen, ihren Kindern gegenüber gemeinsam Pflichten wahrnehmen müssen, aber auch gemeinsam Rechte haben. Für mich ist das auch eine Frage der Gleichstellung oder der Gleichberechtigung, und ich bin überzeugt, dass wir hinsichtlich der Gleichberechtigung in diesem Jahrtausend vielmehr miteinander als gegeneinander vorgehen müssen. Hier schafft die gemeinsame Sorge als Regelfall eben eine viel bessere Voraussetzung, als wenn von Gesetzes wegen am Anfang einfach schon mal der Kampf um die Ungleichheit steht.
Es fällt mir übrigens auf - aber das nur so am Rande bemerkt, das muss nichts bedeuten -, dass dieser Vorstoss Wehrli von recht vielen unterschrieben wurde, die der jüngeren Generation angehören. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir eher schon als Kinder von Scheidungseltern aufgewachsen sind. Wir sind also quasi die Scheidungskindergeneration, wenn Sie so wollen; weil wir in einer Generation aufgewachsen sind, deren Angehörige als Kinder schon stark von Scheidungen betroffen waren, sie oder ihr Umfeld.
Wir sind es, die in diesem Staat von dieser Regelung potenziell wahrscheinlich eher betroffen sein werden - wir, unsere Kollegen, unser Umfeld -, weil wir oder einige von uns kleine Kinder haben oder haben werden und dann vor diese Fragen gestellt werden. Deshalb möchte ich auch in diesem [PAGE 1500] Sinne an Sie appellieren: Lassen Sie uns unsere Probleme doch auf unsere Art lösen. Wir haben einen anderen Ansatz, eine andere Vision, wie man hier als Paar oder als Eltern miteinander umgehen könnte. Lassen Sie es uns doch einfach mal probieren. Wenn es nicht gut ist, dann diskutieren wir hier vielleicht in einigen Jahren weiter - oder die nächste Generation macht das für sich. Aber man sollte uns nicht dabei im Weg stehen, das auf unsere Art zu probieren.
Deshalb plädiere ich für die klare Unterstützung des Postulates Wehrli.