preparatory:AB 63959
Kiener Nellen Margret · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-03-22
Wortprotokoll
Stellen Sie sich vor, die Euro 2008 wird eröffnet, und die Schweizer Fussballnati steht mit zugekniffenen Lippen da, während die Schweizer Landeshymne gespielt wird. Bilder von solchen Szenen sind bekannt, ich habe ein Muster dabei. (Die Rednerin zeigt ein Dokument) Ich würde mich freuen, wenn unsere Fussballequipe zur Eröffnung der Euro 2008 eine Landeshymne singen könnte, die Freude macht, gut verständlich und gut singbar ist, eine Landeshymne auch, die Identität zur Schweiz herstellt und damit eine Visitenkarte, ja, eine echte Visitenkarte, für unser Land ist. Ich möchte den Bundesrat mit meiner Motion ermuntern, das riesige Potenzial auszuschöpfen, das sich in unzähligen Vorschlägen zeigt, die ich in den letzten zwei Jahren, seit der Einreichung meiner Motion, erhalten habe. Herr Bundesrat Couchepin, ich weiss auch, dass im Bundesamt für Kultur die Schubladen und die Briefkästen voll mit Vorschlägen aus der Bevölkerung sind, und zwar seit 1961, seit die heutige Hymne provisorisch zur Hymne gemacht wurde. Ich bitte Sie deshalb alle, auf die kreative Kraft unseres Land zu setzen.
Meine Motion verlangt nicht einen bestimmten Text. Es gibt viel zu viele Vorschläge. Diese sind gezielt zu evaluieren, und daraus ist auszuwählen. Was will meine Motion genau? Meine Motion will den Bundesrat beauftragen, eine neue Hymne in allen Landessprachen erarbeiten zu lassen, die sich an den Grundwerten und Staatszielen unserer neuen Bundesverfassung von 1999 und natürlich auch an der Gleichstellung orientiert. In der heutigen Hymne sind insbesondere der Schwulst und das Pathos und das patriarchale, nationale Gottesbild überholt. Ist es denn nicht so, dass Gott für alle Weltreligionen umfassend ist? Überholt ist die Gebetsartigkeit. Die Hymne ist ein schönes Kirchenlied, aber es ist keine Landeshymne. Und überholt ist natürlich das ausschliessliche Ansprechen der Männer.
Es ist daher an der Zeit, für unser Land eine Landeshymne in allen Sprachen zu verfassen, die unserer Zeit, unserer Zukunftsperspektive entspricht. Die Beibehaltung der heutigen Melodie kann geprüft werden, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Zur Antwort des Bundesrates: Der Bundesrat schreibt, er sei sich bewusst, dass der Text und die Melodie des Schweizerpsalms für einen Teil der Bürgerinnen und Bürger heute nicht mehr zeitgemäss seien. Er schreibt auch, dass diese Hymne bestimmte Mängel habe. Ich finde die Schlussfolgerung daraus, nämlich dieses Dossier nicht anzupacken, geradezu mutlos.
Monsieur le conseiller fédéral, je souhaiterais que le Conseil fédéral soit plus courageux en cette matière. Je voudrais vous demander pourquoi, malgré les défauts du texte et son manque de popularité - que vous avez reconnu dans votre avis -, le Conseil fédéral n'a pas osé faire un pas historique, au seuil de ce nouveau siècle et de ce nouveau millénaire, afin de choisir un texte qui puisse toucher tout le monde.
Ich finde, wir hätten, gestützt auf die neue Bundesverfassung, mehr und anderes auszusagen über unsere Gesellschaft, über unser Selbstverständnis, als dies der Liedtext von Leonhard Widmer von 1841 - das heisst noch vor der Gründung unseres Bundesstaates - auszudrücken vermag. Ganz abgesehen davon ist dieser Text viel zu kompliziert, kaum jemand kann ihn auswendig. Ich wünsche mir eine Nationalhymne, die sich an dem orientiert, was die Schweiz heute ist, an ihren Grundwerten, an ihren Staatszielen. Ich wünsche mir einen Text in allen vier Landessprachen, mit dem sich möglichst viele Schweizerinnen und Schweizer identifizieren können. Dies können sie allerdings nur dann tun, wenn nicht ein grosser Teil von ihnen aufgrund des Geschlechts, der Herkunft oder eben gar der Religion ausgeschlossen wird.
Ich bitte Sie daher, diese Motion anzunehmen, den Auftakt zu machen - nicht nur für die Euro 2008, sondern auch für unsere ganze Kultur, für unsere feierlichen Zeremonielle - und zugunsten unseres Landes die Erarbeitung einer neuen Landeshymne in Auftrag zu geben.