Donzé Walter · Nationalrat · 2006-05-09
Donzé Walter · Nationalrat · Bern · EVP/EDU Fraktion · 2006-05-09
Wortprotokoll
Wenn Sie mein Postulat gelesen haben, wird Ihnen das Bild, das ich jetzt zeichne, bekannt vorkommen: Der Bundesrat sitzt unter einem blühenden Frühlingsbaum, stösst an und diskutiert, welche paar Werte uns als Nation weiterbringen könnten. Er bringt diese Werte in einem Communiqué in die Öffentlichkeit und löst damit eine öffentliche Diskussion aus, die dann über verschiedenste Kanäle, in verschiedensten Gremien und auf verschiedensten Ebenen dazu führt, dass wir uns in unserem Land überlegen, was uns eigentlich eint, was uns zu einem friedlichen Miteinander verhilft, was uns hilft, Konflikten vorzubeugen oder Konflikte zu bewältigen.
Ein einziges Mediencommuniqué könnte ausreichen, um die Forderung meines Vorstosses zu erfüllen - keine zusätzlichen Kosten, aber ein grosser Gewinn für die Nation. Stattdessen lehnt der Bundesrat meinen Vorstoss ab. Er bekräftigt zwar seinen Willen, bei der Diskussion eine wichtige [PAGE 580] Rolle zu spielen, dann gerät er sich bezüglich der in Aussicht gestellten Gesamtschau der wichtigsten Zukunftsfragen aber erneut in die Haare und hinterlässt in der Öffentlichkeit das Bild eines uneinigen Gremiums von Alphatieren.
Ich meine auch, der Bundesrat sollte eine aktive Rolle spielen; es wäre hilfreich, wenn er es täte. Ich habe in der Zwischenzeit verschiedenste Publikationen, Hinweise, Briefe usw. gesammelt, und ich könnte Ihnen ein Riesendossier vorlegen. Ich möchte aber nur ein paar Stichworte nennen, z. B. aus der Finanzwirtschaft. Dort sagt man: "Ehrlichkeit, Transparenz und Vertrauen führen zu Gewinn." Ein anderer Titel fragt: "Gibt es dauerhaft Familie ohne Werte und Ethik?" Aus der Literatur für Führungskräfte kommt ein Prospekt daher: "Werteleitfaden für Führungskräfte". Der "Sonntags-Blick" schreibt im Brief zur Einführung seines Magazins, der unbestrittene Wertezerfall der Gesellschaft und die Rolle der Familie seien unter anderem auch Thema in der neuesten Ausgabe von "Sie+Er". "Alte Verhaltensregeln neu aufgelegt", titelt der "Tages-Anzeiger", "Business-Knigge" die Zeitung "Cash": "Sie können fachlich unschlagbar sein und sich trotzdem die Karriere vermiesen." Oder Beratungsfirmen sagen: "Wer auf den Markt geht, muss eine gewisse Moral mitbringen, die er nicht erst auf dem Markt lernt." Und was für mich noch erstaunlich war: Die deutsche Zeitschrift "Stern" hat im letzten Jahr in sieben Fortsetzungen Werte definiert und behandelt, die für die Nation von Bedeutung sind. Ich zähle sie ganz kurz auf:
Ehrlichkeit und Fairness, dann Gerechtigkeit, Verantwortung und Pflichtbewusstsein, Respekt und Anstand, Mitgefühl und Solidarität, Courage und zum Schluss Treue und Verlässlichkeit. Das wäre ja schon die Lösung der Aufgabe für unseren Bundesrat.
Ihre Zustimmung zu meinem Vorstoss verspricht bei kleinem Aufwand einen hohen Nutzen. Gemeinsame, anerkannte Werte können helfen, den Zusammenhalt der Bevölkerung zu sichern, Mitarbeiter durch Sinngebung zu führen, Konflikte gewaltlos zu lösen, Radikalisierung zu vermeiden, die Kosten für die Sicherheit zu senken, Zugewanderte erfolgreich zu integrieren und mit weniger Gesetzen und Vorschriften zu Normen zu führen, zu einem Verhalten, das es uns ermöglicht, miteinander auszukommen, mit weniger Strafen auszukommen und das Ansehen unseres Landes zu heben.
Der Bundesrat soll Werte öffentlich machen und Impulse geben, Medien könnten diese Impulse aufnehmen und verbreiten. Ich bitte Sie deshalb um Unterstützung für mein Postulat, denn ohne Werte sind wir orientierungslos.