Galladé Chantal · Nationalrat · 2006-06-15
Galladé Chantal · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2006-06-15
Wortprotokoll
Ich bitte Sie im Namen der SP-Fraktion, diesem Kompromiss - um einen solchen handelt es sich - zuzustimmen. Speziell möchte ich meine Kolleginnen und Kollegen aus der CVP ansprechen. Es ist Ihre Partei gewesen, die in der Vernehmlassung diesen Kompromiss eingebracht hat und hinter ihm gestanden ist. Ich hoffe, dass Sie hier Ihrem Vorschlag treu bleiben, der sicher ein realpolitisch guter Vorschlag ist.
Vorhin ist vielleicht ein Missverständnis entstanden: Wir verschärfen nichts, wenn wir jetzt Ja zum Minderheitsantrag sagen; es wird nichts verschärft. Es wird im Gegenteil sogar gelockert. Aber für die Jungen in einem Lehrverhältnis soll ein gewisser Schutz bestehen bleiben. Es ist interessant; beim Eintreten haben viele gesagt: Die Jungen sollen selber entscheiden können, wann sie was wollen; sie sollen die Freiheit haben zu entscheiden; sie sollen nicht daran [PAGE 942] gehindert werden zu arbeiten. Aber in einem Lehrverhältnis geht es ja nicht einfach um eine Entscheidungsfreiheit. Die Jugendlichen sind in ein Abhängigkeitsverhältnis eingebunden, und sie sind in einer Ausbildung. Wir setzen uns dafür ein, dass die Ausbildung eine Ausbildung bleibt und die Jugendlichen nicht einfach zu billigen Arbeitskräften werden, die ausgenützt werden können. Deshalb brauchen wir einen minimalen Rahmen, minimale Schutzbestimmungen.
Ich weiss nicht, wann Sie in die Lehre gegangen sind - jene von Ihnen, die eine Lehre gemacht haben -, aber es ist bei den meisten sicher schon eine Zeit lang her. Es hat sich im Bereich der Berufslehre vieles geändert. Heute ist es die Regel, dass die Jugendlichen Ferien nehmen, um für die Lehrabschlussprüfung zu lernen, dass sie zum Teil Ferientage einziehen, um für die Prüfungen, bei denen die Vornoten zählen, zu lernen. Sie wollen die Nachtarbeit genau für jene Zeit einführen, in der die Vornoten für die Lehrabschlussprüfung gelten; es ist genau jene Zeit, in der die Lehrabschlussprüfung stattfindet. Es ist unfair für die Jugendlichen, die es dann trifft, dass sie nachts arbeiten müssen. Sie haben dann schlechtere Voraussetzungen, um in der Schule bestehen oder gut sein zu können.
Wenn Sie vorhin die Wettbewerbsfähigkeit angesprochen haben, dann dürfen Sie nicht die Nachtarbeit für die Jugendlichen generalisieren, dann müssen Sie in die Bildung investieren, dann müssen Sie in die Lehrstellen investieren, dann müssen Sie in die Jugend investieren - und Sie sollten nicht die Ausgangslage der Jugendlichen, der Zukunft unseres Landes, von vornherein verschlechtern und ihre Gesundheit fahrlässig aufs Spiel setzen. Es ist ja nicht so, dass heute keine Nacht- und Sonntagsarbeit stattfindet. In allen Berufen, in denen das - auch nach der Lehre - gefragt ist, ist es unter bestimmten Auflagen mit einer Bewilligung möglich. Das findet heute schon statt.
Wir haben heute die Möglichkeit, einen effizienten Jugendschutz zu beschliessen. Also tun wir es; tun wir es im Interesse der Jugendlichen. Ich bitte Sie deshalb: Stimmen Sie heute für die Gesundheit der Jugendlichen, stimmen Sie für die Jugend, und stimmen Sie für die Jugendlichen, die den Weg eingeschlagen haben, den die Mehrheit unseres Landes wählt, nämlich die Berufslehre.
Es wird die Qualität der Berufslehre nicht heben, wenn Sie immer, immer mehr die Attraktivität der Berufslehre senken. Denn was passiert dann? Die schulisch stärkeren Jugendlichen werden noch vermehrt den Weg der gymnasialen Matura wählen, und dann haben wir eine Prestigesenkung bezüglich der Berufslehre. Das kann nicht im Interesse der Menschen sein, denen die Qualität der Berufslehre, denen das Prestige und das Image der Berufslehre ein Anliegen sind.
Noch eine kleine Bemerkung: Es kamen vorher Vergleiche, mit Frankreich zum Beispiel. Sie können doch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Sie alle wissen, dass Frankreich und andere Länder ein völlig anderes System haben als wir, auch ein völlig anderes Berufsbildungssystem haben; das lässt sich nicht miteinander vergleichen.
Ich bitte Sie wirklich, im Sinne der Jugend diesem sehr moderaten Minderheitsantrag zuzustimmen.