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Leumann-Würsch Helen · Ständerat · 2007-06-19

Leumann-Würsch Helen · Ständerat · Luzern · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2007-06-19

Wortprotokoll

Wissenschaft, Bildung, Forschung und Innovation sind für ein Land ohne Bodenschätze - ausser Wasser natürlich, das haben wir zur Genüge - der einzige Reichtum. Wir wissen es: Unser Land ist oder war vor allem im Bereich der Hochschulbildung, sprich ETH, stark und hier in gewissen Disziplinen auch weltweit führend. Ich denke an Physik, Mathematik, Genforschung, Stammzellenforschung usw. Die Schweiz konsolidiert hier ihren hohen Stand in der Spitzengruppe. Andere Länder weisen aber eine mindestens ebenso grosse Dynamik auf, und sie holen auch auf. Deshalb müssen wir noch dynamischer werden, um unseren Platz behaupten zu können.

Die Botschaft unterstreicht denn auch die strategische Bedeutung, welche Bildung, Forschung, Technologie und Innovation für unsere Wirtschaft und für unsere Gesellschaft haben. Der Zahlungsrahmen, der hier vorliegt, stellt zwar eine gute Investition dar; sehr grosszügig ist er hingegen nicht. Es ist zwar klar, dass eine Steigerung der Finanzen noch lange keine Garantie für Erfolg ist; wichtig sind innovative und erfolgshungrige junge Studentinnen und Studenten. Sicher ist aber, dass der Erfolg ohne Finanzen ausbleiben würde. Für mich ist diese Botschaft nun die logische Folge der erfolgreichen Abstimmung über die Harmonisierung im Bildungsbereich. Wenn man sie genau anschaut, dann zeigt es sich, dass es in erster Linie eine Finanzbotschaft ist.

Es ist deshalb richtig, dass die Mittel vor allem in der Berufsbildung, den Hochschulen, der Grundlagenforschung und bei Forschung und Entwicklung eingesetzt werden, weil von dort national und international wichtige Impulse ausgehen, auf die unsere Wirtschaft angewiesen ist. Gerade deshalb müssen wir aufpassen, dass wir am richtigen Ort grosszügig sind und am richtigen Ort sparen, damit wir nichts verpassen. Ich bitte hier den Nationalrat, dass er sich vielleicht noch ein bisschen mehr Zeit nimmt, auch die vielen kleineren Töpfe - in Bezug auf internationale Zusammenarbeit, und was für andere Töpfe es sonst noch gibt -, die gespiesen werden, anzuschauen und abzuklären, welche Verträge, die wir abgeschlossen haben und die wir auch einhalten müssen, wie viel bringen und ob es nicht vielleicht möglich wäre, gewisse Sachen zu kündigen, um dann auf der anderen Seite etwas mehr Geld für unsere eigenen Jugendlichen zu haben.

Was die ETH Zürich und Lausanne betrifft, so wird mit dem Leistungsauftrag sichergestellt, dass die herausragende Stellung im nationalen und internationalen Wissenschaftssystem beibehalten werden kann. Wichtig scheint mir, dass die Spannungen abgebaut werden können, damit das nicht der Qualität schadet. Der Entscheid, Professor Eichler nun das Präsidium der ETH Zürich zu übertragen, ist zu begrüssen.

Was mir im Bereich der ETH, aber auch der Fachhochschulen etwas Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass wir leider nicht mehr genügend Ingenieure ausbilden. Mir ist aber schon bewusst, dass es keinen Sinn macht, junge Leute in Berufen auszubilden, wenn sie diese nachher nicht ausüben wollen. Natürlich wäre es absolut ideal, wenn mehr junge Frauen in technischen Berufen ausgebildet werden könnten. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass Frauen häufig andere Berufe wählen. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass Technik auf Frauen nicht die gleiche Faszination ausübt wie auf Männer. Es ist in diesem Zusammenhang auch interessant, dass das Verkehrshaus Luzern in erster Linie von Lehrern mit ihren Klassen besucht wird und viel weniger von Lehrerinnen. Wir haben darüber Gespräche geführt, und es hat sich gezeigt, dass Lehrerinnen nicht unbedingt ins Verkehrshaus wollen, sondern lieber Ausflüge machen, die in den Augen der Frauen emotional etwas mehr bringen. Jemanden einfach zu überreden, einen bestimmten Beruf zu erlernen, kann ja nicht die Lösung sein.

Zum Grundauftrag der Kommission für Technologie und Innovation (KTI): Für die Wirtschaft ist es wichtig, dass die KTI ihren Grundauftrag in der Förderung der Zusammenarbeit an der Schnittstelle zwischen angewandter Forschung und Entwicklung der Hochschulen und Unternehmen kompetent, effizient und innovativ erfüllen kann. Dazu braucht es klare, [PAGE 555] transparente Spielregeln und eine Anreizstruktur, welche das Eigeninteresse und das finanzielle Engagement der Wirtschaftsförderung stärken. Es braucht aber auch die Erprobung neuer Instrumente. Aus eigener Erfahrung - wir arbeiten heute im Holzbereich häufig mit der Fachhochschule Biel zusammen - kann ich diese Zusammenarbeit wirklich nur loben.

Mir ist schon klar, dass die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft die ureigene Aufgabe der Unternehmen ist. Dabei müssen sich diese aber auf ein innovationsfreundliches staatliches Regulierungs- und Ordnungssystem verlassen können. Eine gesunde Volkswirtschaft muss deshalb alles Interesse daran haben, dass es möglichst viele Unternehmen gibt, die ihre Hausaufgaben selbstständig erfüllen können. Die Schweiz ist diesbezüglich in einer guten Situation. Die Vorstellung aber, jede grössere Innovation müsse über staatliche Kommissionen oder Einrichtungen laufen, weckt gefährliche Illusionen bezüglich Machbarkeit. Firmen können von der KTI Gebrauch machen oder nicht, aber alle KMU, welche die Zusammenarbeit mit den Hochschulen brauchen, sollen sich auf eine leistungsfähige und gutdotierte KTI verlassen können.

Ich komme nun noch zur Berufsbildung und zu den Fachhochschulen: Ich bin dankbar, dass die BFI-Botschaft nicht nur die Ausbildung nach der gymnasialen Matura behandelt, sondern dass auch die Gelegenheit wahrgenommen wurde, die Berufsbildung zu integrieren. Es wollen ja nicht alle - es können auch nicht alle - Jugendlichen ein Gymnasium besuchen. Wo blieben sonst unsere Facharbeiter, und wo würde die grosse Zahl von kleinen und mittleren Betrieben ihre Leute hernehmen - ganz zu schweigen vom Gewerbe? Die Ausbildungsbereitschaft dieser Unternehmen ist der Grundpfeiler des dualen Bildungssystems. Weltweit werden wir um diese Ausbildungen beneidet, die einerseits eine höhere Bildung - sprich Fachhochschulen - nicht verhindert, andererseits aber gerade schulisch schwächeren oder sozial benachteiligten Jugendlichen doch eine Ausbildung ermöglicht.

Wenn der Bund optimale Rahmenbedingungen schafft, so bietet die Wirtschaft jederzeit Hand. Ich möchte hier an die Lehrstellenförderung und an die individuellen Begleitungen erinnern. Gerade auch das Projekt Speranza zeigt Wirkung. In Berufen wie z. B. der Ausbildung für Chemielaboranten, welche ein breites Spektrum verschiedenster Fachrichtungen beinhalten, sind Lehrbetriebsverbände eine optimale Lösung. Wirtschaft und Schulen arbeiten hier sehr gut zusammen. Die Jugendlichen können dann entscheiden, ob sie nach der Lehre die gewerbliche Matura oder den Ausbildungsweg Richtung Fachhochschulen gehen oder ob sie als Fachpersonal einer beruflichen Tätigkeit nachgehen wollen.

Besonders befriedigend ist die Tatsache, dass nach der zweijährigen Berufsbildung heute ein Attest möglich ist. Es ist auch für diese jungen Leute noch möglich, einen nachobligatorischen Abschluss zu machen. Ich habe es in unserem Betrieb immer wieder erlebt, wie Jugendliche, denen man am Anfang keine grossen Chancen einräumte, "den Knopf aufgemacht haben", wie man so schön sagt, und äusserst gute und wertvolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geworden sind. Was ich in diesem Zusammenhang manchmal etwas bedaure, ist, dass es gerade den Jugendlichen, die keinen Sekundarschulabschluss haben, nicht mehr möglich ist, gewisse Ausbildungen abzuschliessen.

Ich wünschte mir manchmal, dass man auch hier Brücken bauen könnte. Wichtig scheint mir aber zu sein, dass sich intelligente und talentierte junge Menschen in finanziell bescheidenen Verhältnissen für eine Hochschulbildung entscheiden können, dass also nicht finanzielle und organisatorische Hürden höher gewichtet werden. Deshalb soll das Studienfinanzierungssystem auch für Fachhochschulen so ausgestaltet sein, dass alle jungen Menschen, die das Potenzial für einen weiterführenden Bildungsgang haben, diese Chance für ihre persönliche Entwicklung und ihre berufliche Zukunft wahrnehmen können.

Gestatten Sie mir an dieser Stelle noch, auf die Pestalozzi-Stiftung hinzuweisen, die in Notfällen Hilfe bieten kann.

Gleichwohl werden wir, gerade was die Ausbildung an einer ETH betrifft, wahrscheinlich längerfristig nicht darum herumkommen, auch die Finanzierung der Studenten zu überdenken. Ich kenne weltweit keine Universität, die ein derart gutes Ranking hat und ihre Studenten für eine Studiengebühr von 1200 Franken pro Jahr ausbildet. Selbstverständlich ist dann das Stipendienwesen grundlegend zu überarbeiten und zu reorganisieren. Auch zinslose Darlehen sind in Betracht zu ziehen.

Ich bin für Eintreten und Zustimmung. In der Detailberatung werde ich noch auf die Fachhochschulen zurückkommen, weil ich dazu einen Minderheitsantrag eingereicht habe.