Genner Ruth · Nationalrat · 2007-12-11
Genner Ruth · Nationalrat · Zürich · Grüne Fraktion · 2007-12-11
Wortprotokoll
Ich spreche zu den Präventionsmassnahmen, bei denen die Schweiz im europäischen Vergleich sehr schlecht dasteht. Wenn wir die OECD-Zahlen vergleichen, dann sehen wir, dass die Schweiz mit 2,2 Prozent, z. B. im Vergleich zu Deutschland und Holland mit 5,5 Prozent, markant hintenansteht. Bundesrat Couchepin hat geschätzt, dass schweizweit insgesamt rund 1 Milliarde Franken für Präventions- und Gesundheitsförderungsmassnahmen ausgegeben werden. Wenn man das zu etwa 60 Milliarden Franken für Behandlungskosten ins Verhältnis setzt, dann kommen wir auf einen Anteil von bloss etwa 1,5 Prozent für Gesundheitsförderung und Prävention. Das ist eindeutig zu wenig.
Sie haben es von meinem Vorredner gehört: In den vergangenen Jahren wurden die Mittel für Prävention und Gesundheitsförderung markant gekürzt, nämlich um fast 40 Prozent. Das ist eine sehr kurzsichtige Handlung, wenn wir davon ausgehen, dass die Mittel für Prävention genau jene Mittel sind, die wir später nicht bezahlen müssen: Wir sparen damit spätere Kosten im Gesundheitsbereich.
Warum wollen wir mehr Mittel für Prävention und Gesundheitsförderung? Es geht erstens einmal um den Bereich "Übergewicht verhindern und reduzieren", zweitens um den Bereich "Alkoholismus bekämpfen" und drittens um den Bereich "HIV-Infektionen vermeiden". Der Antrag der Minderheit II (Dormond Béguelin) verlangt für diese Aufgaben, auch im Sinne eines Wiederaufstockens der Mittel, pro Person und Jahr 1 Franken. Das ist sinnvoll investiertes Geld.
Ich möchte nun spezifisch noch etwas zum Übergewicht sagen. Wir wissen: Übergewicht ist eine der grossen Herausforderungen für das Gesundheitswesen im 21. Jahrhundert. Wir haben gesehen, dass das Problem des Übergewichts auch in der Schweiz diese Entwicklung mitmacht. Wir sehen, dass bereits 37 Prozent der Erwachsenen übergewichtig sind, und vor allem - das müsste uns zu denken geben - bringt jedes fünfte Kind zu viel Gewicht auf die Waage. Die zunehmende Übergewichtigkeit der Bevölkerung führt zu schwerwiegenden Folgeerkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, auch zu gewissen Krebserkrankungen und zu Depressionen. Das Risiko für chronische Krankheiten steigt mit der Zunahme des Gewichts progressiv an. Unter den Folgen des Übergewichts finden sich vier der fünf Hauptrisikofaktoren für einen Herzinfarkt. Neben den psychischen Problemen stellt Übergewicht physisch eine besondere Belastung dar und bedeutet vor allem auch für Jugendliche eine schwerwiegende Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Es ist einerseits eben das Übergewicht, das hier zu Krankheiten führt, andererseits aber auch der Bewegungsmangel.
Ferner ist es sehr wichtig - das hat mein Vorredner als Walliser ausgelassen -, auch im Bereich der Alkoholprävention aktiv zu sein; wir brauchen da eine zusätzliche Finanzierung von wirksamen und effizienten Massnahmen. Mit einem jährlichen Durchschnittskonsum von 8,6 Litern reinen Alkohols pro Einwohner ist die Schweiz im internationalen Vergleich ein Hochkonsumland. Fast jede fünfte Person hat einen Alkoholkonsum, der in Bezug auf die Gesundheit risikoreich oder schädlich ist, also einen Alkoholkonsum, der über dem Durchschnitt liegt. Die Verbreitung des Rauschtrinkens unter Jugendlichen nimmt ganz klar zu. Alkoholkonsum verursacht jährlich etwa dreieinhalbtausend Todesfälle; die meisten davon, nämlich fast 80 Prozent, betreffen Männer. Wir haben hier also eine Krankheit, die stark geschlechtsspezifisch ausgeprägt ist. Alkoholkonsum ist eine der wichtigsten Ursachen für den vorzeitigen Verlust von Lebensjahren, mit einem Anteil von fast einem Zehntel.
Ich möchte Sie bitten, heute im Sinne einer vorausschauenden Politik ein klares Signal für mehr Prävention und Gesundheitsförderung zu setzen und die Mittel, die in der vergangenen Legislatur eben übermässig gekürzt worden sind, wieder etwas aufzustocken. Wir erwarten vom Bundesrat im kommenden Jahr ferner das Gesetz für Gesundheitsförderung und Prävention, wo es natürlich auch um strukturelle Massnahmen geht und nicht einfach um finanzielle Massnahmen wie jetzt, die vor allem strukturell, aber auch individuell ansetzen.
Ich möchte Sie bitten, die Minderheit II (Dormond Béguelin), allenfalls die Minderheit I (Wäfler) zu unterstützen.