Fehr Jacqueline · Nationalrat · 2007-12-19
Fehr Jacqueline · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2007-12-19
Wortprotokoll
"Wir werden unsere Ziele künftig ohne jede Rücksicht und mit allen Mitteln verfolgen!" Dies ist nicht die Kampfansage einer jugendlichen Gang an ihre Gegner, sondern die Aussage eines SVP-Politikers nach der Abwahl des Justizministers vor einer Woche. Rücksichtslosigkeit als politisches Programm, ausgerechnet von Vertretern jener Seite, die nicht müde wird, mit dem Finger auf jene zu zeigen, die es ihnen im Alltag gleichtun.
Wenn wir genau hinschauen, wird klar: Die Jugend ist besser als ihr Ruf, ja, wir müssen uns sogar fragen, ob die Jugend nicht sogar besser, rücksichtsvoller, anständiger und mitfühlender ist als viele Erwachsene. Ich erlebe die heutige Jugend als viel reifer und viel abgeklärter, als wir es in diesem Alter waren. Ich erlebe die Jugend als trittsicher und bewundere oft, wie gewandt, wie illusionslos und zielsicher sie sich in dieser Welt voller Widersprüche bewegt. Viele Studien belegen diese Eindrücke: Kinder und Jugendliche wissen erstaunlich genau, was sie von dieser Welt, von uns und ihrer Zukunft zu erwarten haben. Das Problem ist, dass wir diese Kompetenzen kaum nutzen. Die Mitbestimmungsrechte der Kinder und Jugendlichen in unserem Lande sind nahe bei null, und die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, ausserhalb des kommerziellen Bereichs Spuren zu hinterlassen und etwas auf die Beine zu stellen, sind äusserst gering. Politisch haben wir das Problem, dass wir keine kohärente Kinder- und Jugendpolitik haben; alle basteln etwas vor sich hin. Es fehlt an Strukturen und Strategien, und damit greifen Familien-, Kinder- und Jugendpolitik nicht ineinander. Wir haben ein Flickwerk, bei dem Ressourcen verpuffen und die Wirkungen im Ungewissen bleiben.
Ich bitte Sie deshalb im Namen der SP-Fraktion, alle Vorstösse zu unterstützen, die solche Strukturen und Strategien fordern, wie sie auch von den Jugendverbänden zur [PAGE 2001] Annahme empfohlen sind. Da hätten auch Konzepte wie eine Viersäulenpolitik und ein Dreikreisemodell ihren Platz.
In der Kinder- und Jugendpolitik ist ein klarer Blick auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen notwendig. Wir müssen anerkennen, dass Kinder nicht nur hier sind, um unsere Lebensläufe zu zieren und unsere gesellschaftlichen Vorstellungen von einer heilen Familie zu personifizieren. Kinder und Jugendliche haben ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse. Diese sind in der Kinderrechtskonvention niedergeschrieben, welche unantastbare Leitlinie sein muss. Damit rücken auch die ersten Lebensjahre ins Zentrum. Kinder haben das Recht auf eine angemessene Förderung und Unterstützung in ihrer Entwicklung, und zwar innerhalb wie ausserhalb der Familie. Familien- und schulergänzende Angebote sind deshalb nicht einfach eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, sondern eine zentrale pädagogische Frage. Ich bitte Sie, auch diese Vorstösse zu unterstützen.
Erlauben Sie mir noch ein letztes Wort zur Gewalt. Wir sind entsetzt, wenn Gewalttaten in der Öffentlichkeit passieren. Weit weniger wollen wir dort hinschauen, wo die meisten Gewalttaten passieren, nämlich im privaten Umfeld. So bleibt die Familie der Ort, wo Kinder am meisten Gewalt erleben. Das ist eine unangenehme Wahrheit, mit der sich nicht so leicht Politik machen und Wahlen gewinnen lässt. Doch auch hier sind wir gefordert, die richtigen Antworten zu finden. Ich denke, dass tatsächlich nicht die Jugendlichen das Problem sind, sondern wir Erwachsenen, welche die Jugend als politisches Instrument missbrauchen.