Gadient Brigitta M. · Nationalrat · 2007-06-21
Gadient Brigitta M. · Nationalrat · Graubünden · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2007-06-21
Wortprotokoll
Hier sind wir nun beim grössten Diskussionspunkt des Gesetzes angelangt, und Sie haben es gehört: Wir stehen hier im Konflikt mit der EDK. Die Kommission ist sich bewusst, dass die Kompetenz für die Regelung dieser Frage in erster Linie bei den Kantonen liegt. Sie hat diesbezüglich die EDK angehört, sie hat aber auch ein Gutachten eingeholt, worin die Gesetzgebungskompetenz des Bundes auch in diesem Bereich bestätigt wird.
Die Mehrheit der Kommission hält aus staats- und verständigungspolitischen Gründen deshalb am Grundsatz fest, dass als erste Fremdsprache eine Landessprache zu unterrichten [PAGE 1089] ist. Sie bedauert es im Übrigen, dass dies nicht mehr in unserem ganzen Lande eine Selbstverständlichkeit ist. Klare Vorgaben zugunsten der Landessprachen sind deshalb heute nötig. Die Kommission folgt damit im Übrigen auch Aufträgen unseres Rates, der Vorstösse in diesem Bereich bereits früher gutgeheissen hat, so insbesondere die parlamentarische Initiative Berberat 00.425, zu welcher die Kommission in ihrem Bericht festhielt: "Das Erlernen einer Landessprache bedeutet das gleichzeitige Vertrautwerden mit einer andern Landeskultur und das Erspüren und Erahnen einer andern Denk- und Betrachtungsweise. Dieser Lernprozess trägt somit letztlich wesentlich zur 'cohésion nationale' bei." Auch im Bericht der Verständigungskommission wurde diesem Punkt seinerzeit zentrale Bedeutung eingeräumt. Denn Sprachenpolitik kann nicht auf Sprachen reduziert werden. Sie ist auch Staats-, Regional-, Integrations-, Kultur-, Medien- und Wirtschaftspolitik. Was in der Sprachenpolitik passiert, ist deshalb von grundlegender Bedeutung für unser ganzes Land. Alles aber hat seinen Anfang beim Sprachenlernen.
Umstritten ist im Rahmen des Unterrichts nicht die grundsätzliche Regelung, sondern nur eine Frage: Welche Sprache soll als erste in der Schule unterrichtet werden, eine Landessprache oder Englisch? Ihre Kommission hat sich mit 12 zu 10 Stimmen bei 1 Enthaltung für eine Landessprache ausgesprochen. Das soll und darf, das möchte ich hier ganz klar festhalten, nicht gegen das Englische gehen, Herr Noser. Denn es ist angesichts der globalen Bedeutung des Englischen unabdingbar, dass unsere Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit auch Kenntnisse in Englisch haben, damit sie für die Zukunft gerüstet sind. Ich bin deshalb auch sehr froh, dass sich bis anhin alle Kantone dafür ausgesprochen haben, dass in der obligatorischen Schulzeit zwei Fremdsprachen gelernt werden sollen. Warum ist es trotzdem wichtig und richtig, dass die erste Fremdsprache eine Landessprache und nicht Englisch ist? Dies ist insbesondere aus drei Hauptgründen so:
1. Aus staatspolitischen Gründen: Die Mehrsprachigkeit ist Teil des Selbstverständnisses und ein Wesensmerkmal der Schweiz. Unser Land versteht sich ja als Willensnation - wir haben es gehört - und ist zu Recht auch stolz auf die viersprachige und multikulturelle Gemeinschaft. Wir sind deshalb aber auch gefordert, klare Zeichen für die jeweils anderen Sprachgemeinschaften zu setzen. Sprachkompetenzen sind die Voraussetzung für das Gelingen der Kommunikation, für den interkulturellen Austausch, und sie sind damit auch entscheidend für das Funktionieren unseres mehrsprachigen Staates. Es gibt bei uns keine Lingua franca, und es sind bis anhin glücklicherweise nur Einzelne, die das Englische in diesem Sinne einsetzen. Eine der grossen Stärken und auch Chancen für unser Land ist doch gerade, dass die Mehrsprachigkeit die Lingua franca der Schweiz ist.
2. Aus schulischen Gründen: Französisch, Italienisch und Deutsch sind - mindestens auf Schulniveau - schwieriger zu lernen als Englisch, d. h., es braucht mehr Zeit, um den gleichen Stand, die gleichen Kompetenzen zu erreichen. Schon heute, mit Englisch als zweiter Fremdsprache, zeigt sich, dass die Maturanden besser Englisch sprechen als die erste Fremdsprache, die sie länger lernten. Untersuchungen belegen leider auch, dass Jugendliche, die Englisch als erste Fremdsprache lernen, weniger für eine zweite Fremdsprache zu motivieren sind. Deshalb ist es wichtig, mit welcher Fremdsprache begonnen wird. Es ist ganz entscheidend für die künftige Sprachensituation in unserem Land, dass die erste Fremdsprache eine Landessprache ist.
3. Aus wirtschaftlichen Gründen: Die Mehrsprachigkeit ist ein wichtiger wirtschaftlicher Vorteil, über den unser Land verfügt. Sie ist ein handfester Wert auf dem Arbeitsmarkt: In der gegenwärtigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation wird die individuelle Mehrsprachigkeit für immer mehr Menschen aller Berufsrichtungen zu einem Schlüsselfaktor für den beruflichen Erfolg. Gute Sprachkenntnisse erleichtern aber nicht nur den beruflichen Erfolg und die Mobilität des Einzelnen; sie steigern auch die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten schweizerischen Volkswirtschaft, weil gute Sprachkenntnisse der Arbeitskräfte in der modernen Kommunikationsgesellschaft ein Standortvorteil sind.
Die Mehrsprachigkeit unseres Landes muss deshalb vermehrt als Potenzial begriffen werden, das für den Wirtschaftsstandort Schweiz und damit für die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes Möglichkeiten bietet, die noch zu wenig ausgeschöpft werden. Man kann es ganz einfach sagen: Ohne solide Sprachausbildung und Förderung schaffen wir Nachteile für die kommenden Generationen. Warum das heisst: "Landessprache, und dann Englisch", habe ich bereits dargelegt.
Ich ersuche Sie eindringlich, der Kommissionsmehrheit zuzustimmen.