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Allemann Evi · Nationalrat · 2008-05-28

Allemann Evi · Nationalrat · Bern · Sozialdemokratische Fraktion · 2008-05-28

Wortprotokoll

Wir diskutieren heute über ein klassisches Zukunftsgeschäft. Der Ausgang der heutigen Abstimmungen hier im Bundeshaus, aber dann auch der weitere Verlauf an der Urne werden die Schweiz geradezu schicksalhaft prägen. Die Entscheide werden nicht nur den Schweizer Arbeitsmarkt und unsere weitere wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen. Auch die Beziehungen zur EU werden dadurch berührt, denn diese Entscheide sind gleichsam das Urteil über die Bilateralen I; die Signale aus Brüssel von gestern sind unzweideutig. Prägen werden diese Entscheide auch die künftige Diskussion über das Verhältnis der Schweiz zur EU sowie jene über die Zusammenarbeit und eine mögliche Integration der Schweiz in die EU.

Die Personenfreizügigkeit ist eine der wichtigsten Errungenschaften der europäischen Integration. Sie hat zum Dialog der Völker, zum Zusammenwachsen Europas und zum Wachstum der Wirtschaft auf dem europäischen Kontinent massgeblich beigetragen und damit auch zu Frieden, Stabilität und sozialem Ausgleich in Europa. Auch in der Schweiz hat die Personenfreizügigkeit das Wirtschaftswachstum massgeblich gefördert und zu neuen Arbeitsplätzen geführt. Wollen wir die Chancen der Personenfreizügigkeit auch in Zukunft nutzen, so müssen wir heute auf das Geschäft eintreten und mit Überzeugung sowohl für die Weiterführung als auch für die Ausdehnung auf Bulgarien und Rumänien einstehen, notabene in einer einzigen Vorlage, denn es gibt nur eine Personenfreizügigkeit.

Wenn die SVP das Schreckgespenst der Einwanderung von Roma an die Wand malt, ist dies reine Angstmacherei. Die Roma-Thematik, so brisant und spannend sie auch immer ist, hat null und nichts mit der Personenfreizügigkeit zu tun. Die Personenfreizügigkeit regelt nicht den freien Reiseverkehr zwischen den betroffenen Ländern, sondern bestimmt lediglich, unter welchen Bedingungen rumänische beziehungsweise bulgarische Staatsangehörige in der Schweiz eine Arbeitsstelle antreten und sich niederlassen können. Wer einen bulgarischen oder rumänischen Pass besitzt, kann schon seit Jahren ohne Visum in die Schweiz einreisen und wird dies auch in Zukunft tun können.

Ganz viel hat aber die Personenfreizügigkeit mit Chancen zu tun, welche eine Zusammenarbeit mit Bulgarien und Rumänien bietet. Die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf diese beiden Länder öffnet uns die Tür zu 30 Millionen neuen potenziellen Konsumentinnen und Konsumenten und zu Arbeitskräften, welche gewisse Schweizer Branchen angesichts auch der demografischen Entwicklung wohl gerne als Personal rekrutieren werden. Rumänien und Bulgarien haben ein jährliches Wachstum des BIP von 5 bis 6 Prozent. Das macht diese Länder als Investitionsstandorte attraktiv. Mehr noch: Die zunehmende Kaufkraft macht die neuen EU-Mitgliedstaaten zu interessanten Zukunftsmärkten für hochwertige Industrieprodukte und Dienstleistungen. Bereits heute erwirtschaftet die Schweiz mit Bulgarien und Rumänien einen Exportüberschuss von rund 650 Millionen Schweizerfranken. Dabei ist das Handelspotenzial mit diesen beiden Staaten noch längst nicht ausgeschöpft. Der [PAGE 580] Handel entwickelt sich mit einer überdurchschnittlichen Wachstumsrate von jährlich 15 Prozent sehr dynamisch. Das ist nicht nur gut für die Wirtschaft, sondern es ist vor allem auch gut für die Entwicklung in diesen Ländern, gut für die Bevölkerung vor Ort. Denn ein florierender Handel ist eine wichtige Voraussetzung für Stabilität, soziale Wohlfahrt und Frieden.

Nebst diesen Gründen unterstütze ich die Personenfreizügigkeit auch aus der Überzeugung, dass sich die Schweiz dem EU-Einigungsprozess nicht entziehen kann und auch nicht entziehen soll. Eine europäische Schweiz ist eine Schweiz mit weit mehr Zukunftspotenzial als eine Schweiz, die sich einigelt und isoliert. Dank der Personenfreizügigkeit ist die Schweiz europäischer geworden. Das freut nicht nur mich, sondern auch all jene, die sich bewusst sind, dass in einer globalisierten Welt die Zusammenarbeit über nationalstaatliche Grenzen hinaus unabdingbar ist. Nur gemeinsam mit der EU werden wir globale Probleme wie den Klimawandel oder die aktuelle Hungerkrise in vielen Teilen der Welt bewältigen können.