Noser Ruedi · Nationalrat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2009-04-29
Wortprotokoll
Es haben jetzt schon mehrere Rednerinnen und Redner festgestellt, dass das duale Berufsbildungssystem für die Schweiz ein Erfolgsmodell ist. Es ist nicht nur für den Erfolg unserer Firmen in der Welt draussen wichtig, es ist auch für unseren Lebensstandard und für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig. Wir Freisinnigen nehmen befriedigt davon Kenntnis, dass dies die Schlussfolgerung aus dieser Debatte ist. Wir möchten aber auch darauf hinweisen, dass es hier drin schon mehrere Debatten zur Berufsbildung gegeben hat, in denen wir sämtliche Vorstösse von linker Seite, die auf staatlichen Einfluss gedrängt haben, abgelehnt haben. Trotzdem ist das Berufsbildungsmodell so erfolgreich. Wir haben heute nämlich mehr Lehrstellen als vor zehn Jahren, wir haben sogar neue Berufe geschaffen. Wir haben an sehr vielen Orten sehr innovative Lösungen hingekriegt. Das heisst, die Wirtschaft steht voll und ganz zur dualen Berufsbildung und zur Beteiligung der Wirtschaft.
Etwas wäre wichtig - dies vielleicht als kleine Bitte ans Bundesamt für Berufsbildung und Technologie und an die Bundesrätin -: Wenn unser System schon so gut ist, warum haben wir denn dauernd Diskussionen zur internationalen Anerkennung? Wäre es nicht viel geschickter, wenn man endlich einmal auch international Indikatoren des Erfolgs festlegte? Wenn man nicht nur auf die Zahl der Ausbildungsjahre achtete, sondern vielleicht auch einmal darauf zu sprechen käme, wer nach der Ausbildung eine Stelle findet? Ich könnte mir vorstellen, dass lateinische und angelsächsische Systeme dann unter Druck kämen. Ich wäre froh, wir würden diese Anerkennung auch im Ausland bekommen.
Ein zweiter wichtiger Punkt: Wir Freisinnigen stehen zur Berufsbildung in den Firmen, zur sogenannten Meisterlehre. Wir möchten, dass die Firmen diese Verantwortung weiter tragen. Wir sind auch bereit, die Kosten dafür zu tragen. Im Sinne eines kleinen Beispiels habe ich in meiner Fraktion schnell eine Umfrage gemacht, um herauszufinden, wie viele Lehrstellen die Mitglieder unserer Fraktion im Ganzen anbieten. Es sind über 800 Lehrstellen - allein von Mitgliedern unserer Fraktion. Wir übernehmen also Verantwortung und sind auch bereit, die Kosten zu tragen. Hegen Sie ja nicht die Illusion, dass es in diesem Bereich mehr Lehrstellen gäbe, wenn der Staat die Finanzierung übernähme! Wir möchten allerdings auch, dass unsere Mitsprache so bleibt, wie sie ist, und wir möchten insbesondere auch, dass die Verschulung der Lehre nicht weiter vorangetrieben wird. Eine Lehre findet im Betrieb statt und nicht im Schulzimmer. In diesem Sinne lehnen wir natürlich in diesem Reigen von Vorstössen jene zugunsten einer weiteren Verschulung ab.
Wenn die Debatte über die Berufsbildung heute anders geführt wird als in den letzten zehn Jahren, dann hat das angesichts der aktuellen Krise nicht zuletzt auch damit zu tun, dass die Demografie ändert. Es gibt den einen oder anderen Berufsstand, der jetzt schon Probleme hat und sie auch in Zukunft haben wird, den eigenen Nachwuchs auszubilden. Man geht davon aus, dass die Anzahl der Lehrlinge um 16 Prozent zurückgehen wird, das heisst, es wird also eine grosse Herausforderung sein, gleich viel Lehren anzubieten, wie man bis anhin angeboten hat, und auch die nötigen Absolventen zu finden, wie insbesondere klar wird, wenn Sie daran denken, dass die Quote der Jugendlichen, die die Matura machen, Jahr für Jahr steigt. Also werden wir hier eine Challenge haben, um die Lehrlingsausbildung auf dem gewohnten Niveau zu halten. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass deshalb die eine oder andere Branche oder die eine oder andere Firma bereits begonnen hat, unser Lehrlingsmodell ins Ausland zu exportieren und im Ausland Praktiker auszubilden, weil der Erfolg der Schweizer Industrie darauf basiert, dass wir eben nicht nur Praktiker und Theoretiker haben, sondern sie auch so miteinander ausbilden, dass sie miteinander arbeiten können.
In diesem Sinn werden wir die meisten Vorstösse ablehnen; einzelne Anliegen unterstützen wir, unter anderem die Interpellation 08.3423. Wir sind der Überzeugung, dass die Vorstösse, die zu mehr Staat in der Berufsbildung führen, kaum bewirken werden, dass die Wirtschaft mehr Lehrstellen anbietet.