2023.RRGR.331
M 241-2023 Roggli (Rüschegg Heubach, Die Mitte) Bekämpfung der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina nigrithorax). Antwort des Regierungsrates
Rubrum
M
Parlamentarischer Vorstoss Antwort des Regierungsrates
Vorstoss-Nr.: 241-2023 Vorstossart: Motion Richtlinienmotion: ☐ Geschäftsnummer: 2023.RRGR.331
Eingereicht am: 27.11.2023
Fraktionsvorstoss: Nein Kommissionsvorstoss: Nein Eingereicht von: Roggli (Rüschegg Heubach, Die Mitte) (Sprecher/in) Matti (Zweisimmen, Die Mitte) Müller (Orvin, SVP) Remund (Mittelhäusern, GRÜNE) Berger-Sturm (Grosshöchstetten, SP) Steiner (Boll, EVP) Schär (Schönried, FDP) Egger (Frutigen, GLP) Grädel (Schwarzenbach BE/Huttwil, EDU) Weitere Unterschriften: 0
Dringlichkeit verlangt: Ja Dringlichkeit gewährt: Ja 30.11.2023
RRB-Nr.: 130/2024 vom 14. Februar 2024 Direktion: Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion Klassifizierung: Nicht klassifiziert Antrag Regierungsrat: Punktweise beschlossen: Ziffer 1: Annahme als Postulat Ziffer 2: Annahme als Postulat Ziffer 3: Annahme als Postulat Ziffer 4: Annahme und gleichzeitige Abschreibung
Bekämpfung der Asiatischen Hornisse (Vespa velutina nigrithorax)
Der Regierungsrat wird wie folgt beauftragt:
Erwägungen
1. Er hat eine Strategie zu entwickeln und wirksame Massnahmen zur Überwachung, Bekämpfung und Prävention zu ergreifen, um die Ausbreitung der Asiatischen Hornisse einzudämmen.
2. Er hat die personellen Ressourcen entsprechend zu planen, dass die notwendigen Massnahmen zwischen den verschiedenen Ämtern und Stellen koordiniert werden können.
3. Er hat für das Jahr 2024 und die kommenden Jahre die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen. Für das Jahr 2024 müssen allenfalls zusätzlich zum Budget finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.
4. Er sensibilisiert und informiert zum Thema «Asiatische Hornisse» nicht nur Imkerinnen und Imker, Landwirte und Landwirtinnen sowie Fachpersonen im Forst- und Gartenbau, sondern auch die Bevölkerung. Somit können alle beim Auffinden der Nester unterstützend mitwirken und die Beobachtungen und Nester an eine entsprechende Stelle melden.
Begründung:
Die Asiatische Hornisse breitet sich von der Westschweiz und vom Jura herkommend in der ganzen Schweiz aus, seit 2023 auch im Kanton Bern, und dies innerhalb einer Saison in rasanter Geschwindigkeit.
Laut apiservice sind im Jahre 2022 schweizweit 46 Funde mit 11 Primär- und/oder Sekundärnestern in acht Kantonen registriert worden. Dieses Jahr wurden bis Ende Oktober über 1000 Funde mit über 160 Nestern in 13 Kantonen bestätigt. Als Fleischfresserin, die ihre Brut durch Insekten ernährt, benötigt ein Volk der Asiatischen Hornisse pro Jahr ca. 11 Kilogramm Insektenmasse, was rund 100 000 Insekten entspricht. Der Anteil Honigbienen kann je nach Landschaftstyp ein bis zwei Drittel ausmachen.
Der Siegeszug dieses invasiven Insekts ist beängstigend und bedroht in grossem Masse unsere Bienenbestände (Wild- und Honigbienen) und auch andere Insekten, die für die Biodiversität von grosser Bedeutung sind.
Beobachtet man die Effizienz der einheimischen Hornisse, stellt man fest, dass diese etwa fünf Anläufe braucht, um eine Biene zu packen. Bei der Asiatischen Hornisse ist in der Regel jeder Versuch erfolgreich. Dazu kommt, dass die Asiatische Hornisse hierzulande kaum natürliche Feinde oder Krankheiten hat, welche die Ausbreitung in Grenzen halten.
Die Honigbienen sind bereits stark gefährdet z. B. durch die Varroamilbe und eine Reihe von Krankheiten sowie weitere Stressfaktoren, wie die Belastung durch Pflanzenschutzmittel. Die Wildbienenpopulation ist hauptsächlich aufgrund des Mangels an geeignetem Nahrungsangebot und Nisthabitaten in intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftsgebieten bedroht.
Eine zusätzliche Belastung von Bienen muss somit verhindert werden.
Bedeutung von Bienen in der Schweiz:
Agroscope-Forschende untersuchten 2017 die Bedeutung der Bestäubungsleistung von Honig- und Wildbienen für die Schweiz. Dabei zeigte sich, dass zusätzlich zu den Obst- und Beerenflächen, die stark von der Bestäubung der Bienen abhängig sind, auf 14 Prozent der Ackerfläche Kulturen angebaut werden, die auch von der Bestäubung durch Insekten profitieren. Der daraus berechnete Wert der Bestäubungsleistung lag bei 205 bis 497 Millionen Schweizer Franken pro Jahr. Der Schweizerische Bauernverband bestätigte die enorme Bedeutung der Bienen für die Landwirtschaft und den «Bestäubungswert» von durchschnittlich 350 Millionen Franken pro Jahr.
80 Prozent der wilden Blütenpflanzen in der Schweiz und drei Viertel der weltweit wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturen sind auf Bestäubung durch Insekten, wie Bienen, Schwebfliegen oder Käfer, angewiesen. In der Schweiz nehmen Bienen beispielsweise für die Bestäubung von Apfelbäumen, Gemüse, Sonnenblumen usw. eine bedeutende Rolle ein. Auch tragen sie dazu bei, den Ertrag von selbst- und fremdbestäubenden Kulturen wie Raps oder Ackerbohnen zu steigern. Neben Rind und Schwein gehören sie zu den wichtigsten Nutztieren.
Bekämpfung der Asiatischen Hornisse:
Die Bekämpfung ist herausfordernd und kann grob in zwei Schritten erfolgen: Zuerst müssen die Nester gefunden, anschliessend abgetötet und entfernt werden. Es ist nicht einfach, die Nester zu finden, weil oft nicht klar ist, ob die Asiatische Hornisse schon in der Region angekommen ist, zudem befinden sich die Nester meist versteckt in den Kronen von über 10 m hohen Bäumen.
Damit diese invasiven Neobioten gefunden werden, braucht es ein strategisches Vorgehen. Die Nestsuche ist zeitaufwändig und benötigt technische Hilfsmittel. Mittels Triangulation (Konditionierung auf Locksirup) können Asiatische Hornissen, die z. B. an einem Bienenstand abgefangen werden, bis in Nestnähe verfolgt werden. Zum Auffinden des Nests hat sich die Radiotelemetrie (Peilung von besenderten Hornissen) bewährt. Manchmal ist zusätzlich der Einsatz von Drohnen erforderlich.
Wird ein Nest gefunden, kann der Zugang oft nur mittels Hubfahrzeug (z. B. durch die Feuerwehr) geschaffen werden. Die Nestvernichtung gehört in die Hände von Schädlingsbekämpferinnen und -bekämpfer. In Nestnähe verteidigen sich die Hornissen äusserst aggressiv, und ein professionelles Vorgehen ist zwingend.
Gemäss einer Empfehlung des Cercle Exotique sollen die Nester durch den Kanton beseitigt werden (Kostenübernahme von mehreren TCHF pro Nest). Laut Fachstelle Bienen des Kantons Bern kann eine Nestsuche und -vernichtung 5000 Franken kosten (im vergleichsweise kleinen Kanton Genf sind 2023 bis Mitte November rund 100 Nester gefunden und vernichtet worden).
Für die Beratung und Bekämpfung im Bereich der gebietsfremden, invasiven Arten (igA), z. B. Quaggamuschel, Tigermücke, invasive Ameisen, aber auch diverse Pflanzen ist die kantonale Verwaltung zurzeit ungenügend aufgestellt. Es beschäftigen sich heute verschiedene Ämter der Wirtschafts-, Energie und Umweltdirektion (KL, Amt für Landwirtschaft und Natur (LANAT), Amt für Wald und Naturgefahren (AWN)), der Bau- und Verkehrsdirektion (Amt für Wasser und Abfall (AWA), Tiefbauamt (TBA)), der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (Gesundheitsamt (GA)) sowie immer mehr Gemeinden und Verbände mit der Bekämpfung von igA – dies weitgehend unkoordiniert und ohne eindeutige Vorgaben. Aufgrund der lückenhaften nationalen Rechtsgrundlagen kann zudem die Bekämpfung nicht ganzheitlich erfolgen. So befreit z. B. das TBA Strassenböschungen von igA, kann aber das erneute Herauswachsen dieser Pflanzen aus Privatarealen nicht unterbinden.
Begründung der Dringlichkeit: Da sich diese Tiere innerhalb eines Jahres um ein Vielfaches vermehrt haben, ist dringender Handlungsbedarf angesagt.
Quellen: Bienengsundheitsdienst Bern, Fabian Trüb CABI, Delémont, Lukas Seehausen Fachstelle Bienen Bern, Isabelle Bandi Fachstelle Bienen Solothurn, Basel, Marcel Strub Sonia Burri, présidente Fédération Jurasienne d’Apiculture, FJA Insekta Schädlingsbekämpfung GmbH, Brüttisellen bienen und natur – Imkern. Eine Welt verstehen. 11/2023 (Seite 16 bis Seite 26) Schweizerische BienenZeitung. 11/2023 (Onlineartikel «Imker auf der Jagd nach der Asiatischen Hornisse) https://blesabee.online/de/startseite/ (Stand 26.11.2023)
Antwort des Regierungsrates
Der Regierungsrat ist sich der Bedrohung der einheimischen Bienen, sowie als Folge davon der Bedrohung der von der Bestäubung abhängigen Kultur- und Wildpflanzen durch die sich rasant ausbreitende asiatische Hornisse bewusst. Er teilt grundsätzlich die Ansicht, dass gegen ihre weitere Verbreitung geeignete Massnahmen ergriffen werden müssen. Bei der asiatischen Hornisse handelt es sich allerdings nicht um die erste, sondern um eine weitere invasive gebietsfremde Art, die sich im Kanton Bern ausbreitet.
Der Regierungsrat ist deshalb der Ansicht, dass der Kanton Bern eine mit den Nachbarkantonen und auf die Vorgaben des Bundes abgestimmte Strategie zum Umgang mit invasiven gebietsfremden Arten inklusive der dafür notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen
benötigt. Aus diesem Grund wird er im kommenden Finanzplanungsprozess prüfen, beim Grossen Rat personelle und finanzielle Mittel für eine «Koordinationsstelle Neobioten» und effiziente schadensmindernde Massnahmen zum Umgang mit invasiven gebietsfremden Arten zu beantragen. Das Fehlen einer Koordinationsstelle, über die mittlerweile fast alle Kantone verfügen, führt zu Ineffizienz bei den involvierten kantonalen Akteuren, Gemeinden und Verbänden. Ohne eine Koordinationsstelle mit den nötigen Ressourcen, ist es nicht möglich, das Problem der sich immer weiter ausbreitenden invasiven gebietsfremden Arten, zu denen nebst vielen invasiven Pflanzenarten auch invasive Neozoen wie die asiatische Hornisse, Quaggamuschel und Tigermücke gehören, ganzheitlich und effizient anzugehen. Für verschiedene invasive gebietsfremde Arten jeweils isolierte «Teilstrategien» zu erarbeiten und umzusetzen würde zu deutlich höheren Kosten führen und wäre massiv weniger effizient und effektiv als das geplante koordinierte Vorgehen.
Wie eingangs erwähnt verlangt die asiatische Hornisse rasches Handeln und Sofortmassnahmen. Deshalb werden für das Jahr 2024 innerhalb des Globalbudgets der WEU Finanzmittel umgewidmet, da dafür nicht explizit Mittel im genehmigten Budget eingestellt sind. Mit diesen Mitteln können aber nur die dringendsten Massnahmen abgedeckt werden. Diese lehnen sich an die Empfehlungen des Cercle Exotique der Konferenz der Umweltschutzämter der Schweiz an und umfassen die Ausbildung von Imkerinnen und Imkern in der Nestsuche sowie finanzielle Beiträge für die dafür nötige Ausrüstung und die Nestentfernung. Zusätzliche Massnahmen, wie z. B. die Unterstützung bei der Nestentfernung durch lokale Feuerwehren, werden momentan ebenfalls geprüft.
Zu den Aufträgen im Einzelnen:
1. Wie einleitend begründet, ist der Regierungsrat der Ansicht, dass abgesehen von den erwähnten Sofortmassnahmen eine isolierte Teilstrategie zum Umgang mit der asiatischen Hornisse nicht zielführend ist. Der Kanton Bern prüft – wie in anderen Kantonen bereits bestehend – die Schaffung einer Koordinationsstelle für invasive Neobioten, die mit den erforderlichen Mitteln ausgestattet ist, um den Umgang mit invasiven gebietsfremden Arten ganzheitlich zu regeln. Längerfristige Massnahmen im Umgang mit der asiatischen Hornisse werden in Anlehnung an das Vorgehen der Nachbarkantone mit hoher Priorität in das Aufgabenportfolio einer allfälligen Koordinationsstelle invasive Neobioten einfliessen. Die Bekämpfung der asiatischen Hornisse profitiert dadurch gleichzeitig von Synergien bei der Bewältigung anderer invasiver Neobioten.
2. Der Kanton Bern verfügt momentan weder über personelle Ressourcen für die Koordination von Massnahmen zu invasiven gebietsfremden Organismen, noch über ausreichend finanzielle und personelle Ressourcen für die effiziente Bekämpfung von igA. Der Regierungsrat wird eine allfällige Aufnahme zusätzlicher Mittel im kommenden Finanzplanungsprozess prüfen.
3. Für das Jahr 2024 stehen für die Bekämpfungsmassnahmen (Schulung der Imkerinnen und Imker in Selbsthilfemassnahmen, im Umgang mit der Telemetrieausrüstung zur Nestsuche und für die Nestentfernung) begrenzte Mittel zur Verfügung. Für die folgenden Jahre soll die Bekämpfung der asiatischen Hornisse in das Gesamtkonzept zum Umgang mit invasiven gebietsfremden Arten im Kanton Bern integriert werden (siehe Antwort zu Punkt 1).
4. Durch die vielen Medienbeiträge über die asiatische Hornisse wurden aus Sicht des Regierungsrats nebst den direkt betroffenen Berufsgruppen auch die breite Bevölkerung bereits ausreichend informiert und sensibilisiert. Mit den Informationen auf www.asiatischehornisse.ch kann die asiatische Hornisse identifiziert werden und Sichtungen der asiatischen
Hornisse können über dieselbe Plattform, die auch über die Webseite des Kantons www.be.ch/neobiota zugänglich ist, gemeldet werden. Dieses Vorgehen entspricht jenem bei der Tigermücke. Von der nationalen Meldestelle, die vom Cercle Exotique betrieben und durch ihn mit weiteren Informationen ergänzt werden kann, wird bereits rege Gebrauch gemacht. Weitere Sensibilisierungsmassnahmen mit Unterstützung der kantonalen Stellen sind aus Sicht des Regierungsrats zurzeit nicht nötig, sind aber in Zusammenarbeit mit Imkerverbänden, Branchen etc. auch nicht grundsätzlich ausgeschlossen.
Verteiler ‒ Grosser Rat