2024.RRGR.162
I 106-2024 Junker Burkhard (Lyss, SP) Erhöhtes Parkinson-Risiko durch Pflanzenschutzmittel. Antwort des Regierungsrates
Rubrum
I
Parlamentarischer Vorstoss Antwort des Regierungsrates
Vorstoss-Nr.: 106-2024 Vorstossart: Interpellation Richtlinienmotion: ☐ Geschäftsnummer: 2024.RRGR.162
Eingereicht am: 03.06.2024
Fraktionsvorstoss: Nein Kommissionsvorstoss: Nein Eingereicht von: Junker Burkhard (Lyss, SP) (Sprecher/in)
Weitere Unterschriften: 0
Dringlichkeit verlangt: Nein Dringlichkeit gewährt:
RRB-Nr.: 1045/2024 vom 23. Oktober 2024 Direktion: Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion Klassifizierung: Nicht klassifiziert
Erhöhtes Parkinson-Risiko durch Pflanzenschutzmittel
15 000 Menschen leiden in der Schweiz an Morbus Parkinson, wobei die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung mit zunehmendem Alter steigt – etwa ein Prozent der 60-Jährigen sind betroffen. Diese Zahlen beruhen auf Schätzungen, verlässliche Daten sind nicht vorhanden. Typische Anzeichen für die neurologische Erkrankung sind motorische Symptome wie eine Verlangsamung respektive Verarmung der Bewegung durch Zittern. Parkinson entsteht durch Mangel an Dopamin. Ursachen dieses Dopaminmangels sind u. a. eine genetische Anfälligkeit oder Umwelteinflüsse wie Giftstoffe.
Verschiedene Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln (PSM) sind für dopaminhaltige Neuronen toxisch und können so eine Parkinson-Erkrankung auslösen. Insbesondere wenn diese Wirkstoffe kombiniert werden, wie in der praktischen Anwendung von PSM üblich, nimmt die Toxizität und damit das Erkrankungsrisiko zu. Auch erste Beobachtungen im Kanton Luzern zeigen, dass überdurchschnittlich viele Parkinsonpatientinnen und -patienten in der Landwirtschaft arbeiten. Aus diesem Grund ist Parkinson in Frankreich und Italien als Berufskrankheit bei Landwirtinnen und Landwirten anerkannt. Doch nicht nur diese Berufe sind betroffen. Auch das Erkrankungsrisiko der Allgemeinbevölkerung steigt, wenn die Leute in der Nähe von Rebbergen wohnen, wie dies Studien aus Frankreich zeigen.
Auch wenn internationale Studien in eine klare Richtung weisen, ist die Datenlage in der Schweiz noch sehr dünn.
Der Regierungsrat wird um Beantwortung folgender Fragen gebeten:
Erwägungen
1. Wie viele Menschen sind im Kanton Bern von Parkinson betroffen? Wie werden diese Zahlen erhoben?
2. Wie hoch ist der Anteil an Berner Parkinsonpatientinnen und -patienten, die in der Landwirtschaft tätig sind?
3. Mit welchen Massnahmen trägt der Kanton Bern dazu bei, die Datenlage zu verbessern und den Zusammenhang zwischen Pflanzenschutzmitteln und Parkinson stärker zu erforschen?
4. Inwiefern setzt sich die Regierung im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür ein, dass eine umfassende Risikoabschätzung von PSM durchgeführt und dadurch die gesundheitlichen Risiken für Landwirtinnen und Landwirte verringert werden?
Antwort des Regierungsrates
Der Regierungsrat nimmt folgendermassen Stellung:
1. Wie viele Menschen sind im Kanton Bern von Parkinson betroffen? Wie werden diese Zahlen erhoben? Es gibt weder für den Kanton Bern noch für die Schweiz ein spezifisches Monitoring über die Inzidenz (Anzahl Neudiagnosen) und Prävalenz (Anzahl bestehender Diagnosen) des Morbus Parkinson, daher kann die Zahl der Betroffenen nur geschätzt werden. Parkinson Schweiz 1, die gemeinnützige Vereinigung für Parkinsonbetroffene, geht von schweizweit über 15 000 Personen aus. Das entspricht grob 0,2 Prozent der schweizerischen Gesamtbevölkerung. Das Inselspital Bern beziffert die schweizweite Anzahl Neudiagnosen jährlich mit etwa 3000 2. Das Bundesamt für Statistik (BFS) führt seit 1992 alle fünf Jahre die Schweizerische Gesundheitsbefragung (SGB) 3 durch. Parkinson als nichtübertragbare Krankheit wurde bis anhin nicht erfragt; dies vermutlich aufgrund der tiefen Prävalenz. Eine Auswertung würde aufgrund der Fallzahlen nur auf nationaler Ebene sinnvoll sein.
2. Wie hoch ist der Anteil an Berner Parkinsonpatientinnen und -patienten, die in der Landwirtschaft tätig sind? Aufgrund der oben beschriebenen Datenlage lässt sich diese Frage zurzeit nicht beantworten und müsste mittels Bevölkerungsbefragung ermittelt werden. Abgesehen von den direkt in der Landwirtschaft tätigen Personen müssten hierzu auch Gesundheitsdaten jener Personen eingeholt werden, die in der Umgebung von Landwirtschaftszonen wohnen, da auch diese den Pflanzenschutzmitteln exponiert sind resp. sein können. Grundsätzlich handelt es sich hierbei zudem um besonders schützenswerte Personendaten, die datenschutzrechtlichen Bestimmungen unterliegen.
Parkinson Schweiz Parkinson, tiefe Hirnstimulation | Neurochirurgie Inselspital Bern Schweizerische Gesundheitsbefragung (SGB) | Bundesamt für Statistik (admin.ch)
3. Mit welchen Massnahmen trägt der Kanton Bern dazu bei, die Datenlage zu verbessern und den Zusammenhang zwischen Pflanzenschutzmitteln und Parkinson stärker zu erforschen? Gemäss fachlicher Einschätzung der Neurologinnen und Neurologen des Inselspitals zeigt sich, dass im internationalen Kontext die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur potenziell gesundheitsschädigenden Wirkung von Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat einerseits und den Zusammenhängen zwischen Pflanzenschutzmitteln und Parkinson andererseits zunehmen. Im Mai 2017 beauftragte der Bundesrat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit der Durchführung einer Pilotstudie («Schweizer Gesundheitsstudie – Pilotphase»), um die Machbarkeit einer für die Schweizer Bevölkerung repräsentativen Langzeitstudie mit gesunden Teilnehmenden zu untersuchen. Im Rahmen dieser Pilotstudie wurde bei knapp 800 gesunden Erwachsenen mit Wohnsitz in den Kantonen Bern und Waadt ein Humanbiomonitoring (HBM) durchgeführt. Dabei wurden verschiedene Substanzen in Blut und Urin der Teilnehmenden gemessen, darunter auch das Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Das BAG arbeitete unter anderem mit dem Institute of Social and Preventive Medicine (ISPM) der Universität Bern zusammen. Mit dieser Studie wird das Ziel verfolgt, die Exposition der Schweizer Bevölkerung gegenüber verschiedenen Substanzen zu messen und Referenzwerte (als normal zu wertende, nicht gesundheitsschädliche Belastung) zu definieren, die je nach Kanton unterschiedlich sein können. Im Fall von Glyphosat war es sogar notwendig, zunächst einen Schwellenwert zu definieren, über welchem mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung zu rechnen ist, da dieser Schwellenwert weder für die Schweiz noch im internationalen Kontext existierte.
4. Inwiefern setzt sich die Regierung im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür ein, dass eine umfassende Risikoabschätzung von PSM durchgeführt und dadurch die gesundheitlichen Risiken für Landwirtinnen und Landwirte verringert werden? Die obigen Ausführungen zeigen auf, dass gerade betreffend Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat zunächst grundlegende Daten gesammelt werden müssen, worauf weiterführende Forschung aufgebaut werden kann. Der vorliegende BAG-Bericht zur HBM-Pilotstudie4 hält fest: «Im Rahmen einer nationalen Langzeitstudie mit gesunden Teilnehmenden könnten HBM-Referenzwerte für weitere Kantone und die gesamte Schweiz abgeleitet werden, um den Gesundheitsschutz schweizweit wirksam auszugestalten. Ausserdem könnte in einer solchen Langzeitstudie bei genügend grosser Anzahl Teilnehmender eine Verbindung zwischen Chemikalienbelastung und Krankheitslast hergestellt werden.» Der Regierungsrat des Kantons Bern unterstützt das in der Interpellation geäusserte Anliegen, die Zusammenhänge zwischen landwirtschaftlich genutzten Pflanzenschutzmitteln und deren gesundheitsschädlichen Folgen zu identifizieren. Die vom BAG durchgeführte HBM-Pilotstudie wird als wichtiger erster Schritt erachtet. Eine breit angelegte Langzeitstudie im gesamtschweizerischen Kontext mit bereits angedachter Berücksichtigung kantonaler Eigenheiten wird als die sinnvollste Herangehensweise erachtet, um eine aussagekräftige, einheitliche und interkantonal vergleichbare Datengrundlage zu erarbeiten. Anschliessend wird es einfacher sein, auf Basis dieser Datengrundlage mögliche Zusammenhänge zwischen Pflanzenschutzmitteln und Parkinson sowie anderen Erkrankungen zu analysieren. Der Regierungsrat spricht sich dafür aus, dass die von Bundesrat und BAG angedachte nationale Langzeitstudie umgesetzt wird, damit die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Pflanzenschutzmitteln und der Erkrankung an Parkinson auf nationaler Ebene erforscht und beantwortet werden kann.
Bericht des BAG vom August 2023: Pilotphase der Schweizer Gesundheitsstudie - Ergebnisse des Humanbiomonitoring (HBM). (PDF)
Zudem wird darauf hingewiesen, dass im Rahmen der Aus- und Weiterbildung von Landwirtinnen und Landwirten die gesundheitlichen Aspekte und die potenzielle Gefährdung durch Pflanzenschutzmittel bei Menschen thematisiert werden. Ebenfalls werden sie dahingehend geschult, dass sie sich beim Umgang mit Pflanzenschutzmittel gemäss den Anweisungen des herstellenden Unternehmens (Packungsbeilage) schützen müssen. Diese Massnahmen dienen ebenfalls der Senkung von gesundheitlichen Risiken.
Verteiler ‒ Grosser Rat