RRB Nr. 172/2024
Anfrage Elisabeth Pflugshaupt, Jörg Kündig, und Daniel Wäfler, Gossau, betreffend Die vergessene Deponie Wissenbüel – Wie weiter mit der bereits Jahrzehnte alten Gossauer Deponie?, Beantwortung
Rubrum
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich KR-Nr. 400/2023
Sitzung vom 28. Februar 2024
172. Anfrage (Die vergessene Deponie Wissenbüel – Wie weiter mit der bereits jahrzehntealten Gossauer Deponie?) Kantonsrätin Elisabeth Pflugshaupt, sowie die Kantonsräte Jörg Kündig und Daniel Wäfler, Gossau, haben am 11. Dezember 2023 folgende Anfrage eingereicht: Mit der Deponie Wissenbüel ist schon seit Jahrzehnten eine Deponie auf Gossauer Gemeindegebiet festgesetzt, deren Betrieb in den vergangenen Jahren sistiert wurde. Offenbar war das Wissenbüel eine Schlackendeponie der ersten Stunde für die Kehrrichtverbrennung und hatte so etwas wie Pioniercharakter. In den letzten 20 Jahren wurde es jedoch ziemlich ruhig um die Deponie und es wird nur noch von den neu geplanten Deponien in der Nähe gesprochen. Die Geschichte, aber auch die Zukunft des im Moment wohl inaktiven Standortes Wissenbüel, ist wenigen Interessierten bekannt. In den letzten Jahren verstärkten sich die Hinweise, dass sich der Boden über der Deponie Wissenbüel erwärmt, denn im Frühling, wenn normalerweise das Gras zu wachsen beginnt, steht es über der Deponie Wissenbüel bereits so hoch, dass es gemäht werden könnte. Mit Blick auf neugeplante Deponiestandorte, welche später wieder aufgeforstet werden sollen, sind dies sicherlich nicht unproblematische Entwicklungen. Offenbar entspricht das auch wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass unter der Oberfläche lagernde Schlacke den Boden über Jahrzehnte wärmt. In diesem Zusammenhang stellen wir dem Regierungsrat deshalb folgende Fragen:
Erwägungen
1. Was für Materialien wurden in der Deponie Wissenbüel bisher abgelagert und wie viel Kapazität ist noch offen?
2. Wie regelmässig und nach welchen Kriterien wird die Deponie Wissenbüel auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft?
3. Wie gedenkt der Regierungsrat, auch im Rahmen der Gesamtplanung der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Schlackendeponien den Boden über Jahrzehnte erwärmen und somit das Wachstum der Pflanzen extrem beeinflussen?
4. Wie kann unter diesen Umständen eine Schlackendeponie in einem Wald geplant werden mit dem Ziel, diesen im Anschluss wieder aufzuforsten?
5. Wie kann sichergestellt werden, dass auf diesem geheizten Boden neu gepflanzte einheimische Bäume nicht zu früh im Jahr zu wachsen beginnen und darum durch Kälteeinbrüche und Krankheiten extrem gefährdet wären?
Dispositiv
Auf Antrag der Baudirektion beschliesst der Regierungsrat:
I. Die Anfrage Elisabeth Pflugshaupt, Jörg Kündig, und Daniel Wäfler, Gossau, wird wie folgt beantwortet: Zu Frage 1: In der Deponie Wissenbüel wurden von 1972 bis 2008 Schlacken aus Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA), Klärschlamm, Bauabfälle und zementverfestigte Filteraschen abgelagert. Es wurden insgesamt 370 000 m3 Material abgelagert. Das noch verfügbare Volumen beträgt rund 100 000 m3, wovon aufgrund der geringen Schüttmächtigkeiten jedoch nur rund 20 000 m3 für KVA-Schlacke (Typ D) nutzbar sind. Das restliche Volumen kann nur für wenig oder nicht belastetes Material genutzt werden. Zu Frage 2: Sämtliche Deponien, die vor dem Inkrafttreten der Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen (VVEA; SR 814.600) am 1. Januar 2016 erstellt wurden, mussten einer umfangreichen Gefährdungsabschätzung gemäss VVEA unterzogen werden. Die Gefährdungsabschätzung hat für die Deponie Wissenbüel ergeben, dass keine Gefährdung für Mensch oder Umwelt besteht und eine solche auch in Zukunft nicht erwartet wird. Die Deponie wird laufend überwacht und sämtliche Messungen werden jährlich in einem Bericht dokumentiert. Zu Frage 3: Die Wärmeentwicklung bei der Deponie Wissenbüel kommt vermutlich von den zementverfestigten Filteraschen, welche erfahrungsgemäss sehr reaktiv sind. Solche Materialien werden heute nicht mehr direkt abgelagert, sondern in einer sauren Wäsche weiter behandelt. Eine moderne Schlackendeponie verhält sich in Bezug auf die Wärmeentwicklung anders als die alte Deponie Wissenbüel. Zu Frage 4: Massgebend für den Standort einer Deponie, in der Schlacken gelagert werden, ist die Durchlässigkeit des Untergrundes (Geologie). Ist diese Voraussetzung in einem bewaldeten Gebiet gegeben, ist es möglich, eine Deponie im Wald zu realisieren. Im Rahmen der Projektierung und der Prüfung der Umweltverträglichkeit wird auf den angesprochenen Aspekt der Erwärmung eingegangen. Daraus wird ersichtlich, wie hoch eine Erwärmung des von den Bäumen genutzten Bodens sein wird und ob bzw. wie diese Erwärmung eine Wiederbestockung beeinflussen wird. Witterungsextreme (Trockenheit), welche die Ersatzaufforstung beeinträchtigen können, sind heute bereits viel relevanter und wahrscheinlicher als eine Beeinträchtigung des Bodens infolge von chemischen Prozessen im Ablagerungsmaterial. Zu Frage 5:
Der Austriebzeitpunkt von Bäumen wird von mehreren Faktoren bestimmt, die bei verschiedenen Arten unterschiedlich stark ausgeprägt sind: Einerseits muss ein bestimmtes Kälteminimum vorbei sein. Zudem ist für den Austrieb eine ausreichende Tageslänge (Photoperiode) erforderlich. Der tatsächliche Auslöser – wenn die Tageslänge erreicht ist – ist eine bestimmte Anzahl Tage mit einer gewissen durchschnittlichen Tagestemperatur. Dass die von Bäumen «wahrgenommene» durchschnittliche Tagestemperatur durch die erhöhte Bodentemperatur relevant beeinflusst wird, ist aufgrund der voraussichtlich sehr lokalen Wirkung direkt über dem Boden und der hohen Wuchshöhe von Bäumen unwahrscheinlich. Eine geringe Bodenerwärmung dürfte daher den Austriebszeitpunkt von Bäumen nicht beeinflussen, im Unterschied zur Klimaerwärmung, welche den Blattaustrieb von Bäumen um rund drei Tage pro Jahrzehnt vorverschoben hat. Erfahrungsgemäss ist es sinnvoll, rekultivierte Böden zuerst mit sogenannten Pionierbäumen (z. B. Birke, Weide, Föhre, Lärche) zu bestocken, bevor wieder Bäume des Wirtschaftswaldes (Eichen, Buche, Nadelholz usw.) gedeihen. Diese Pionierarten zeichnen sich dadurch aus, dass sie Trockenheit besser ertragen. Bis sich dann der eigentliche «Wirtschaftswald» etablieren kann, ist davon auszugehen, dass die exothermen Reaktionen, die zu einer Bodenerwärmung führen könnten, abgeklungen sind. Wie bereits erwähnt, wird der Einfluss von Witterungsextremen auf das Waldwachstum als sehr viel bedeutender eingeschätzt als die vermutete Bodenerwärmung.
II. Mitteilung an die Mitglieder des Kantonsrates und des Regierungsrates sowie an die Baudirektion.
Vor dem Regierungsrat Die Staatsschreiberin: Kathrin Arioli