RRB Nr. 574/2025
Anfrage Sibylle Jüttner, Andelfingen, und Carmen Marty Fässler, Adliswil, betreffend Drop-Out-Quote BMS II nach prüfungsfreiem Zugang, Beantwortung
Rubrum
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich KR-Nr. 97/2025
Sitzung vom 4. Juni 2025
574. Anfrage (Drop-Out-Quote BMS II nach prüfungsfreiem Zugang) Die Kantonsrätinnen Sibylle Jüttner, Andelfingen, und Carmen Marty Fässler, Adliswil, haben am 31. März 2025 folgende Anfrage eingereicht: Aufgrund der Coronapandemie wurde die prüfungsfreie Zulassung für alle Ausrichtungen der BM 2 mit Eintritt in die Schuljahre 2020/21 und 2021/22 bei einer Gesamtnote von mindestens 5.0 im EFZ (eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) eingeführt und im Berufsmaturitätsreglement (§ 16 BMR) verankert. Der Regierungsrat und die Bildungsdirektion sehen dadurch gleichzeitig ihr Ziel, die Berufsmaturität zu fördern, untermauert. Der LKB (Lehrpersonenkonferenz Berufs- und BMS-Schulen Kt. ZH) war mit dem Vorgehen einverstanden, wenn Stützkurse angeboten und die Klassengrösse reduziert werden. Eine weitere Forderung war, dass das EFZ, welches nun die Aufnahme bei gutem Abschneiden steuert, nicht länger als zwei Jahre zurückliegen darf. Zudem soll das neue Aufnahmeverfahren maximal vier Jahre nach Einführung evaluiert werden. Wir bitten die Regierung folgende Fragen zu beantworten:
Erwägungen
1. Welche flankierenden Massnahmen sind seit der Einführung umgesetzt worden? Welche der vom LKB geforderten Massnahmen (noch) nicht? Warum?
2. Wie werden die hohen Drop-Out-Quoten 20241 bei der gesundheitlich-sozialen BMS 2 erklärt? Die Jahrgänge sind mit 559 Schüler:innen gestartet, und abgeschlossen haben 419 Personen. Das bedeutet, dass 140 Lernende die BMS abgebrochen haben.
3. Welche Massnahmen gegen diese hohen Abbruch- und Durchfallquoten werden ergriffen?
4. Wie haben sich die Übertritte von der BMS an die Fachhochschulen seit dem prüfungsfreien Zugang entwickelt?
5. Haben seit dem prüfungsfreien Übertritt an die BM 2 weniger Personen das Assessment für ein FH-Studium geschafft?
6. Warum wurde diese Änderung noch nicht evaluiert? Ist dies geplant? Wenn ja, bis wann ist mit Ergebnissen zu rechnen? Wenn nein, warum nicht?
1 https://www.zh.ch/de/bildung/schulen/maturitaetsschule/berufsmaturitaetsschule.
Dispositiv
Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Regierungsrat:
I. Die Anfrage Sibylle Jüttner, Andelfingen, und Carmen Marty Fässler, Adliswil, wird wie folgt beantwortet: Zu Fragen 1 und 3: Seit der Einführung der prüfungsfreien Aufnahme für Studierende mit guten Vorleistungen für alle BM 2-Ausrichtungen (Berufsmaturität nach der beruflichen Grundbildung) haben die Schulen die folgenden Massnahmen zur Verminderung von Ausbildungsabbrüchen ergriffen: Mit der Einführung des prüfungsfreien Zugangs zur BM 2 ist der Unterstützungsbedarf insbesondere in den Fächern Mathematik und Französisch gestiegen. Die Berufsmaturitätsschule Zürich und die Berufsmaturitätsschule Winterthur (BMSW) reagierten darauf mit einem breiten Angebot an Vorbereitungs- und Fördermassnahmen. Dazu zählen vorbereitende Kurse vor Schulbeginn, freiwillige Workshops während des Semesters sowie Onlineangebote mit individueller Betreuung. Die Workshops setzen gezielt auf den Aufbau von Grundlagen, auf Prüfungsvorbereitung und selbstständiges Arbeiten. Ergänzt werden diese durch Stützangebote und persönliche Beratung. Ziel ist es, die fachliche und persönliche Studierfähigkeit zu stärken und Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Eine Arbeitsgruppe der BMSW erarbeitet Massnahmen zur Verminderung der Ausbildungsabbrüche bei den Bildungsgängen der BM 2. Erste Erkenntnisse und daraus abgeleitete Massnahmen liegen voraussichtlich Ende Schuljahr 2024/25 vor. Neben Vorbereitungs- und Unterstützungsmassnahmen in Form von Kursen haben BM-Lehrpersonen im Auftrag des Mittelschul- und Berufsbildungsamtes (MBA) das ursprünglich für Gymnasien entwickelte online-Lernangebot «Lernnavi» geprüft. Die Überprüfung zeigte, dass «Lernnavi» grundsätzlich Potenzial als ergänzendes Lerninstrument bietet, insbesondere in Mathematik. Für einen sinnvollen Einsatz in der BM sind jedoch umfangreiche Anpassungen erforderlich. Das MBA strebt auf der Grundlage der Überprüfung eine interkantonale Lösung an. Zu Frage 2: Die Einführung der prüfungsfreien Zulassung zur BM 2 führte vor allem in der Ausrichtung «Gesundheit und Soziales» zu einem deutlichen Anstieg der Studierenden (298 im Schuljahr 2018/2019, 574 im Schuljahr 2022/2023). Dies entspricht einer Zunahme von 92%. Diese Zunahme ist für die beabsichtigte BM-Förderung grundsätzlich positiv zu werten.
Mit dem Anstieg der Anzahl Studierender stieg allerdings auch die Anzahl der Ausbildungsabbrüche von 5% auf 22,3%. Ein Anstieg wurde erwartet, da die obligatorische Aufnahmeprüfung vor der Einführung der prüfungsfreien Zulassung dazu geführt hat, dass Kandidatinnen und Kandidaten sich auf Prüfung und Bildungsgang vorbereiten mussten. Neben weniger geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten wurden dadurch offensichtlich auch Kandidatinnen und Kandidaten abgeschreckt, die das Potenzial dazu haben, die BM 2 zu bestehen. Die nun höheren Durchfallquoten in der Ausrichtung «Gesundheit und Soziales» bewegen sich in der Grössenordnung der Durchfallquoten anderer BM- Ausrichtungen (Ausrichtung Technik, Architektur, Life-Sciences: 18,6%; Ausrichtung Wirtschaft und Dienstleistungen, Typ Dienstleistungen: 26,2%). Zu Frage 4: Gemäss Auswertung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat sich die Anzahl der Neustudierenden mit BM 2-Abschluss um 16% (Herbstsemester 2020) bzw. 11% (Frühlingssemester 2021) zum Vorjahressemester erhöht. Der prüfungsfreie Zugang an die BM 2 ab Schuljahr 2020/21 hatte dagegen keine sichtbaren Auswirkungen auf die Anzahl der Übertritte an die ZHAW ab Studienjahr 2021/22. Das Wachstum liegt seither wieder im bisher üblichen Bereich von 3 bis 5% pro Semester. Zu Frage 5: Zum Assessment zählen grundsätzlich die ersten zwei Semester, wegen den Teilzeitstudierenden wird allerdings der Bestand nach den ersten vier Semestern (d. h. ab dem 3. Studienjahr) betrachtet. Am Ende der 2010er-Jahre lag die Erfolgsquote der Studierenden, die mit einer BM 2 aus dem Kanton Zürich an der ZHAW zu studieren begannen und im 3. Studienjahr noch eingeschrieben waren, bei 65% bis 76%. Lediglich im ersten Semester (Herbstsemester 2020) nach Ausbruch der Coronapandemie lag die Erfolgsquote bei nur 48%, was aber nicht auf den prüfungsfreien Eintritt in die BM 2 zurückgeführt werden kann, sondern mit den pandemiebedingten Unsicherheiten zusammenhängen dürfte. Danach hat sich die Erfolgsquote wieder bei 61% bis 73% pro Studienjahr eingependelt. Eine Auswirkung auf die Studierenden mit BM 2 kann seit dem prüfungsfreien Eintritt an die BM 2 im Kanton Zürich bislang nicht festgestellt werden. Es liegen dazu allerdings auch noch nicht genügend Daten vor, da sich die erste Studierendenkohorte mit
BM 2-Abschluss (mit prüfungsfreiem Eintritt an die BM-Schulen) zurzeit erst im 8. Semester bzw. im ersten Jahr nach einem Bachelorabschluss befindet.
Zu Frage 6: Die Änderung der Verordnung über die Aufnahme in die Maturitätsschulen im Anschluss an die Sekundarstufe und nach Abschluss der beruflichen Grundbildung (LS 413.250.2) trat auf 1. August 2022 in Kraft. Die Jahre 2020/21 und 2021/22 sind aufgrund der Coronapandemie nicht aussagekräftig. Die Auswirkungen (Ausbildungsabbrüche) zeigen sich jeweils erst mit einem Jahr Verzögerung, d. h. im August 2025 liegen erst die Ergebnisse der 3. Kohorte vor. Um die Ergebnisse der oben erwähnten ergriffenen Vorbereitungs- und Unterstützungsmassnahmen berücksichtigen zu können, wird eine Evaluation nach vier Kohorten, d. h. ab August 2026/27 ins Auge gefasst.
II. Mitteilung an die Mitglieder des Kantonsrates und des Regierungsrates sowie an die Bildungsdirektion.
Vor dem Regierungsrat Die Staatsschreiberin: Kathrin Arioli