20.4327
Massnahmenplan für den Wiedereinstieg von Frauen in die Arbeitswelt
Arslan Sibel · Mit-F · Nationalrat · Basel-Stadt · Grüne Fraktion
Durch die Corona-Pandemie hat dieses Postulat noch mehr an Aktualität und Dringlichkeit gewonnen, leider nicht in einem positiven Sinne. Gleich mehrere Studien bestätigen, dass sich in der Pandemie die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verschärft: Frauen reduzieren häufiger ihre Arbeitszeit, ihr Anteil an der Sorgearbeit nimmt noch weiter zu.
Die Gleichstellung hat also durch Corona einen Rückschritt erlitten. Das kann langfristig negative Auswirkungen auf den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft haben, wirkt sich aber auch negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung aus.
Nicht nur bei Haushalten mit geringem oder mittlerem Einkommen ist es meist so, dass der Mann ein höheres Einkommen aufweist als die Frau. Deshalb reduziert oft die Frau ihr Pensum zugunsten der Familienarbeit, weil auf das Einkommen des Mannes nicht verzichtet werden kann. Dies bringt aber langfristige Gefahren für die Erwerbsverläufe von Frauen mit sich. Unter Umständen ist eine Rückkehr zur vorherigen Arbeitszeit nicht möglich.
Das vorliegende Postulat hat zwei Hauptziele: Einerseits soll die Gleichstellung von Frauen und Männern verbessert und gestärkt werden; anderseits soll der Zugang der Frauen zur Arbeitswelt verbessert werden, wobei auch ihre Positionen in der Wirtschaft durch geeignete Massnahmen verbessert werden sollen. Dazu gehören die Lohngleichheit und ebenso die Möglichkeit, höchste Kaderpositionen einzunehmen.
Corona hat übrigens auch gezeigt, dass der Fachkräftemangel keineswegs abgenommen hat, im Gegenteil: Sogar im arg gebeutelten Gastgewerbe fehlen Tausende von Fachkräften. Damit wird unterstrichen, dass das grosse Potenzial, welches die Frauen mit sich bringen, unbedingt genutzt werden muss.
Die Hindernisse für einen Einstieg bzw. Wiedereinstieg sind die Erziehung von Kindern und andere Betreuungsmassnahmen, die überwiegend von Frauen übernommen werden, weil sie es sich so einrichten müssen, wie ich es eingangs erwähnt habe. Es sind aber auch berufliche oder persönliche Schwierigkeiten, ganz zu schweigen von der mangelnden Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt. Während die Zahl der Teilzeitstellen, die häufig von Frauen besetzt werden, zunimmt, ist die Erwerbsquote der Frauen nach wie vor eher niedrig. Daher müssen gezielte Arbeitsmarktmassnahmen mit Erleichterungen einhergehen, welche es Frauen ermöglichen, wieder in die Arbeitswelt einzutreten.
Zur Wiedereingliederung sind unter anderem Gespräche zur Einführung und Ermittlung des Potenzials, zum Erwerb von Grundfertigkeiten im Rahmen der Allgemeinbildung, beruflichen Bildung und Weiterbildung sowie eine Begleitung bei der Arbeitsuche und gegebenenfalls finanzielle Unterstützung anzubieten. Die Förderung oder Unterstützung der beruflichen Wiedereingliederung sollte in Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern erfolgen, um Einstiegswege zu suchen, Praktikumsplätze zu schaffen, spezielle Kurse oder andere Möglichkeiten anzubieten.
Zwar hat der Bund mit der Förderung der extrafamiliären Kinderbetreuung einen ersten Schritt getan, damit Frauen stärker in die Arbeitswelt gelangen, doch bleibt noch viel zu tun. Ich bin froh und dankbar, dass der Bundesrat dies ebenfalls erkannt hat und das Postulat unterstützt. Ich bitte Sie, es dem Bundesrat gleichzutun. Sie haben es mit Ihrer Unterstützung in der Hand, eine umfassende Strategie und ein Massnahmenpaket zur Erleichterung der beruflichen Wiedereingliederung von Frauen festzulegen, das den unterschiedlichen Bedürfnissen, persönlichen Situationen und finanziellen Ressourcen der Betroffenen Rechnung trägt.
Binder-Keller Marianne · Mit-F · Nationalrat · Aargau · Die Mitte-Fraktion. Die Mitte. EVP.
Frau Kollegin, Sie haben einen Vorstoss vertreten, den ich selber unterschrieben habe und für den ich Sympathie habe: Massnahmenplan für den Wiedereinstieg von Frauen in die Arbeitswelt. Jetzt bezeichnen Sie aber Familienarbeit irgendwie als Care-Arbeit und auch als nicht sehr wertige Arbeit.
Wären Sie auch bereit, einen Vorstoss meinerseits zu unterschreiben, der eine Aufwertung der Familienarbeit postuliert und mit dem gerade diese Arbeit als Kompetenz für den Wiedereinstieg einbezogen werden soll? Wären Sie bereit, die Familienarbeit aufzuwerten?
Arslan Sibel · Mit-F · Nationalrat · Basel-Stadt · Grüne Fraktion
Besten Dank für Ihre Frage, Frau Binder. Es ist in der Tat so, dass wir das eine nicht gegen das andere ausspielen dürfen und sollen. Es ist beides wichtig: dass die Frauen einerseits für die Familie da sein können, wenn sie sich bewusst für diesen Weg entscheiden, und dass sie andererseits, wenn sie wieder einsteigen wollen oder parallel arbeiten wollen, während sie kleine Kinder haben, auch diese Möglichkeiten haben. Deshalb bin ich für solche Vorschläge sehr offen. Ich diskutiere gerne darüber und unterstütze Sie dort, wo ich kann.
Kälin Irène · 1VP-F · Nationalrat · Aargau · Grüne Fraktion
Präsidentin (Kälin Irène, erste Vizepräsidentin): Das Postulat wird von Frau Schläpfer bekämpft.
Schläpfer Therese · Mit-F · Nationalrat · Zürich · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Das Postulat will mit einer staatlichen Gesamtstrategie einen Massnahmenplan zur Ermöglichung des Wiedereinstieges von Frauen in die Arbeitswelt. Hiermit stellt die Postulantin die Frauen einmal mehr als hilflose Wesen dar. Dabei sollen noch die unterschiedlichen Bedürfnisse, die persönlichen Verhältnisse und die finanziellen Ressourcen der interessierten Frauen berücksichtigt werden. Das Potenzial der Frauen soll besser genutzt werden. Die Postulantin bedauert, dass sich die Mütter nach der Geburt eine Zeit lang selbst um die Kinder kümmern. Sie will sie schneller weg von der Familie und zurück an den Arbeitsplatz bringen, als ob die Frauen nicht fähig wären, den Zeitpunkt und ihren Weg zurück in die Arbeitswelt selbst zu bestimmen und darüber zu befinden.
Aus zwei Gründen ist das Postulat abzulehnen:
1. Das Postulat würdigt die Arbeit der Hausfrau und Mutter herab. Es bewirkt also genau das Gegenteil des Wunsches vieler Frauen, wonach die Arbeit als Mutter und Hausfrau gewürdigt und aufgewertet wird. Die wertvolle Arbeit, welche eine Mutter während dieser Zeit leistet, wird geringgeschätzt. Für die Care-Arbeit und die Kinderbetreuung braucht es dann einfach andere Arbeitskräfte. Die Mutter soll doch bitte selbst entscheiden können, in welcher Aufgabe sie ihre Erfüllung findet. Ausserdem ist es niemandem verboten, nach der Geburt der Kinder wieder in den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Wenn die Mutter das zu Beginn in einem tieferen Teilzeitpensum tun will, soll das die freie Entscheidung von ihr und ihrer Familie sein. Die Familie soll gestärkt werden.
2. Arbeitgeber sind von sich aus bemüht, die weiblichen Arbeitskräfte zu behalten oder zurückzugewinnen. Sie bieten oft Wiedereinstiegskurse an oder schaffen gute Bedingungen für Wiedereinsteigerinnen. Neben dem freien Markt bieten die Kantone mit den Berufsbildungszentren schon heute viele Möglichkeiten in unterschiedlichen Richtungen an. Die Bildung ist auf kantonaler Ebene geregelt, weil die Bedürfnisse in den Kantonen sehr unterschiedlich sind.
Die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt ist sehr von der individuellen Situation der Mutter und der Familie abhängig. Eine zentrale Lösung wäre schwierig zu finden. Mit den bereits vorhandenen kantonalen Berufsbildungszentren sind wir hier individueller, gezielter und besser bedient. Auch die pädagogischen Hochschulen bieten Wiedereinstiegskurse an, obwohl das Lehrerdiplom nicht verfällt. In der Pflege sind manche Angebote von der öffentlichen Hand unterstützt, sprich subventioniert. Sie werden günstig oder gar gratis angeboten. Ausserdem sind die Lehrgänge berufsbegleitend konzipiert, sodass die Kurse auch von Frauen in finanziell und zeitlich schwierigen Situationen bewältigt werden können.
Die verborgenen Konsequenzen bei einer Erfüllung des Postulates betreffen die langfristigen Auswirkungen. Einerseits unterwirft es die Mütter früher oder später einem Zwang zum Besuch eines Wiedereinstiegskurses, andererseits wird dadurch die staatliche Betreuung der Kinder gefördert. Mit anderen Worten: Die Mütter oder die Kinder werden von der Familie entfernt.
Überlassen wir die Entscheidung über den Zeitpunkt des Wiedereinstiegs den Müttern und ihren Familien und die Gestaltung der entsprechenden Programme den Arbeitgebern. Lehnen wir es ab, einen neuen, teuren Bereich im Bundesamt mit noch mehr Angestellten zu schaffen.
Ich bitte Sie deshalb, dieses Postulat abzulehnen.
Parmelin Guy · BPR-M · Bundesrat · Waadt
L'auteure du postulat prie le Conseil fédéral de définir une stratégie globale et un train de mesures visant à faciliter la réinsertion des femmes dans le monde professionnel. Le Conseil fédéral soutient cette demande.
Le taux d'activité des femmes en Suisse est certes très élevé, mais les femmes qui travaillent ont souvent un taux d'occupation réduit. Des études établissent que la grande majorité des femmes qui s'éloignent temporairement ou plus durablement du marché du travail après la naissance d'un enfant le font de leur propre initiative. Néanmoins, une grande partie des femmes juge difficile la réintégration dans le monde professionnel après la naissance d'un enfant, et y renonce pour cette raison.
Il existe certes déjà un certain nombre de mesures pour soutenir les parents lors d'un retour à l'activité professionnelle. En outre, je rappelle que le Conseil fédéral a adopté en mai 2019 tout un paquet de mesures visant à améliorer la situation sur le marché du travail. Il s'agit entre autres de développer des structures proposant un bilan professionnel, une évaluation du potentiel, une orientation professionnelle dans les cantons.
Des projets pilotes rassemblés sous le nom de Viamia sont mis en place dans les onze premiers cantons depuis janvier 2021. Un bilan professionnel et des conseils sont proposés gratuitement aux plus de 40 ans qui ne peuvent prétendre à d'autres services similaires. Ces mesures permettent d'améliorer la situation des personnes concernées, dont les femmes. Néanmoins, et compte tenu de la forte pénurie de main-d'oeuvre qualifiée et du niveau de formation élevé des femmes, il s'agit d'utiliser encore mieux ce potentiel.
Le postulat offre la possibilité d'examiner les mesures en place et d'améliorer encore la situation des femmes sur le marché suisse du travail. C'est dans ce sens que le Conseil fédéral vous prie d'accepter le présent postulat.
Abstimmung
Präsidentin (Kälin Irène, erste Vizepräsidentin): Der Bundesrat beantragt, das Postulat anzunehmen.
Abstimmung - Vote
Für Annahme des Postulates ... 117 Stimmen
Dagegen ... 71 Stimmen
(3 Enthaltungen)