25.4211
Stärkung der Eigenverantwortung durch Gesundheitskompetenz
Rumy Farah · 2VP-F · Nationalrat · Solothurn · Sozialdemokratische Fraktion
Das Parlament spricht in der Gesundheitspolitik oft über Eigenverantwortung, ja, sie wird fast reflexartig gefordert als Lösung für steigende Kosten, als Antwort auf ein belastendes System. Aber Eigenverantwortung fällt nicht einfach vom Himmel. Eigenverantwortung setzt voraus, dass die Menschen verstehen, wie ihre Gesundheit funktioniert, dass sie verstehen, was gesund ist oder eben nicht, dass sie Informationen einordnen können und dass sie wissen, wie und wann sie handeln müssen. Diese Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Nicht alle Menschen haben die gleichen Grundvoraussetzungen, nicht alle haben den gleichen Zugang zu verständlichen Informationen, und nicht alle können medizinische Zusammenhänge gleich gut einschätzen. Und genau das führt zu Ungleichheiten bei der Prävention, bei der Behandlung, aber letztlich auch bei den Gesundheitschancen.
Wenn wir also ernsthaft über Eigenverantwortung sprechen wollen, dann müssen wir auch über die Voraussetzungen sprechen. Dieses Postulat verlangt einen Bericht, der aufzeigt, welche Angebote es heute bereits gibt, wo Lücken bestehen und wie wir die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung gezielt stärken können, und zwar so, dass alle Menschen, unabhängig von Bildung, Einkommen und Herkunft, davon profitieren. Diese Befähigung kommt langfristig uns allen zugute. Eigenverantwortung muss durch Bildung, verständliche Informationen und niederschwellige Angebote ermöglicht werden. Wir sprechen hier von einem wichtigen Pfeiler zur Entlastung des Gesundheitssystems. Der Bundesrat teilt dieses Anliegen und ist bereit, einen entsprechenden Bericht vorzulegen.
Ich bitte Sie deshalb, diesem Postulat zuzustimmen.
Christ Katja · 1VP-F · Nationalrat · Basel-Stadt · Grünliberale Fraktion
Präsidentin (Christ Katja, erste Vizepräsidentin): Das Postulat wird von Herrn Erich Hess bekämpft.
Hess Erich · Mit-M · Nationalrat · Bern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei
Der Titel des Vorstosses klingt gut. Mehr Eigenverantwortung ist wichtig, das sehe ich grundsätzlich genau gleich. Aber es bringt nichts, einen weiteren Bericht zu erstellen, der nur viele Kosten verursacht und unter dem Strich nichts bringt. Denn es gab schon viele Analysen, die prüften, wie gross die Wirkung der Gesundheitskompetenz auf das Verhalten der Leute schlussendlich ist. Wir haben über die Krankenkassen, über Kampagnen und über Gesundheitsorganisationen so viele umfangreiche Informationen zur Verfügung; diese sind alle wissenschaftlich abgestützt. Wir wissen alle, dass wir nicht rauchen, keinen Alkohol trinken, kein Übergewicht haben und viel Sport treiben sollten.
Aber was ist der Fall? Obwohl wir alle wissen, dass wir nicht rauchen sollten, raucht ein Viertel der Schweizer Bevölkerung. Bringt da mehr Prävention etwas? Auf den Zigarettenpaketen betreiben wir schon genügend Prävention.
Zum Alkohol: Rund 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung pflegen einen problematischen Umgang mit Alkohol - meint zumindest das BAG. Diese 20 Prozent haben wahrscheinlich noch nie davon gehört, dass zu viel Alkoholkonsum dem Körper schaden könnte.
Zum Übergewicht: 43 Prozent der Schweizer Bevölkerung sind übergewichtig. Diese 43 Prozent haben noch nie etwas davon gehört, dass Übergewicht gesundheitsschädigend sein kann.
Schauen Sie, wir wissen dies alles. Braucht es da noch mehr Informationen? Nein. Die Leute setzen sie ja trotzdem nicht um. Die Informationen sind vorhanden, und wir können sie auch mit mehr Informationen nicht noch mehr beeinflussen.
Ich gehe nicht davon aus, dass mehr Leute Sport treiben würden, wenn der Bund jetzt noch stärker propagieren würde, dass sie mehr Sport treiben sollen. Es bringt aus meiner Sicht auch nichts, wenn die Krankenkassen die Sportabonnements bezahlen. Ich kenne viele, die von ihren Krankenkassen Sportabonnements bezahlt bekommen. Aber wenn sie dann einmal oder zweimal im Jahr hingehen, ist das schon viel. Gut, es ist besser als nichts, aber sie würden besser jeden Tag ein wenig laufen gehen. Damit hätten sie für ihre Gesundheit mehr gemacht und die Gesundheitskosten weniger belastet.
Es geht sogar noch weiter: Wir haben Drogen verboten. Nehmen wir das Beispiel Cannabis. Trotz des Verbots haben 30 bis 35 Prozent der Bevölkerung schon einmal Cannabis konsumiert. Es liegt also nicht an der Aufklärung. Aufklärung ist zudem eine föderalistische Aufgabe. Wir haben klar festgelegt, wer zuständig ist. Für die Gesundheitsförderung und die Bildung in Sachen Gesundheit sind grundsätzlich die Kantone und nicht der Bund zuständig.
Deshalb bitte ich Sie, dieses Postulat abzulehnen.
Baume-Schneider Elisabeth · BR-F · Bundesrat · Jura
Besten Dank an Nationalrat Hess für seine Präventionskampagne. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Sie können Botschafter für diese Präventionskampagne werden. Wirklich, wir können gerne zusammenarbeiten. (Teilweise Heiterkeit)
Aber trotzdem:
Le Conseil fédéral partage l'avis de l'auteure du postulat, selon laquelle il s'agit encore de renforcer la compétence en matière de santé de la population, en particulier des populations ou des groupes vulnérables. En effet, j'en conviens, il y a déjà un bon nombre d'offres : il existe des offres en matière fédérale, cantonale, il y a une diffusion d'informations, des formations sont proposées, et chacun est censé prendre des décisions favorables à sa santé au niveau quotidien et de manière responsable, en toute connaissance de cause. Néanmoins, comme avancé par l'auteure du postulat, il manque une vue d'ensemble de toutes les offres disponibles. Par ailleurs - et je pense que c'est l'élément fondamental -, un accès à bas seuil n'est pas garanti pour l'ensemble des groupes de population, notamment pour les personnes vulnérables, qui n'auront probablement justement pas écouté le débat de ce matin, ni la campagne de prévention du conseiller national Erich Hess.
Le Conseil fédéral soutient la demande du postulat et vous propose, en vue de l'égalité des chances en matière d'accessibilité aux offres et aux formations, de soutenir ledit postulat, pour augmenter encore l'information et la responsabilité individuelle en matière de santé pour toutes et tous.
Abstimmung
Präsidentin (Christ Katja, erste Vizepräsidentin): Der Bundesrat beantragt die Annahme des Postulates.
Abstimmung - Vote
Für Annahme des Postulates ... 100 Stimmen
Dagegen ... 82 Stimmen
(9 Enthaltungen)