Anfrage Nina Fehr Düsel, Küsnacht, betreffend Ist unser Bildungssystem bubenfeindlich?, Beantwortung
Auszug aus dem Protokoll des Regierungsrates des Kantons Zürich KR-Nr. 218/2020
Sitzung vom 16. September 2020
893. Anfrage (Ist unser Bildungssystem bubenfeindlich?) Kantonsrätin Nina Fehr Düsel, Küsnacht, hat am 15. Juni 2020 folgende Anfrage eingereicht: Im Kindergarten sind 99% aller Lehrkräfte Frauen. Auch in der Pri- marschule sind die Lehrerinnen in grosser Überzahl. Es scheint, dass heut- zutage soziale Kompetenz sehr hoch gewichtet wird sowie stilles Arbeiten belohnt wird. Bereits im Kindergarten gibt es sehr viele Bastelarbeiten. Knaben, die im Schnitt etwas lebhafter sind, konnten früher einfach eine Runde auf dem Pausenplatz rennen, heute wird gemäss Studien schnel- ler eine Therapie verordnet oder Ritalin verabreicht. Turnen steht im Kin- dergarten nur einmal in der Woche auf dem Stundenplan. In der späteren Laufbahn sieht die Situation ähnlich aus: Die Auf- nahmeprüfungen (selbst bei mathematischen Aufgaben) sind von der Fragestellung her stark sprachlich ausgerichtet und Knaben sind somit eher benachteiligt (vgl. Artikel des Tagesanzeiger vom 16. Februar 2020). Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Mädchen in sprachlichen Fächern besser sind, während die Stärken der Knaben eher bei naturwissenschaft- lichen Fächern liegen. Man erhält den Eindruck, dass das heutige Schulsystem eher den An- gepassten und sprachlich Veranlagten hilft. Generell sollten die Kinder individueller wahrgenommen werden und individueller gefördert werden. Gleichmacherei schadet allen. Auch Kna- ben sind genügend und entsprechend ihrer Fähigkeiten zu fördern. Schliess- lich bräuchte es viele inländische Fachkräfte für die MINT-Fächer. In diesem Zusammenhang stelle ich dem Regierungsrat folgende Fra- gen:
Erwägungen
1. Gibt es Massnahmen bei der Personalselektion, um beim Lehrper- sonal attraktiver für männliche Lehrpersonen (vor allem auf unterer Stufe) zu werden?
2. Ist es erwiesen, dass Aufnahmetests heute stärker sprachlich ausge- richtet sind, somit das sprachliche Verständnis auch bei mathemati- schen Aufgaben vermehrt verlangt wird?
3. Wie könnte man auf Kindergarten- und Primarstufe noch individueller auf die unterschiedlichen Kinder eingehen und noch mehr Bewegung und Grobmotorik in den Unterricht bringen?
4. Wie könnte man generell den oben erwähnten Entwicklungen ent- gegenwirken?
Dispositiv
Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Regierungsrat:
I. Die Anfrage Nina Fehr Düsel, Küsnacht, wird wie folgt beantwortet: Zu Frage 1: Seit 2010 steigen an der Volksschule die Schülerzahlen kontinuierlich an. Nachdem sich dies zuerst im Kindergarten stark auf die Stellenbeset- zung auswirkte, ist inzwischen die Stellensituation auch in der Primar- und der Sekundarschule zunehmend angespannt. Für die Schulen steht im Vordergrund, die offenen Stellen mit qualifizierten Lehrpersonen zu besetzen. In der Personalselektion zusätzliche (geschlechtsspezifische) Massnahmen zu berücksichtigen ist zurzeit kaum möglich. Verschiedene wissenschaftliche Studien belegen, dass das Geschlecht der Lehrperson keinen Einfluss auf die schulische Leistung der unterrich- teten Knaben und Mädchen hat. Wichtig ist vielmehr, dass engagierte und fähige Frauen und Männer den Lehrberuf ergreifen und ihn über eine längere Zeit erfolgreich ausüben. Eine Steigerung des Männeranteils ist deshalb eher ein gesellschaftspolitisches als ein schulisches Thema. Die gesellschaftliche Anerkennung des Lehrberufs ist auch durch die Entlöhnung und die Karrieremöglichkeiten beeinflusst. Der potenzielle Lohn im Beruf ist bei Maturandinnen und Maturanden bei der Studien- wahl zunehmend ein Entscheidungskriterium (Ökonomisierung der Stu- dienwahl). Der Anfangslohn im Lehrberuf ist konkurrenzfähig, in der weiteren Lohnentwicklung werden die Löhne der Lehrpersonen jedoch weniger attraktiv. Zudem hat der Lehrberuf beschränkte Karriereper- spektiven. Dies dürfte ebenfalls eine Ursache für den Unterbestand an Männern im Lehrberuf sein. Die Pädagogische Hochschule engagierte sich im Projekt «Männer an die Primarstufe» und verzeichnete von 2015 (28%) bis 2019 (31%) einen bescheidenen Anstieg der männlichen Studierenden auf der Primarstufe und der Sekundarstufe I. Im Kindergarten blieb der Männeranteil kon- stant bei 4%. Zu Frage 2: Die PISA-Studie und die Erhebungen zur Überprüfung der Grund- kompetenzen zeigen für die Schweiz, dass Knaben in Mathematik gering- fügig besser abschneiden als Mädchen. Allerdings sind die Überlappungs- bereiche der Leistungsverteilungen von Mädchen und Jungen sehr gross. Zudem zeigen sich keine Veränderungen der Geschlechterdifferenzen über die Zeit. Gemäss einer in Deutschland durchgeführten Studie ist die sprachliche Vereinfachung von Testaufgaben in Mathematik keine viel- versprechende Strategie zur Verringerung von Leistungsunterschieden. Stärker als die Sprachlastigkeit der Aufgaben dürften situativ präsente
Stereotype die Leistung betroffener Personen in einem Test beeinträch- tigen. So haben sich die Leistungen von Jungen in einer Studie verschlech- tert, allein durch das Wissen, einen Lesetest zu absolvieren, während sie bei denselben Aufgaben besser abschnitten, wenn sie als «Lernspiel» prä- sentiert wurden. Die vergangenen Anpassungen der Zentralen Aufnahmeprüfung (ZAP) haben allgemein zu einer Abnahme der sprachlichen Anforderun- gen geführt. 2007 wurde die ZAP an den Langgymnasien und 2008 an den Kurzgymnasien eingeführt. 2015 änderte sich die Gewichtung der Prüfungsfächer für die Aufnahme ins Kurzzeitgymnasium: Trugen die drei Prüfungsfächer Mathematik, Deutsch und Französisch vorher je einen Drittel zur Gesamtnote bei, beträgt die Gewichtung seither 40% für Deutsch, 40% für Mathematik und 20% für Französisch (vgl. Bericht zum Postulat KR-Nr. 335/2008 betreffend Optimierung des Aufnahme- verfahrens für die Kantonsschulen, Vorlage 4967). Die Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymnasium besteht seit 2007 aus den Prüfungsfächern Ma- thematik und Deutsch. Auch die geplanten Anpassungen führen zu einer Abnahme der sprach- lichen Anforderungen. Die vom Regierungsrat erlassene neue Aufnahme- verordnung für sämtliche Maturitätsschulen (noch nicht in Kraft; vgl. RRB Nr. 311/2019) umfasst nur noch die Prüfungsfachbereiche Mathematik und Deutsch. Französisch und Englisch entfallen als Prüfungsfachbe- reiche. Die Qualität der ZAP-Aufgaben wird durch Fachexpertinnen und -ex- perten sichergestellt. Die inhaltlichen Anforderungen der ZAP orientie- ren sich am Lehrplan und den obligatorischen bzw. alternativobligatori- schen Lehrmitteln des Kantons Zürich. Die Prüfungsaufgaben werden durch eine erfahrene Prüfungskommission, bestehend aus Volks- und Mittelschullehrpersonen, erstellt und evaluiert. Die Fachexpertinnen und -experten der Prüfungskommission Mathematik stellen sicher, dass es sich bei den Mathematikaufgaben nicht um Aufgaben handelt, die das Sprachverständnis prüfen. Die Mathematikaufgaben der ZAP sind sprach- lich konkret und verständlich in Hauptsätzen formuliert. Dabei sind die für die Lösung relevanten Informationen meist in der richtigen Reihen- folge gehalten. Von der hohen Qualität der ZAP-Aufgaben zeugen zu- dem die seltenen Rekurse. Zu Frage 3: Die kantonalen schulischen Rahmenbedingungen ermöglichen einen vertieften individualisierenden Unterricht. Gemäss § 2 Abs. 4 des Volks- schulgesetzes vom 7. Februar 2005 (LS 412.100) berücksichtigt der Unter- richt die individuellen Begabungen und Neigungen aller Kinder. Anhand der Bildungsziele im Lehrplan 21 werden die Schülerinnen und Schüler
beim Aufbau von persönlichen Interessen, dem Vertiefen von individu- ellen Begabungen und in der Entwicklung ihrer individuellen Persönlich- keit ermutigt, begleitet und unterstützt. Es gehört zum Grundauftrag der Lehrperson, dass sie bei der Vermittlung der Kompetenzen am Entwick- lungsstand der Schülerinnen und Schüler anknüpft. Bewegung gehört zu den kindlichen Primärbedürfnissen. In Ergänzung zum Sportunterricht können die Schulen auf verschiedene Angebote zu- rückgreifen, die sie bei der Integration von Bewegung im Schulalltag oder in schulergänzenden Angeboten beraten und unterstützen. Unter ande- ren sind dies das Projekt «Purzelbaum Kindergarten» der Stiftung radix und das Angebot «schule bewegt» von Swiss Olympic. Das kantonale Sportamt unterstützt freiwillige Schulsportangebote und zeichnet sport- freundliche Schulen mit einem Label aus. Zu Frage 4: Eine Bubenfeindlichkeit des Zürcher Bildungssystems kann nicht er- kannt werden. Damit Jungen und Mädchen ihr individuelles Potenzial entfalten können, ist es unter anderem wichtig, sie während der Schulzeit für Geschlechtsstereotypen (z. B. «Knaben sind sprachlich schwach») zu sensibilisieren und deren Einfluss zu thematisieren. Denn die Jugend- lichen sollen sich für einen Beruf entscheiden können, der ihren Bega- bungen und Fähigkeiten entspricht.
II. Mitteilung an die Mitglieder des Kantonsrates und des Regierungs- rates sowie an die Bildungsdirektion.
Vor dem Regierungsrat Die Staatsschreiberin: Kathrin Arioli