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SNF. Ungereimtheiten in Nachwuchspolitik und Forschungsfinanzierung der Schweiz?

23.3868 · Interpellation · 2023-06-15

Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung

Erledigt

Wortlaut

Der Schweizerischen Nationalfonds (SNF) hat für die Periode 2025–2028 beschlossen, sich stärker auf die projektbezogene Förderung und die Förderung von Karrieren auf Postdoc-Stufe zu konzentrieren und dafür verschiedene Förderinstrumente für Forschende, insbesondere Doc.CH, zu streichen.

Darum stelle ich dem Bundesrat folgende Fragen:

- Warum hat der SNF die Streichung dieser Förderinstrumente, insbesondere Doc.CH, beschlossen, wo doch ein interner Bericht des SNF zu Recht auf den unbestreitbaren Nutzen dieses Instruments und den realen Finanzierungsbedarf hinweist?

- Das Programm Doc.CH stellt in der Tat eine echte Unterstützung für junge Schweizer Forschende dar: Es ermöglicht ihnen, ihre Forschung unabhängig durchzuführen, innovative Fragen aufzuwerfen und frühzeitig wissenschaftliche Autonomie zu erlangen, die für eine zukünftige Karriere unerlässlich ist. Wie begründet der SNF also die Streichung?

- Doc.CH ist ein Instrument, das mehrheitlich von Frauen genutzt wird. Wie gedenkt der SNF den weiblichen Nachwuchs auf Doktoratsstufe spezifisch zu unterstützen?

- Welche Unterstützung ist für die Kantone und Hochschulen vorgesehen, um diese Streichungen zu kompensieren und die Arbeitsbedingungen und die Attraktivität für den Nachwuchs weiterhin zu gewährleisten?

- Die prekäre Situation des akademischen Nachwuchses wurde in den letzten Jahren wiederholt angeprangert. Wie gedenkt der Bundesrat dem ein Ende zu setzen? Der SNF hat in den letzten Monaten angekündigt, in dieser Angelegenheit tätig werden zu wollen: Tut er das wirklich?

Begründung

Der SNF hat seine Prioritäten für die Periode 2025–2028 bekannt gemacht: Er wird sich stärker auf die projektbezogene Förderung und die Förderung von Postdoc-Karrieren konzentrieren. Diese Neuausrichtung führt zur Einstellung verschiedener Förderprogramme, namentlich von Doc.CH, R'Equip und MD-PhD. Er verzichtet zudem auf die Einführung eines Förderinstruments zugunsten von Frauen in den MINT-Fächern. Zudem will der SNF ab 2024 sein Pilotinstrument Practice-to-Science nicht mehr ausschreiben.

Dieser Entscheid ist aus mehreren Gründen bedauerlich:

- Das Programm Doc.CH unterstützt die brillantesten jungen Absolventinnen und Absolventen aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften: Es ermöglicht ihnen, ein individuelles Projekt im Rahmen eines Doktorats durchzuführen, und dies unabhängig von hierarchischen Strukturen, offenen Stellen und laufenden Forschungsprojekten. Dieses Programm hat mit seiner hohen Erfolgsquote und der starken Hebelwirkung seinen Nutzen unter Beweis gestellt. Im Übrigen wollte es der SNF im Rahmen seiner Planung 21–24 auch auf andere Disziplinen ausdehnen. Nun möchte es aber die Direktion trotz für eine Beibehaltung sprechender Berichte abschaffen, auch wenn sie damit ihrer eigenen Gleichstellungs- und Exzellenzpolitik widerspricht.

- Dass es wichtig ist, die Frauen in den MINT-Fächern bereits ab dem Doktorat zu unterstützen, ist unbestritten. Ohne Doktorandinnen gibt es auch keine Postdoktorandinnen!

- Die Absicht, den Schwerpunkt auf die Förderung von Postdoktorandinnen und Postdoktoranden zu legen, blendet die Bedeutung des Doktorats für die akademische Karriere aus.

- Die Abschaffung dieser Programme verschlechtert die Arbeitsbedingungen des akademischen Nachwuchses.

- Darüber hinaus ist es illusorisch, diese Aufgaben allein an die Kantone, Universitäten und Fachhochschulen zu delegieren. Ohne zusätzliche Ressourcen, die von den Kantonen nur schwer zu erhalten sein werden, werden die Hochschulen nicht in der Lage sein, diese Streichung auszugleichen. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund relevant, dass einige Fakultäten der Geistes- und Sozialwissenschaften ihre Nachwuchsförderungsstrategie vorrangig auf das Programm Doc.CH ausgerichtet haben.

- Zudem werden Assistenzstellen zunehmend mit promovierten Forschenden besetzt, da diese auch in der Lehre eingesetzt werden können. Dadurch werden die Finanzierungsquellen für Doktoranden zusätzlich eingeschränkt.

Stellungnahme des Bundesrates

Bei der Erfüllung seines Grundauftrags ist der Schweizerische Nationalfonds (SNF) frei, im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen und der Leistungsvereinbarung mit dem Bund eigene Schwerpunkte zu setzen und geeignete Instrumente zu entwickeln. Die Karriere- und Projektförderung gehören zum Grundauftrag des SNF (vgl. Ant-worten auf die gleichlautenden Interpellationen Amoos 23.3877 und Prezioso 23.3874 «SNF: Ungereimtheiten in Nachwuchspolitik und Forschungsfinanzierung der Schweiz?». Ausnahmen davon sind die Zusatzmandate des Bundes wie die Massnahmen zu Horizon Europe, wo der Bund den SNF mandatiert und ihm die Umsetzung übertragen hat.

Fragen 1, 2 und 3

Im Mehrjahresprogramm 2025-2028 fokussiert der SNF sein Portfolio, unter anderem indem er sich in der Karriereförderung auf die Stufe Postdoktorat konzentriert. Das Doktorat liegt primär in der Verantwortung der Hochschulen.

Von der Verzichtsentscheidung des SNF sind mit jährlich ca. 50 geförderten Doktorierenden relativ wenige Personen betroffen. Gestützt auf die Evaluation des SNF durch den Schweizerischen Wissenschaftsrat (SWR) hat der SNF entschieden, sein Förderportfolio stärker zu fokussieren. Die Anwendung dieser Empfehlung auf Doc.CH ist nachvollziehbar, insbesondere da der Bundesrat in der BFI-Botschaft 2021-2024 festgestellt hat, dass der SNF bei der Doktoratsförderung gegenüber den Hochschulen stärker subsidiär ausgerichtet sein soll. Dass der SNF personengebundene Beiträge erst nach Abschluss des Doktorats vergeben will, ist konsequent. Auch bei der Chancengerechtigkeit fokussiert der SNF die Förderung von Forscherinnen nach Abschluss des Doktorats: Mit dem Förderinstrument SNSF Professorial Fellowships fördert der SNF explizit promovierte Forscherinnen im Rahmen einer integrierten Gleichstellungsmassnahme.

Frage 4

Die Schweizerische Hochschulkonferenz (SHK) anerkennt die Nachwuchsförderung als Priorität. Die Hochschulen werden bei der Nachwuchsförderung im Rahmen der Grundbeiträge nach dem Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetz (HFKG, SR 414.20) unterstützt (Art. 49-53 HFKG). Zudem wird in der laufenden Periode mit den Projektgebundenen Beiträgen (PgB gemäss Art. 59-61 HFKG) das Programm „Mobilitätsförderung von Doktorierenden und Weiterentwicklung des 3. Zyklus“ unterstützt. PgBs sind zeitlich begrenzt, adressieren Aufgaben von gesamtschweizerischer hochschulpolitischer Bedeutung und erfordern neben dem Beitrag des Bundes eine angemessene Eigenleistung der Kantone. Klassische Förderprogramme im Sinne des Doc.CH oder MD-PhD sind darin nicht vorgesehen.

Frage 5

Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses wird bereits länger diskutiert (Postulat WBK-S 12.3343 „Massnahmen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Schweiz“). Sie muss mit Blick auf die Stellenstrukturen an Hochschulen betrachtet werden. Aktuell wird die Situation vom Bund im Rahmen eines Berichts zum Postulat WBK-N 22.3390 „Für Chancengleichheit und die Förderung des akademischen Nachwuchses“ untersucht, wobei auch Massnahmen zur Stärkung des Nachwuchses geprüft werden. Der Bericht liegt spätestens bis zur Verabschiedung der BFI-Botschaft 2025-2028 durch den Bundesrat Anfang 2024 vor.

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