Weit verbreitete Bioakkumulation von PFAS erfordert die Anwendung des Vorsorgeprinzips und die Einrichtung eines Systems zum Human Biomonitoring
24.4197 · Interpellation · 2024-09-27
Departement des Innern
Erledigt
Wortlaut
In der Antwort auf meine Frage 24.7669 schreibt der Bundesrat (BR): "Der Mangel an Gesundheitsdaten in der Schweiz betrifft viele Felder der Prävention. Eine solche Evaluation [...] wäre nur durch langfristige Kohortenstudien durchführbar, die es in der Schweiz derzeit nicht gibt". Er führt dann das Projekt "Schweizer Gesundheitsstudie" an. Die Ergebnisse aus dessen Pilotphase wurden im letzten Jahr veröffentlicht. Es ist aber alles andere als sicher, dass dieses Projekt auf das Ziel einer besseren Gesundheitsüberwachung der Schweizer Bevölkerung ausgerichtet sein wird. Angesichts der Ungewissheit über die gesundheitlichen Folgen von Umweltbelastungen, insbesondere im Zusammenhang mit PFAS, ist ein Human Biomonitoring jedoch mehr als notwendig.
Begründung
Ich bitte den Bundesrat um die Beantwortung folgender Fragen:
1. In der Pilotphase der Schweizer Gesundheitsstudie wird darauf hingewiesen, dass der Gehalt an bestimmten PFAS im Blut bei 3,6 Prozent der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern den Wert überschreitet, ab dem gesundheitliche Auswirkungen möglich sind. Ebenfalls gesagt wird, dass " für die am höchsten exponierten Teilnehmenden die wahrscheinlichsten Expositionsquellen bestimmt" werden. (S. 13). Welche Kriterien werden berücksichtigt? Werden auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen oder die Wohnorte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, auch in ihrer Kindheit, untersucht?
2. Auf die Frage 24.7503 antwortete der BR, der heutige Wissensstand erlaube noch nicht, das Auftreten eines möglichen Cocktail-Effekts von PFAS im Körper zu bestimmen. Wäre es angesichts dieses Mangels an wissenschaftlicher Gewissheit und der anderen mit PFAS verbundenen Risiken nicht sinnvoll, das Vorsorgeprinzip anzuwenden und Massnahmen zur Einschränkung ihrer Verbreitung einzuführen sowie ein Human-Biomonitoring-System zu errichten, um Daten zu erhalten, mit denen diese Unsicherheiten beseitigt werden können? Wenn nicht, warum nicht?
3. In der Antwort auf die Frage 24.7770 sagt der Bundesrat, es bestehe ein Zusammenhang zwischen hohen PFAS-Werten im Blut und verschiedenen negativen Auswirkungen auf die Gesundheit. Dazu gehören Auswirkungen auf die Leber, auf die Nieren, auf das Geburtsgewicht und auf Impfungen, deren Wirksamkeit vermindert wird. Kann der Bundesrat angeben, welche Auswirkungen von PFAS auf die Gesundheit bekannt sind?
4. Welche Auswirkungen haben PFAS auf die Umwelt und die natürlichen Ressourcen?
Stellungnahme des Bundesrates
1. Bei per- oder polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) gibt es eine Reihe potenzieller Expositionswege, insbesondere über die Nahrung und im beruflichen Umfeld. In der Pilotphase der Schweizer Gesundheitsstudie wurde ein vollständiger Fragebogensatz erarbeitet, welcher Fragen mit Bezug auf die soziodemografischen Daten, die medizinische Vorgeschichte, die Lebensweise und -qualität, die Ernährungsgewohnheiten, spezifische berufliche und private Expositionssituationen und den Wohnort der Teilnehmenden (z. B. Nähe zu Durchgangsstrassen) beinhaltet.2. Die Schweiz beteiligt sich an den internationalen Bemühungen zur Beschränkung der Produktion, des Handels und der Verwendung von PFAS. In der Europäischen Union wird derzeit an einer weitreichenden Einschränkung gearbeitet, die Einführung einer ähnlichen Regelung in der Schweiz wird geprüft. Am 1. Februar 2024 hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) Höchstgehalte für bestimmte PFAS in Fleisch, Fisch, Eiern, Schalentieren und Muscheln eingeführt (vgl. Kontaminantenverordnung, SR 817.022.15). Zudem überprüft es die Höchstwerte im Trinkwasser. Das Bundesamt für Umwelt evaluiert derzeit die Einführung neuer Grenzwerte für Böden. In Bezug auf Human-Biomonitoring prüft das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Auftrag des Bundesrats derzeit die Voraussetzungen (Rechtsgrundlagen, Organisationsformen, Finanzierung) für die Einrichtung einer nationalen Kohorte aus der Allgemeinbevölkerung, die Human-Biomonitoring, auch für PFAS, einschliesst. Der entsprechende Bericht wird dem Bundesrat Ende 2025 vorgelegt.3. Die Toxizität hängt von der jeweiligen Verbindung ab, für viele PFAS sind die toxikologischen Daten noch sehr lückenhaft. Perfluoroctansäure (PFOA), Perfluoroctansulfonsäure (PFOS), Perfluorononansäure (PFNA) und Perfluorhexansulfonsäure (PFHxS) werden mit verschiedenen langfristig gesundheitsschädlichen Wirkungen in Zusammenhang gebracht, darunter Stoffwechselveränderungen, Fortpflanzungsstörungen, Immuntoxizität und Krebs. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit ist die immuntoxische Wirkung (verminderte Wirksamkeit bestimmter Impfstoffe) dieser vier Substanzen bei Kindern als besonders besorgniserregend einzustufen. Ausserdem kann die Exposition gegenüber PFAS eine Erhöhung des Cholesterinspiegels bewirken, sowie schädliche Auswirkungen auf die Leber haben und zu einem geringeren Geburtsgewicht führen. Diese Stoffe sind auf nationaler Ebene in der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung (RS 814.81) streng reglementiert. Die Internationale Agentur für Krebsforschung hat PFOA kürzlich als «krebserregend für den Menschen» und PFOS als «möglicherweise krebserregend für den Menschen» eingestuft.4. PFAS sind extrem langlebig, werden nur sehr langsam oder gar nicht abgebaut und sind in der Umwelt allgegenwärtig. Hohe Konzentrationen von PFAS sind vor allem in der Nähe von Punktquellen wie Industrieanlagen, Feuerwehrübungsplätzen, Mülldeponien und verunreinigten Abwässern zu finden, aber aufgrund von diffusem Eintrag auch fernab von Punktquellen. Durch ihre spezifischen physikalisch-chemischen Eigenschaften reichern sich langkettige PFAS tendenziell in wirbellosen Tieren und Fischen, Sedimenten und Böden an, während sich kurzkettige PFAS in Pflanzen, Luft und Wasser anreichern und so Trinkwasserquellen verunreinigen können. Zu den ökotoxikologischen Wirkungen von PFAS gehören Auswirkungen auf den Hormonhaushalt und das Immunsystem, ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, ähnlich denen bei Menschen, oxidativer Stress und Entwicklungsstörungen.