Lexipedia

Bischof Pirmin · Nationalrat · 2010-09-28

Bischof Pirmin · Nationalrat · Solothurn · Fraktion CVP/EVP/glp · 2010-09-28

Wortprotokoll

Er hat es seit den Pisa-Studien noch schwerer als vorher: der Unterricht für Kunst, für Sport und für Musik. Die Länder setzen seither alles daran, die Defizite im Unterricht von Mathematik und von Sprachen zu beheben - zu Recht, denn das sind Standortfaktoren für die Nationen dieser Welt. Und dieses Parlament hat erfreulicherweise eben beschlossen, auch im Bereich Sport eine Mindestzahl von Lektionen festzulegen, weil man sich der Bedeutung des Sports für die menschliche Entwicklung und für die Gesundheit bewusst ist.

Aber wie steht es mit der Musik? Die Musik ist ein Fach zweiter Wahl geworden. Die Musik ist nicht mehr so wichtig im Unterricht. Die Musik ist nicht matchentscheidend. Die Musik ist kein Wirtschaftsfaktor. Aber stimmt das? Wenn man den Wissenschaftlern folgt, ist das grundfalsch. Eine eindrückliche Studie des deutschen Musikdidaktikers Hans Günther Bastian hat Folgendes ergeben: Er hat in den sechs Jahren zwischen 1992 und 1998 Hunderte von Schülerinnen und Schülern in Dutzenden von Klassen geprüft, und zwar in einer Vergleichsstudie mit Kindern, die viel Musikunterricht hatten, und solchen, die wenig Musikunterricht hatten. Das Ergebnis ist frappant: Nach vier Jahren Musikerziehung waren die Intelligenzwerte der Kinder mit mehr Musikunterricht deutlich höher als jene der Kinder in der Vergleichsgruppe. Besonders die Ausdauer und die Fähigkeit zu abstraktem Denken, aber auch die Leistungsbereitschaft und die Konzentration waren erheblich stärker ausgeprägt als in der Vergleichsgruppe. Noch überraschender war ein Effekt, der uns interessieren sollte, wenn wir über Jugendkriminalität und Ähnliches reden: Die Kinder, die mehr Musikunterricht genossen, zeigten in Schule und Gesellschaft ein deutlich geringeres Aggressions- und Gewaltverhalten. Musik wirkt in diesem Bereich also prophylaktisch. Vielleicht übertrieb ja der ehemalige deutsche Innenminister Otto Schily etwas, aber ein bisschen Recht hatte er schon, als er sagte: "Wer Musikschulen schliesst, gefährdet die innere Sicherheit."

Ja, machen wir denn hier einen Umsturz in Bezug auf die Beziehung zwischen den Kantonen und dem Bund, wenn wir die Initiative gutheissen? Dieses Parlament und das Volk haben im Bildungsbereich tatsächlich einen Umsturz herbeigeführt, als sie 1874 beschlossen, die Kantone dazu zu zwingen, allen Kindern einen unentgeltlichen Primarschulunterricht zu gewährleisten, und der Bund gleichzeitig beschloss, überhaupt nichts daran zu bezahlen. Das war ein Eingriff in die Kantons- und die Bildungshoheit. Gottlob ist dieser Umsturz erfolgt. Die Initiative, mit der wir es heute zu tun haben, kommt da bescheiden daher. Sie verlangt keine Ausweitung der Kompetenz auf den Bund. Die Bildungshoheit der Kantone bleibt erhalten, die finanziellen Konsequenzen für den Bund sind gleich null. Die Initiative verlangt nicht einmal Mindestzahlen für die Lektionen, wie wir das für den Sportunterricht beschlossen haben. Sie bringt aber immerhin einen allgemeinen Förderungsartikel und ein Stück weit Anerkennung für die Musik. Sie ermöglicht einen gemeinsamen Standard für den Musikunterricht. Swissness heisst eben Qualität und Verlässlichkeit - auch bei der Musik.

Ich bitte Sie, der Mehrheit zu folgen und die Initiative zur Annahme zu empfehlen.

Bischof Pirmin · Nationalrat · 2010-09-28 | Lexipedia | Lexipedia