Egger-Wyss Esther · Nationalrat · 2010-09-28
Egger-Wyss Esther · Nationalrat · Aargau · Fraktion CVP/EVP/glp · 2010-09-28
Wortprotokoll
Wir haben in diesem Saal nun sehr lange über Musik und den Wert von Musik diskutiert. Bei mir klingt ein Konzert des weltbesten Blasorchesters, des Tokyo Kosei Wind Orchestra, von gestern Abend nach - leider konnten Sie das wahrscheinlich nicht geniessen. Es hat mir aber aufgezeigt, wie viel Musik in uns Menschen eben bewirken kann. Vor zwei Wochen haben wir hier in diesem Saal über Sportförderung diskutiert. Diese war zu Recht kaum umstritten, denn Sport gehört unbestrittenermassen zu einer gesunden Lebenshaltung von Kindern und Jugendlichen und ist auch ein wesentlicher Teil ihrer Allgemeinbildung. Wenn hier in diesem Saal gesagt wurde, der Sportförderung komme eine wichtige Präventionswirkung zu, bei der Musik sei das aber nicht der Fall, kann ich das schlichtweg nicht verstehen. Es gibt wirklich keinen Grund, Musikförderung nicht gleich zu behandeln wie Sportförderung.
Mit Musik werden die soziale Kompetenz und die Intelligenz junger Menschen gestärkt, und mit Musikförderung wird wesentlich zur seelischen und geistigen Bildung der jungen Menschen beigetragen. Genau dies fordert ja auch unsere Bundesverfassung. Jedes Kind sollte die Möglichkeit zum Kontakt mit Musik haben, und zwar nicht nur durch Konsumieren, darin sind wir ja alle stark, sondern eben durch aktives Musizieren. Im Gegensatz zum Sport fehlen vor allem in ländlichen Regionen die dringend notwendigen Infrastrukturen und auch die finanziellen Mittel, um den Musikunterricht nicht willkürlich, sondern für alle Kinder und Jugendlichen gleichwertig anbieten zu können. Das zeigt deutlich, dass die Musikförderung leider immer noch nicht den ihr zustehenden Stellenwert in der Bildungslandschaft hat. Es zeigt deutlich, dass in der schulischen und ausserschulischen Bildung in Bezug auf Musik in der ganzen Schweiz Defizite [PAGE 1520] entstehen, wenn man sie davon abhängig macht, ob die Eltern den Musikunterricht ihrer Kinder bezahlen können oder nicht.
Die Musikschulen erfüllen zweifellos eine wichtige Aufgabe in der musikalischen Bildung. Sie leisten Grundlagenarbeit in der musikalischen Breitenförderung wie auch in der Nachwuchsförderung. Trotz allem sind sie nur in einigen wenigen Kantonen in die kantonale Bildungsgesetzgebung eingebunden. Die Musikschulen fallen richtigerweise in die Regelungszuständigkeit der Kantone. Es wäre nicht akzeptabel, dem Bund die Kompetenz zu geben, die Kantone zur Finanzierung von Musikschulen zu verpflichten. Analog dem Sport sollen die Kantone und Gemeinden nun aber die Verantwortung für die ausserschulische musikalische Bildung wahrnehmen. Dies könnte doch wirklich durch ein Rahmengesetz des Bundes erreicht werden. Die Kantonshoheit wäre nicht tangiert. Jedoch würden in der ganzen Schweiz die gleichen Qualitätsrichtlinien und die gleichen Anstellungskriterien für Musiklehrpersonen wie für jene an den Volksschulen gelten. Denn es ist wiederum eine Tatsache, dass durch die unterschiedlich hohen oder eben zu hohen Elternbeiträge für den Musikunterricht verhindert wird, dass für alle Kinder gleiche Chancen bestehen - da spreche ich wirklich aus Erfahrung, auch in unserer Region, in unserer Gemeinde ist das so.
Erst kürzlich wurde eine deutsche Umfrage veröffentlicht, deren Ergebnis sicherlich auch auf die Schweiz übertragen werden kann. 96 Prozent der befragten Personen halten Musikunterricht in der Schule und im Kindergarten für wichtig und sehen ihn als Teil einer ganzheitlichen Bildung an. Zudem wurde in dieser Umfrage auch deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Musik nicht eine Angelegenheit einer kleinen, elitären Minderheit ist, sondern dass ein starkes Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass es sich um etwas Wertvolles, etwas Bewahrenswertes und vor allem um etwas Förderungswürdiges handelt.
Mit der Unterstützung der Initiative und der Ablehnung des Gegenvorschlags tragen wir alle dazu bei, dass das Kulturgut Musik erhalten und vor allem an künftige Generationen weitergegeben wird. Wer weiss, vielleicht werden dadurch sogar noch mehr Ausnahmetalente entdeckt, auf welche die Schweiz dann stolz sein kann - das ist dann nämlich Standortmarketing. Als Vizepräsidentin des Aargauer Symphonie-Orchesters und als Präsidentin des Trägervereins einer regelmässig stattfindenden Oper im Kanton Aargau freue ich mich natürlich auf jeden Fall auch auf musikalischen Nachwuchs.