Teuscher Franziska · Nationalrat · 2011-03-17
Teuscher Franziska · Nationalrat · Bern · Grüne Fraktion · 2011-03-17
Wortprotokoll
Unser Leben hat viel Tempo bekommen. Wir erfahren ja selber die Veränderungen der Werthaltungen in unserer Gesellschaft. Deshalb müssen wir auch immer wieder Feuerwehrübungen machen. Denken wir nur einmal an die Finanzkrise 2008, als die UBS die Hilfe der Steuerzahler beanspruchen musste. Das musste sehr rasch über die Bühne gehen. Niemand konnte sich auf Erfahrungen abstützen. Für mich sind solche Ereignisse ein klares Zeichen. In solchen Situationen steht unsere Gesellschaft an der Grenze der Anpassungsfähigkeit. Die Menschen sind an ihren Arbeitsplätzen heute nicht nur gezwungen, einen schnelleren Fluss von Situationen zu bewältigen, sie stehen auch immer wieder vor Situationen, die sie noch nie erlebt haben, bei denen sie sich nicht auf ihre Erfahrungen stützen können. Der Faktor Zeit ist heute in allen Unternehmen ein Bestandteil des Erfolges. Darum ist es in der heutigen Arbeitswelt immer wichtiger, dass es schnell geht und dass die Leistung unter Druck erbracht wird. Der Wettbewerb findet nicht nur auf der Ebene von Preis und Leistung, sondern auch auf der Zeitachse statt.
Dazu kommen die Unsicherheiten betreffend den eigenen Arbeitsplatz. Denken wir auch hier wieder an die Aussagen des UBS-Chefs Oswald Grübel, der alle halbe Jahre droht, mit der UBS die Schweiz zu verlassen, wenn ihm etwas nicht passt. Er übt damit einen gewaltigen Druck auf die Mitarbeiter aus, die Angst haben, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Denken wir an die Belegschaften von Unternehmen der Exportwirtschaft, die öffentlich drohen, wegen des starken Frankens die Schweiz zu verlassen. Und dann wundert man sich, dass bei der Gesundheitsbefragung 2007 über 44 Prozent der Befragten über Stress am Arbeitsplatz klagten. Viele Menschen sind beruflich am Anschlag, Burnout ist zur Volkskrankheit geworden. Unternehmen klagen heute häufig über die Absenzen ihrer Mitarbeiter. Gesundheitsförderung [PAGE 491] Schweiz schätzt die jährlichen Kosten infolge von Stress auf 5,6 Milliarden Franken; Travail Suisse spricht sogar von 10 Milliarden Franken pro Jahr.
Die Volksinitiative "6 Wochen Ferien für alle" könnte hier Abhilfe schaffen. Sie ist die richtige Antwort auf den steigenden Zeit- und Leistungsdruck, mit dem viele Menschen am Arbeitsplatz konfrontiert sind. Ich unterstütze diese Initiative, weil ich davon überzeugt bin, dass eine zusätzliche Ferienwoche einen Ausgleich schaffen kann und für zusätzliche Erholung von der heute extremen Arbeitsbelastung sorgt.
Unsere geltende Ferienregelung stammt aus dem Jahre 1984. Seither hat sich unsere Welt völlig verändert. Ich weiss nicht, ob Sie sich noch an den Arbeitsalltag im Jahre 1984 erinnern. Ich habe da einen Rückblick unternommen und mir aufgrund von Recherchen den Arbeitsalltag im Jahre 1984 wieder vor Augen geführt. Viele von uns haben damals nicht mit dem Computer gearbeitet, wir haben unsere Texte noch mit der Schreibmaschine geschrieben. Die ersten Publifaxe kamen gerade auf, Handys dominierten unsere Gesellschaft noch nicht, und das World Wide Web existierte bis 1990 für die Allgemeinheit ebenfalls nicht. Heute verschicken wir in drei Sekunden ein Mail; Firmenunterlagen, Fotos und Dokumentationen werden in die ganze Welt verschickt. Die Informationstechnologie hat unser Leben massiv beschleunigt. Die Produktivitätsgewinne seit 1984 sind entsprechend beeindruckend, wegen der Chip-Revolution, wegen der beispiellosen Automatisierungswelle und wegen des ständigen Anpassungsdrucks, den die Globalisierung der Wirtschaft erzeugt.
Es ist Zeit, dass wir auch den Mitarbeitern einen Teil dieser Gewinne weitergeben, in Form von einer Ferienwoche mehr.