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Estermann Yvette · Nationalrat · 2012-09-10

Estermann Yvette · Nationalrat · Luzern · Fraktion der Schweizerischen Volkspartei · 2012-09-10

Wortprotokoll

Mögen Sie sich noch an den letzten Frühling erinnern, als Sie nach der Zeitumstellung eine Stunde früher aufstehen mussten? Einige von Ihnen - das gebe ich zu - sind nach zwei, drei Tagen mit dieser Änderung einverstanden. Das sind die Lerchen, das sind die Glücklichen unter Ihnen. Aber es gibt auch andere, es gibt den sogenannten Typus Nachteule. Diese Menschen können sich nur sehr schwer an diese Umstellung gewöhnen. Das sind vor allem Kinder, Jugendliche und chronischkranke Personen.

Ich möchte noch erwähnen, dass die Sommerzeit gegen den Entscheid des Schweizervolkes vom 28. Mai 1978 eingeführt wurde. Da hatte man Angst, man würde in Europa eine Zeitinsel sein. Heute ist die Zeit auch ein bisschen anders geworden. Wir haben eine globalisierte Welt, ein globalisiertes Europa. Eine Stunde Zeitunterschied ist da nicht sehr viel. Schliesslich reisen viele Geschäftsreisende nach New York, London oder Moskau und haben damit auch eine Zeitverschiebung. Sie kommen mit dieser auch klar.

Warum muss man die Zeitinsel-Problematik immer als ein Gespenst sehen? Das kann auch eine Chance sein. Aus wissenschaftlicher Sicht sind es vor allem führende Psychologen, sogenannte Chronobiologen, die darauf hinweisen, dass die Umstellung auf die Sommerzeit gesundheitsschädlich ist. Das kann man nicht vom Tisch wischen. Namentlich erwähne ich nur Prof. Dr. Randler von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Er hat eine Studie mit 500 Jugendlichen gemacht; die Studie, die für die EU gemacht wurde, wurde mit 10 Personen durchgeführt. Nachher sind das der Ravensburger Psychologe Jürgen Zulley und der Psychologe Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Missachtung des demokratischen Willens des Volkes, das ist eine Sache - Missachtung der wissenschaftlichen Ergebnisse, das gibt mir schon etwas zu denken. Offenbar weiss jeder in diesem Saal, dass diese Zeitumstellung unnötig, unsinnig und gesundheitsschädlich ist, aber niemand hat den Willen, das zu ändern. Russland zum Beispiel hat es vorgemacht und stellt nicht mehr um. Es nimmt Rücksicht auf gesundheitliche Probleme, die die Bürger mit dieser Zeitumstellung hatten. Es stellt nicht mehr auf Winterzeit um, [PAGE 1277] sondern behält die Sommerzeit; Russland hat mehrere Zeitzonen, da ist es klar, dass diese Änderung so praktiziert wird.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass schon kleine Schwankungen im biologischen Rhythmus folgende Auswirkungen haben: Schlafstörungen, Müdigkeit, depressive Verstimmungen, Schwankungen der Herzfrequenz, Konzentrationsschwäche - ich hoffe nicht, dass alle hier noch unter Konzentrationsschwäche leiden, weil es im Saal wirklich sehr laut ist -, Gereiztheit, das stelle ich auch bei Ihnen fest, Nervosität, Appetitlosigkeit, Verdauungsprobleme.

Was sind die Folgen dieser Umstellung auf die Sommerzeit? Vermehrte Arztbesuche sind die Folge. Die Einnahme von Schlafmitteln und Antidepressiva steigt an. Die Unfallhäufigkeit im Strassenverkehr und am Arbeitsplatz nimmt zu. Die Landwirte klagen über die veränderten Fütterungszeiten. Ich möchte hier zudem etwas erwähnen, über das man nicht so viel weiss, nämlich, wie viele Tiere auf den Strassen getötet werden, weil der Verkehr auf den Strassen plötzlich eine Stunde früher beginnt. Es sind nicht nur ein, zwei oder drei Tiere, sondern allein in Deutschland sind es 215 000 Rehe, die wegen dieser unsinnigen Regelung auf den Strassen verenden.

Der persönliche Kontakt mit den Spezialisten hat mir auch Folgendes gezeigt: Auf meine Frage, warum das niemand umstelle, wenn doch bewiesen ist, dass diese Sommerzeit schädlich ist, haben sie gesagt, so sei es, die Politik ignoriere die Wissenschaft bei diesem Thema völlig.

Ich habe mich dieser Problematik angenommen und sehr viele Rückmeldungen von unseren Wählerinnen und Wählern erhalten. Ich muss Ihnen sagen, dass wirklich sehr viele Eltern immer noch die Hoffnung haben, dass wir entscheiden, die Zeitumstellung aufzuheben - für unsere Kinder, für die Menschen, die darunter leiden. Wenn wir dazu Ja sagten, würden wir beweisen, dass wir die wissenschaftlichen Ergebnisse und auch den Willen des Volkes von 1978 anerkennen und dass wir ein fortschrittliches Land sind, das mit der Wissenschaft vorangeht. Wir wären, ganz klar, am Anfang allein, aber dann zöge Europa sicher nach.

Ich möchte Sie nochmals bitten, meine Motion anzunehmen und das Leiden vieler Millionen von Menschen - nicht nur hier in der Schweiz, sondern in ganz Europa - zu beenden.

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