Hardegger Thomas · Nationalrat · 2013-03-06
Hardegger Thomas · Nationalrat · Zürich · Sozialdemokratische Fraktion · 2013-03-06
Wortprotokoll
Ich will mir nicht vorstellen, dass in meiner Gemeinde keine Hausärzte mehr praktizierten. Und doch ist diese Gefahr gross, wenn es nicht gelingt, die Hausarztmedizin gerade für junge Mediziner attraktiver zu machen.
Es ist heute Morgen wiederholt dargelegt worden, dass in der Gesundheitsversorgung der Hausarzt oder die Hausärztin oft den Grundstein für eine erfolgreiche Behandlung legt. Es ist belegt, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient einen grossen Anteil daran hat, ob eine Therapie Wirkung zeigt. Je höher die Hausarztorientierung in einer Gesellschaft ist, desto höher ist die Lebensqualität; je mehr Hausärzte zur Verfügung stehen, desto höher ist die Lebenserwartung. Dies zeigen internationale Studien.
Gerade den Aufgaben der Hausärztinnen und Hausärzte wird - auch bei der Abgeltung - zu wenig Rechnung getragen. In den Gemeinden und Quartieren haben sie in der psychosozialen Betreuung eine unersetzbare Funktion. Oft kann eine adäquate Behandlung nur gefunden werden, wenn das soziale Umfeld und die Lebenssituation bekannt sind. Patientinnen und Patienten müssen mit ihren Ressourcen, ihrem Umfeld und ihren Möglichkeiten erfasst und behandelt werden.
Eine Beratung bei Alkoholsucht oder bei grossem Übergewicht greift bei bestimmten Gruppen von Menschen nur, wenn sie eins zu eins über die Hausärztin und den Hausarzt erfolgt. Wir geben Millionen für grossangelegte Kampagnen zur Bekämpfung von gesundheitsschädigendem Verhalten aus. Diese Kampagnen verstärken zwar das schlechte Gewissen der Betroffenen, aber sie helfen ihnen in ihrer Not wenig. Viel wirkungsvoller ist die direkte Unterstützung durch die Hausärztinnen und Hausärzte. Mit jeder einzelnen erfolgreichen Beratung können die öffentliche Hand und das Gesundheitswesen viel Geld sparen.
Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin hat vor einigen Jahren in einer Studie aufgezeigt, dass viele Menschen medizinische Informationen wegen fehlendem Textverständnis nicht für sich verwerten können. Es sind nicht nur funktionale Analphabeten, sondern auch Menschen, die im Stress der Behandlung die Fähigkeit zur Aufnahme medizinischer Zusammenhänge verlieren. Die Interviewten haben angegeben, dass sie den Hausarzt als Übersetzer benötigen. In einer Zeit, in der sich immer mehr medizinische Ratgeber anbieten, übers Internet, übers Telefon und über andere Medien - fachlich mehr oder weniger qualifiziert -, wird der Hausarzt auch immer mehr mit Falschinformationen, Halbwissen und Fehlinterpretationen bei seinen Patienten konfrontiert, die er nur im Gespräch mit dem Menschen in seinem individuellen Umfeld richtigstellen kann. Stellen Sie sich vor, wie viel Leid es den Betroffenen bringt und wie viel Geld verschwendet wird, wenn ärztliche Anordnungen falsch verstanden und nicht befolgt werden.
Dieselbe Aufgabe stellt sich den Hausärzten auch in der Nachbetreuung von stationären Behandlungen, zum Beispiel nach einem Herzinfarkt. Gute Betreuung und Ratschläge, die beim Austritt auf den Weg mitgegeben werden, verflüchtigen sich rasch. Das hat sich in einer Umfrage gezeigt, die ein halbes Jahr nach der Behandlung durchgeführt worden ist. Oftmals wissen die Patienten nicht mehr, weshalb sie behandelt worden sind und was sie gegen einen Rückfall unternehmen können. Erst der Hausarzt kann die notwendigen Massnahmen wieder auffrischen und beratend zu Seite stehen.
Eine ganz wichtige Aufgabe, die mir auch persönlich am Herzen liegt, kommt den Hausärztinnen und Hausärzten bei der Integration der Migrantinnen und Migranten zu. Meist sind die Hausärzte die ersten Bezugspersonen der Mütter oder der Väter mit ihren Kleinkindern im Spannungsfeld ihrer kulturellen Herkunft und der Erwartungen der neuen Heimat an sie. Alle Angebote von Gemeinden und Hilfswerken zur Integrationsförderung nützen nichts, wenn sie den Betroffenen nicht bekannt sind. Die Zusammenarbeit mit den Hausärzten ist für die Gemeinden ausserordentlich wichtig. Eine Gemeinde ohne Hausarztversorgung verliert deshalb eine wichtige Unterstützung in den sozialen und gesellschaftlichen Aufgabenbereichen.
Die Hausarztmedizin ist deshalb in allen Bereichen zu stärken und zu unterstützen, und ihre Leistungen sind gerecht abzugelten - besser über einen guten Gegenvorschlag als mit der Volksinitiative. Bis dieser jedoch sein wahres Gesicht zeigt, bleibt die Initiative ein wirksames Medikament in der parlamentarischen Therapie. Ich danke Ihnen für die Unterstützung der Initiative und des Gegenvorschlages.