Gutzwiller Felix · Ständerat · 2011-09-13
Gutzwiller Felix · Ständerat · Zürich · Freisinnig-demokratische Fraktion · 2011-09-13
Wortprotokoll
Als Mitglied einer medizinischen Fakultät kann ich hier natürlich als befangen gelten. Aber ich möchte doch noch kurz etwas zu diesem Thema sagen. Ich sage vorab, dass es meiner Ansicht nach nicht angehen kann, eine Bundeskompetenz einfach tel quel in einen klar kantonalen Kompetenzbereich zu installieren. Ich teile hier die Einschätzung der Kommission.
Ceci dit, das Problem ist reell; das hat Kollege Stähelin sehr zu Recht gesagt. Deshalb fühle ich mich auch gedrängt, [PAGE 755] noch etwas zu sagen. Auch der Bundesrat anerkennt das Problem; ich vermute, dass er möglicherweise auch deswegen hier die Kompetenzordnung etwas hintangestellt hat. Er sagt selber, es sei klar - gemessen an den 600 bis 700 eidgenössischen Diplomen pro Jahr im Humanmedizinbereich -, dass der Bedarf per 2030 nicht gedeckt werden könne.
Wir bilden nicht genügend Leute aus, um diesem zukünftigen Bedarf gerecht zu werden. Das ist doch besonders auch deshalb bedenklich, wenn man sieht, wie viel mehr junge Menschen effektiv gerne Medizin studieren würden. Wir haben sicher in etwa drei- bis viermal mehr Interessierte und Anmeldungen als Studienplätze. Auch hier muss man sagen, dass es teilweise ausserordentlich schade ist, dass nicht mehr junge Schweizerinnen und Schweizer diesen Traumberuf wählen können - auch wenn dies natürlich hohe Kosten mit sich bringen würde; das ist ganz klar.
Der Bedarf wird wachsen. Dies ist nicht nur deshalb der Fall, weil der Arztberuf auch zunehmend ein Frauenberuf geworden ist, mit anderen Konzepten über die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Ich persönlich bin auch der Meinung, dass die Schweiz in diesem Bereich wieder etwas mehr zu einer Exportnation werden sollte. Wir waren früher, vor dreissig, vierzig Jahren, eine wirkliche Exportnation, weltweit, für gut ausgebildete Ärzte und Ärztinnen. Heute sind wir eine reine Importnation. Auch dazu liegen Zahlen vor. Ich erwähne das, weil die Ausländerthematik zunehmend ein Thema wird. Die Schweiz hat heute beispielsweise im stationären Sektor ungefähr 30 Prozent Ärzte und Ärztinnen, die im Ausland ausgebildet worden sind. Ein grosser Teil davon stammt aus Deutschland, andere kommen aus Italien, Frankreich und aus anderen Ländern. Dieses Verhältnis hat sich wirklich radikal geändert. Wir importieren heute massiv Ärzte und Ärztinnen aus benachbarten Ländern.
Würden wir diese Betrachtung auf die Pflege ausweiten, dann würden wir feststellen, dass es hier noch sehr viel weiter geht. Teilweise stammen die Leute in diesem Bereich auch aus Ländern des Südens, z. B. aus den Philippinen. Es findet ein massiver Bildungstransfer statt, obwohl diese Länder eigentlich diese Leute, in deren Bildung sie investiert haben, selbst benötigen würden.
In der Antwort auf eine frühere Interpellation meinerseits in dieser Sache wurde vom Bundesrat sogar ausgerechnet, dass wir, bezogen auf Ärzte und Ärztinnen, die im Ausland ausgebildet wurden und dann in der Schweiz tätig werden, einen Transfer von 1 bis 2 Milliarden Franken in unser Land haben. Natürlich wollen wir hier die Beträge nicht kleinlich aufrechnen, aber es ist sicher richtig, einmal festzuhalten, dass wir ohne diese ausländischen Ärzte und Ärztinnen die Qualität im Gesundheitswesen nicht aufrechterhalten könnten und dass mit ihnen - ich denke an die Ausbildungskosten, die in anderen Ländern anfallen - massive Finanztransfers in die Schweiz verbunden sind.
Ceci dit - auch wenn ich das als Ständerat eines Standortkantons eigentlich wohl kaum sagen darf -: Zumindest solange die medizinischen Fakultäten nicht im ETH-System integriert sind, kann und soll es hier keine Bundeskompetenz geben. Aber ich möchte - ich stehe hinter Herrn Stähelin - einen klaren Appell an die Kantone richten, die Zahl der Ausbildungsplätze weiter zu erhöhen. Wir benötigen sie!